Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 9 (6.1936)
- Date
- 1936-06-01
- Page
- Seite 357 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr- 9- Juni 1936 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Sehriftleitung der Beilage, Fahrpasse 146, tu richten. Von Frankfurt zur Lahn Wir beginnen heute mit der Veröffentlichung einer Reihe von „Wanderungen", die uns der hervorragende Kenner unserer Landschaft und der Geschichte der Juden in ihr, Herr S. Lilienthal, Lehrer in Wiesbaden, geschrieben hat. Die Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde, auf deren Anregung hin die Veröffentlichung erfolgt, wünscht damit, den Bünden und jedem einzelnen Jugendlichen eine Möglichkeit zu schaffen, ihren Fahrten Richtung und besondere Werte zu verleihen. Die Schriftleitung Mit der Straßenbahn bis Frankfurt a. M.-Höchst. Obwohl seit einigen Jahren ein Stadtteil Frankfurts, wahrt es ein Eigenleben. „Höchst am Main" erhielt 1400 kurmainzisches Stadtrecht und blieb 400 Jahre fast ununterbrochen bei Mainz, kam 1803 zu Nassau, 1866 zu Preußen. Wohl erst wenig vor 1800 wohnen Juden zahlreicher in Höchst; bald schenkt ihnen der Kurfürst von Mainz einen Turm in der Stadtmauer. Dieser wird ihre erste Synagoge. Auf ihrem Platze, am „Höchster Markt", entsteht 1905 die neue Synagoge, stattlicher roter Bau mit 150 Plätzen. Gemeinsamer Friedhof mit den Gemeinden Soden, Hofheim, Hattersheim und Okriftel in der Gemarkung Soden, seit 1870. Alter Friedhof aus dem letzten Viertel des 17. Jahrhunderts bei Niederhofheim. Die Gemeinde F.-Höchst mit F.-Griesheim und F.-Nied gehört bemerkenswerterweise noch zum Rabbinatsbezirk Wiesbaden. (Wir befinden uns also in jüdischer Beziehung wirklich schon außerhalb Frankfurts!) Sie zählen um 1930 zusammen 200 Seelen; heute viel weniger. — Sehenswert auch die Justinuskirche, Basilikabau, entstanden zwischen 826 und 947, mit gotischem Chor: 1443; nicht weit davon der Bolongaropalast, 1772 bis 1775 erbauter Spätbarockbau mit großartigen Rokoko-Fresken in seinem Innern. — Unmittelbar nach dem Durchschreiten der Hauptstraße zwischen den Bürohäusern der I. G. Farben (der Besichtigung wert und zugänglich) wende man sich nach rechts (Norden), schneide nordwestlich wandernd, mit immer schöner werdender Aussicht' auf den sich nordwärts türmenden Taunus, 2 Bahnlinien, die Straße Sindlingen—Unterliederbach und den Pfingstborn, lasse Zeilsheim im wesentlichen links liegen; man erreicht die Elisabethenstraße und — südwestlich — links nach IV» Std. Hofheim i. T. Schön gelegener Luftkurort am Fuße des Kapellenberges, etwa 5000 Seelen. Kleine Judengemeinde, zu der Marxheim und Kriftel gehören. Kleine Synagoge. — Sehenswerte Altstadt. Schöne Ausflüge nach Lorsbach IV2 Std. („Nassauische Schweiz"); zum Hasenberg 2 Std.; zum Staufen 3 Std. und nach Eppstein 4 Std. Alte Burg der Herren von Eppstein, die den Juden ihrer Grafschaft in den Verfolgungen des Mittelalters vielfach Schutz und Förderung gewährten. Zurück durch das berühmte Lorsbachtal in 21/» Std. nach Hofheim. Von dort auf südlich von der Heilanstalt nach Westen abbiegendem Wege 1 Std. durch den schönen Marxheimer Wald bis zur großen Straßenkreuzung; dann südwestlich durch Felder und Wiesenland in V2 Std. zum 300 Jahre alten Friedhofvon W a 11 a u , der. links an der Straße liegt. Oder — sehr schön — von Eppstein über den Judenkopf (grüne Wegmarke), Langenhain, ca. Vis km die linke — südöstliche — Landstraße, dann auf dem heimlichen J u d e n p f a d 1 km bis zum Schnittpunkt mit nordwärts herkommendem Weg und der von Hofheim kommenden Straße; weiter zu den 14 Buchen, dann westlich den Pfad zur oben erwähnten Wegkreuzung und zum alten Friedhof; von Eppstein ca. 3V2 Std. — Vom Friedhof aus eine halbe Stunde nach Wallau. Altes Dorf mit kaum 1000 Seelen, von Wiesen und Feldern umgeben. Der erste Jude schon 1536 ansäßig; später ansehnliche Judengemeinde, die 1701 das Grundstück, auf dem die Synagoge steht, wohl auch das Haus selbst, denn dieses stand damals sicherlich schon, erwerben konnte. Heute nur noch etwa 20 Seelen. Die jetzige Synagoge erstand 1885 und birgt als sehenswerte alte Holzschnitzerei einen mindestens 200 Jahre alten, 1,80 m hohen Chanukahleuchter aus der Synagoge Breckenheim. Aus Wallau stammte R. Chajim Leser Wallau, treuer Anhänger des bedeutenden Spätkabbalisten R. Nathan Adler in Frankfurt, und gleich diesem mit dem Banne des Frankfurter Rabbinats bedroht. Er konnte sich aber in Frankfurt behaupten und wirkte dort etwa 1780 bis 1800 sogar als Rabbinats-Assessor. Heute gehören alle Gemeinden des „blauen Ländchens"*) nördlich und südlich der Frankfurter Straße zu Wallau und halten dort ihren Gottesdienst. Von ihnen besaß nur Breckenheim Selbständigkeit und etwa 250 Jahre hindurch eigene Synagoge, deren Inventar und Memorbuch (von 1746) heute in Wallau sind, und die selbst heute Bauwerkstatt des Baumeisters Ph. Becht ist. Aus Breckenheim kam der Kupferkönig Benjamin Loewenstein in New York, dem manche bürgerliche Gemeinden und Vereine des Ländchens sowie die Isr. Kultusgemeinde Wallau beträchtliche Spenden verdanken. Heute leben keine 100 jüdische Seelen im Ländchen mehr. Erwähnt sei noch eine, vielleicht auf deutschem Boden die letzte, Legende um einen Juden, den Lehrer und Schächter Hirsch Falk, gestorben 1891 in Wallau. Ihm wollte auf nächtlichem Waldwege eine Erscheinung sein zur gleichen Zeit zur Welt kommendes Kind für Gold abkaufen. Falk lehnte ab und blieb lieber ein armer Mann. Als Bestätigung jenes Erlebnisses sei nach Falks Heimkehr ein schwarz umrandeter Kreis auf seinem Tisch sichtbar geworden. Der Tisch steht noch im Hause der Enkelin Hirschs, Frau Selma Levy geb. Falk, in Wallau. Ein Gedicht „Das Gold im Walde" von C. C. Wendel schildert das Erlebnis. — Von Wallau eine Viertelstunde südwärts auf dem Fußpfad längs des Wickersbaches, und man ist an der gefährlichsten Stelle der im übrigen hervorragenden Autostraße Frankfurt—Wiesbaden, dem „Wandersmann". Hier starb eine bedeutende Führerpersönlichkeit der Frankfurter jüdischen Jugend, Dr. Ernst Wolf, als Opfer eines Unfalls. Von hier % Std. (3 km) bis zur Straße nach der Domäne Mechtildshausen, das V2 Std. südwestwärts liegt. Hier hielt Barbarossa, der ja, wenngleich in bester Absicht, die Bezeichnung „Kaiserliche Kammerknechte" für die Juden schuf, 1184 einen seiner glänzendsten Fürstentage ab. Auf der Hauptstraße kommen wir nach 15 Minuten an den Flugplatz Mainz-Wiesbaden, der schon auf Wiesbadenei Gebiet liegt (Besichtigung möglich), und nach weiteren 30 Minuten nach Wiesbaden-E r b e n h e i m , einer schmucken und wohlhabenden Bauernsiedlung von etwa 3000 Seelen und einigen gastfreien *) Diu Bauern des Lündchens Imsen früher blaue Kittel, ihre Krauen lilaue Röcke. Gewaschen wurde, überall am selben Tage. Die an den Leinen trocknenden Killel und Klicke ließen das ganze J.andchen blau erscheinen.