Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 9 (6.1936)
- Date
- 1936-06-01
- Page
- Seite 356 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3094266-3094426-3094435--5254-3100064- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 356 Stoffe und Wäsche kaufet man stets preiswert ein bei: ___ TEXTIL-KAUFHAUS —————_ Leipzigerstr. 14, Nahe Bockenheimer Warte Seligmann Denkmal einer Freundschaft Wenn in diesen letzten Wochen die Wiederkehr des 150. Geburtstages Ludwig Börnes angezeigt und gewürdigt worden ist, so muß einer Frau gedacht werden, die Anregerin seiner Werke, besonders der ..Pariser Briefe" gewesen, die zeitlebens und über den Tod hinaus ihm das „Denkmal einer Freundschaft" errichtete. Jeanetie Wrolil entstammte einem vornehmen jüdischen Hause zu Frankfurt a. M., heiratete in frühester Jugend, auf Drängen der verwitweten Mutter, einen reichen Kaufmann, trennte sich alsbald von ihm, der ihr stets fremd geblieben war. Deshalb mit der Familie entzweit, im Zweifel über sich selbst, innerlich vereinsamt, begegnet sie im Winter 1816/17 einem anderen Einsamen: Ludwig Börne. Und nun beginnt sich ein seltsames Band um diese beiden Mensehen zu schlingen. Jeanette war damals 33 Jahre: eine liebenswürdige, kluge, vielfach interessierte Frau, die Jean Paul verehrte und Rousseaus Schriften kannte, angeborene Milde und große Herzensgüte besaß, von bescheidenem und doch bestimmtem Wesen. Mit diesen Vorzügen paarte sich ein klarer Geist und ein aussergewöhnliches Gefühl für das Individuelle geistiger Wesenheiten. Sie erkennt die „Mission" des jungen Schriftstellers, fühlt, daß der kränkelnde, unsichere Mensch Trost braucht, Halt haben muß, und wird verstehende, aufopfernde Freundin. — Auch B ö r n e, der weder von den Eltern noch den Geschwistern Liebe in grossem Masse empfangen hatte, sieht in Jeanette das Ideal einer Frauengestalt.. Und so entsteht ein Bund, der bis zu Börnes Tode währte, jener „Seelenbund". In dem Naehlass von Frau Wohl befindet sich ein Gesindebüchlein der Stadt Frankfurt, auf dessen erste Seite Börne geschrieben hat: Trat in Dienst, wann? ... Bei wem? ... Auf wie lang? ... IS. Januar 1818. Frau Wohl. Auf ewig. In welcher Eigenschaft?---- Trat aus, wann? Als Freund An seinem Sterbetage. Ihr vertraut er sich an, sein Leben sein Wirken, seine Arbeiten. Mit ihr bespricht er Notizen, Artikel. Sie gibt Batschläge, wird Ansporn; lobt, tadelt, berechnet Honorare, hält ihn vor unbesonnenen Schritten zurück, pflegt ihn, wenn er erkrankt, kennt nur eine Sorge, ihmzu helfen! — Ihr Urteil über seine Arbeiten ist erstaunlich gut. Daß durch die Gründung der „Wage" Börne zum ersten Male an die Oeffentlichkeit tritt und sich durchsetzt, ist gewiss ihr zu verdanken. Unaufhörlich treibt sie, den zweiten Band und weitere Bände fortzusetzen: „Was macht die Wage?" beginnen ihre Briefe, „Wie freue ich mich auf die „Wage"! Ich grüsse den Herausgeber dieser Zeitschrift, sollte er sich diesem Berufe entzogen haben, so sehe ich mich gezwungen, ihm auf lang ein Lebewohl zusagen!" (1822). „Not bricht Eisen, auch meine Geduld! Da ich nun sehe, daß Sie hartnäckig darauf bestellen, die „Wage" nicht herauszugehen, so bin ich ganz fest entschlossen die Auszüge aus Ihren Briefen, die ich sehr eifrig betreibe, Ihnen nicht zu schicken und hiei" •bei