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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-06-01 · 9 (6.1936) · p. Seite 355

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
9 (6.1936)
Date
1936-06-01
Page
Seite 355 (sequence 29)
Language
German
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MORGENRÖCKE SCHLAFANZÖGE S. LOHREN iiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiinii STEINWEG 3 ZEIL 85 Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie FoTchheimer. Frankfurt a. M.. Schumannstr. 9 CORSETS, CORSELETS BÜSTENHALTER S. LDHREN liiiiniiiiiiiiiiiniiciiiüjiiisc'SiiiiiüKii: STEINWEG 3 liiiiiüüüiiüinmumfi ZEIL 85 Eine Frau kämpft für ein Volk in Not Die Sechzehnjährigen hatten früher eine stille Liebe zu der warmherzigen dänischen Erzählerin Ingeborg Maria Sick, die ihnen von der Kindheit der „Jungfrau Else", von ihrer Mutter, die das Leben immer von der Hochzeitseite und niemals von der „Kirchhofseite" ansah, viel Mutiges und Helles zu berichten wußte. Aber seit langen Jahren waren sie ihr entfremdet — hartes Leben hatte jene sommerliche Eomantik verdrängt. Nun aber steht die Märchenerzählerin von dazumal wieder vor uns:. Aber jetzt erzählt sie keine freundlichen Märchen mehr — Heldenbilder zeichnet sie nach, die das Leben formte. Und nun erschüttert sie uns mehr und kommt uns näher als je vorher mit ihren rasch verfliegenden Träumen von einst. Das Leben der Mathilda Wrede, des „Engels der Gefangenen", jener finnischen Frau, die unerschrocken in die Gefängniszellen ging, erzählte sie zuerst. Jetzt aber gelangte sie auf den geheimen Wegen, die geistige Nähe sie führte, zu einer Gestalt, die uns Juden ganz besonders nahe kommt, obwohl kein Tropfen jüdisches Blut in ihren Adern floss. Das ist die Gestalt der dänischen Lehrerstochter K a r i n Je pp e, die ihr ganzes Leben dem heldenmütigen und unglücklichen Volke der Armenier geweiht bat. Wir alle haben den nun mehr als dreissigjährigen Leidensweg dieses Volkes miterlebt; Franz Werfel hat in ihm das Gleichnis für unsern eignen Weg erkannt und eine Episodedaraus in seinem Buche vom Musa-Dagh festgehalten. Hier aber handelt sichs nicht um ein Epos, an dem des Dichters Phantasie ihren Anteil fordert — hier handelt es sieh um nackte Tatsachen, die ergreifender sind als jedes Dichtwerk. (I. M. Sick, Karin Jeppe. Steinkopf Verl. Stuttgart.) Das armenische Volk lebt seit Jahrhunderten unter eisernem Joche „eingeklemmt zwischen zwei gezogenen Schwertern — der Gewaltherrschaft der Türken und den Raubüberfällen der Kurden". „Wir sterben täglich" können sie mit dem Apostel Paulus sagen. ,:Aber siehe, wir leben" dürfen sie mit ihm hinzufügen. Woher haben sie diesen unerschütterlichen Willen zum Leben? — Das ist ein göttliches Geheimnis. „Das armenische Volk hat noch eine Aufgabe zu erfüllen.....Feinde können versuchen, seinen Namen auszulöschen; aber was über dieses Volk im Buch des Lebens steht, das ist noch nicht zu Ende." — So spricht der armenische Pater, den Ingeborg Maria Sick in den Lagunen von Venedig traf. So sprach auch die bescheidene und heldenhafte Frau, der sie ihr Buch widmete. Als junges Mädchen schon, als sie noch Mathematik an der Schule des Professors Friedrichsen in Dänemark lehrte, wurde sie von dem Schicksal der Armenier gepackt; gegen den Willen der Ihren zog sie aus, um mitten unter ihm helfend zu wirken. Sie leitet das Kinderheim in Urfa und! erlebt nun mit ihren Schülern und Freunden die furchtbaren Zeiten der armenischen Verfolgungen durch die Türken im Weltkrieg, das Hinmorden von armenischen Männern und die grauenhaften Verschickungszüge der unschuldigen Frauen und Kinder, die dann meist damit endeten, daß die Gefangenen in der Wüste starben, oder den arabischen Räuberstämmen zum Opfer fielen. Aber Karin Jeppes eigentliche Wirksamkeit kam erst nach dem Friedensschluss, als sie trotz ihrer geschwächten Gesundheit von neuem hinaus zog, um im armenischen Flüchtlingslager von Aleppo den Resten des versprengten Volkes beizustehen. Hier hat sie dann zunächst ein ganzes Netz von Suchstationen errichtet; es gelang ihr auf diese Weise, etwa 1900 armenische Frauen und Kinder wieder aus der mohammedanischen Gefangenschaft zu befreien. Für die Flüchtlinge wurde unter ihrer Führung zunächst eine neue Stadt ausserhalb Aleppos erbaut, wo mehr als 50000 Menschen in Gütergemeinschaft lebten. Karin Jeppe war — wie einst jene Amerikanerin Corona Mattum — der gute Geist der neuen Siedlung. Aber damit erschöpfte sich ihr Wirken noch nicht. Da ihr klar wurde, daß diesen Menschen damit auf die Dauer nicht geholfen sei, reiste sie beherzt zu dem Beduinenhäuptling Hamijm Pascha und bat ihn um Siedlungsland. Schon im Jahre 1924 wurden die ersten Kolonien Tel Armen und Tel Samen angelegt. Die Armenier glaubten sich zu den Feldern ihrer Heimat zurück versetzt und fanden sieh rasch in das bäuerliche Leben wieder hinein, aus dem harte Faust sie vertrieben hatte. Karin Jeppe war ihnen eine unermüdlich und von allen als Autorität anerkannte Beraterin in diesem Frauenstaat, dem erst allmählich Männer wieder nachwuchsen. Die Lehrerin aus Dänemark, die in den Dörfern im Gyllinger Walde aufgewachsen war, hatte immer behauptet, ein Volk dürfe nicht von der Scholle getrennt, nicht der ursprünglichsten, gesündesten Weise, sieh zu ernähren, entfremdet werden. Wer im Schweisse seines Angesichts das Feld bestellt und sein Korn darauf baut, der besitzt ein unverlierbares Gut. Und sie sah nach den Juden, die dies uralte Volksreeht seit Jahrhunderten so gut wie verloren hatten. „Was die Juden als Volk verloren, was sie an Fähigkeiten und Eigenschaften einbüssten, weil sie seit Jahrhunderten von der Scholle getrennt waren, das ist wohl nicht schwer festzustellen" sagt ihre Dolmetscherin Ingeborg Sick. Und sie fährt fort: „Noch immer ist dies Vermissen denen in Palast ina schmerzlich bewusst, trotz ihrer bewundernswerten Energie und ihres mutigen Willens". So schaffte Karin Jeppe in den letzten zehn Jahren an ihrem grosseh Plan, ungefähr 150 000 Armenier, die sich nach dem Kriege in Syrien niedergelassen hatten und in den verödeten Städten ein armseliges Dasein führten, auf dem Lande anzusiedeln. Ein grausames Geschick rief sie vorzeitig von ihrem grossen Werk: im Alter von 59 Jahren fiel sie einer Malaria zum Opfer. Der Schmerz, eines ganzen Volkes hat sie zu Grabe geleitet. Diese tapferste der Frauen hat selbst einmal bekannt wie sir bei ihrer Rückkehr zu dem verlassenen und vertriebenen Volke der Armenier nach dem Weltkriege eines Abends auf dem Schiffe von Alexandria nach Beirut von einem Anfall verzweiflungsvoller Schwermut gepackt wurde: das Mittelmeer lag dunkel, jeder der matten Wellenschläge schien ihr die eine Antwort zu geben „Hoffnungslos!". „Da plötzlich drang Gesang zu ihr herauf. Ein Chor von jungen klaren Stimmen... Fremde Worte, die Karen nicht verstand... aber eins davon war ihr doch bekannt, ein Wort, das immer wiederkehrte: „Jerusalem! - Jerusalem!" Hunderte junger jüdischer Kolonisten waren es, die sich auf ihrem Wege nach der heiligen Küste befanden und in Jaffa ans Land gesetzt werden sollten. Träger des Grössten vielleicht, was in unsern Tagen geschieht: Menschen, die nach Jahrhunderten der Verbannung in das ferne Land zurückkehrten, das ihnen nicht verloren gehen konnte, weil sie an dem von Geschlecht zu Geschlecht sich vererbenden Worte der Hoffnung festhielten: ,.Im nächsten Jahre in Jerusalem!" Die Geschichte von dem Mädchen aus Dänemark, das zur Retterin eines unglücklichen Volkes wurde, liest sich wie eine alte Legende aus unsrer Zeit — wie eine Enkelin der Jungfrau von Orleans erscheint sie, die ohne Wehr und Waffen ihren Sieg erfocht. Aber... „die Gipfel sehen einander an!" wie Max Brod einmal sagte. — Sie hat die Siedler in Palästina gut verstanden: „auch sie spürte im Dunkel der Nacht schon das Grauen des Tages ..." wo die Vertriebenen heimkehren nach Zion „dessen Wüste werden soll wie der Garten Eden und dessen Oedland wie der Garten des Herrn!". Dr. Bertha Badt-Strauss

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