Wenner auf meine Kosten als„Wagheft" drucken zu lassen. Punktum, Sand drauf!" Börne muß antworten; schreibt Briefe an die mahnende Freundin. Die ersten aus Paris, ohne Absicht der Veröffentlichung, gehören zu den schönsten, die die deutsche Sprache besitzt. In Jeanette Wohl setzt sich beim Lesen der Gedanke fest: Briefe soll er schreiben, Briefe von ihm würden eine Popularität erreichen, dass sie weit bekannter würden als seine früheren Schriften! Versuchsweise geht Börne darauf ein. Sie sucht aus, bespricht eine Herausgabe, schreibt spätere Briefe stundenlang des Abends ab. Mit unendlicher Mühe entziffert sie bei der Kerzen Schein die kleine, allzukleine Schrift. — Da ist ein vornehmer Kaufmann (Salomon Strauss), der ihr beim Abschreiben der Briefe behilflich ist. Er ist eifriger Verehrer des jungen Schriftstellers und kommt so Jeanette Wohl näher, zu der er Neigung hegt. Wie stellt sich der ferne Freund dazu? Wird ihr ,Seelenbund" bestehen können? — Als Strauss ihr einen Heiratsantrag macht und bittet, Börne zu verlassen, schreibt ihm Jeanette Wohl jene erschütternden Sätze: „Den Doktor verlassen?! — Er wäre ein aufgegebener, verlorener Mann! Er hat niemand auf der Welt als mich! I"h bin ihm Freundin. Schwester, alles, was sich mit diesem Namen Freundliches, Teilnehmendes, Wohlwollendes, im Leben geben, bezeichnen, läßt. —Lieber alles verlieren, lieber nicht leben, als das auf mein Gewissen laden auch könnte ich es nicht, wenn ich auch wollte! —... Schon diese wenigen .Worte haben mich zittern und leichenblass gemacht! Nichts kann mich tiefer erschüttern, als der leiseste Gedanke der Untreue an die Treue. Wenn Du das Verhältnis nicht auffassest, nicht begreifst, mich nicht genug kennst--so ist alles aus und Nacht! Ich kann nicht weiter schreiben!" Jeanette hat Strauss 1832 geheiratet; das junge Paar siedelte nach Frankreich über, um mit dem Freunde gemeinsam in Paris zu leben. Börne, dem Ruhelosen, war ein umfriedetes, glückliches Leben in der Gemeinschaft mit dem Ehepaar Strauss nicht lange bestimmt. Er, der häufig kränkelte, und den Jeanette aufopfernd pflegte, starb fünf Jahre später, am 12. Februar 1837; er wurde nur 51 Jahre alt. Jeanette trauerte um ihn, wie eine Schwester um den Bruder, wie eine Freundin um den Freund! Seine letzten Worte galten ihr: „Sie haben mir viel Freude gemacht!" Er hat sie zur Erbin seines ganzen literarischen Nachlasses eingesetzt und sie hat die Herausgabe seiner gesammelten Werke in der ihr eigenen, schlichten, klugen Weise besorgt, unterstützt von dem treu helfenden Gatten. Lange Jahre hat sie das Grab auf dem Friedhof Pere Lachaise gepflegt, bis sie selbst nach langer Krankheit am 27. November 1871 starb und auf dem Montmartre Friedhof begraben wurde. Mit ihr starb eine der seltenen Frauen, deren selbstlose Freundschaft Leben und Tod überdauert..... Paula A. Galliner Die moderne Tasche sowie Ihr Reisegepäck kaufen Sie am besten im Lederwaren-Spezialhaus MODERNA Kleid und Mantel Sport in neuen rormen [[yjvM" Frankfurt a m \f/ KAISERSTRASSE 5 Für Kleider, Teppiche nur Kunststopferei 1£Xw*l*m OEDERWEG 21 IVOmCJ Gr. Bockenh. Str. 41 --Tel. 55117- Inhab er Sandel Hur noch Goethesirasse 2 Snferieren bringt ©ewimt I Ain<« u. Photo-Apparate 1 Uli fla alle Marken liefert LulUll ARNO KATZ Sandweq 7 Tel. 44475