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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-06-01 · 9 (6.1936) · p. Seite 335

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
9 (6.1936)
Date
1936-06-01
Page
Seite 335 (sequence 9)
Language
German
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Seite 335 sich bewahrt haben, Wahrheit geblieben sein. Die Veröffentlichung erfolgte im vorletzten Kriegsjahr; die „Phäakenstadt" dämmerte schon als Residenz eines sagenhaft gewordenen, in Verfall und Auflösung begriffenen Schlaraffenlands. — Der Romantitel klang nochmals in dem bekannten Reporterbericht eines vagen Landsmanns Winders an: vom Kulturdokument, das der Roman bietet, steht eine tschechische Neuausgabe bevor. — Nur dies von frühester empfindsam-ironischer Frucht, über die Rauhreif, Wetter und Hagel hinweggegangen sind. — Die Geschichte von „Kasai", dem Sohn der afrikanischen Wildnis, bildet in Winders Gesamtwerk nur ein Zwischenspiel. Mit zwölf Jahren wird der an Rasse und Körperlichkeit -vollkommene Knabe, gleich einem stolzen Tier, nur der Selbstherrlichkeit unverkümmerter Instinkte Untertan, nach Europa verpflanzt und einer schon angekränkelten Kulturschicht gesellt, die er alsbald auf seine primitive und bedenkenlose Weise zu meistern anhebt. Doch in dem jungen Millionenerben, der ihn auf Reisen aufgelesen und in die ihm selbst wesensfremde Vaterstadt, Sitz dos Müssiggangs und der Industrie, mitgenommen hat, erwächst ihm ein Gegenspieler von wachsam unbestechlicher Gewissenhaftigkeit des Geistes. Aus der Polarität der zwei Naturen, die zunächst Freundschaft zu verbinden schien, entwickelt sich eine eifernde Hassliebe, eine Art von Lebensduell, das für beide tödlich verläuft. Der gleichzeitige Absturz vom Flugzeug eint sie wieder zu „Menschenbrüdern"____ „Kasai" ist des temperamentvollen Romans Schaugericht; sein Herz aber klopft in der Gestalt des menschenliebenden, menschendienenden Millionärssohnes, dessen Demut sich dem gewalttätigen Hochmut des Exoten gewachsen zeigt... Hier verrät sich schon des Dichters Grundmotiv; doch die Formgebung scheint noch uneinheitlich. Neben Kapiteln der inneren Besinnung finden sich andere von forcierter Klügelei. — Wenn das äusserlich Wirksame noch nicht dichterisch verwirklicht ist, so mag daran die künstliche Belichtung der nur mittelbar empfangenen „Kasai"-Figur Schuld tragen. Dies wird vollends klar, wo Winder aus eigensten Ursprungsquellen schöpft: in den zeitlieh nun folgenden Judenbüchem „Die jüdische Orgel" und ,;Hugo" .„Die jüdische Orgel" gibt sclir'iil und klagend eines mährischen Judenkindes abenteuerlichen Lebensgang wieder, im heimatlichen Ghetto, in fragwürdigen Bereichen der grossen Zentren Wien und Budapest. Es ist wie eine Schöpfung aus scharfer Essenz, angetan mit dem traurigen Duft kranker Kräuter: „siebzigfach gekeltert und süß geworden in den Keltern aller Bitternisse". Exhibitionistisch aufrichtig, enthüllt sie eines Missgeschickten Tun, lässt ihn Talmudschüler, Zuhälter, Ehebüsser, Kantor, Hausierer sein, reisst „die Brust vieler Abende" auf, belauert seine Verlorenheit und brütende Reue, verkrampft ihn der zu früh erfahrenen Dämonie des Fleisches wie der selbstgeisslerischen Askese des Gottsuchers. Gellend schallt diese jüdische Orgel, doch ein Wissender spielt sie. aus urtümlichem Bluts-Erbe, vom Erlebnis gestriemt, der dunklen Melodie wollüstig und träumerisch hingegeben. Wie ist er eingeweiht ins Dr. jur. Hugo Hoffmann Oberlindau 51 Tel. 76655 Versicherungen aller Art schwüle Geheimnis junger Tage: „eine Hängematte über duftendem Heu war die Zeit", wie zuha;;^ in den erstarrten Riter. und Versunkenheiten des Ostens! Daraus formt sich das Bild eines in Selbstentblössting und brennender Scham, in Verkommenheit und Heimweh Zerrissenen und Umgetriebenen. Das ,,Killejiingel" im Grosstadt-Cafe, der verspottete „Hausierer mit Reinheit" im Sumpf der Lebewelt bezeugen dieses Dichters nächtige Gnade. „Hugo", dem äusseren Aspekt nach straffer und kunstgerechter gegliedert, doch geringer an innerer Reichweite und spezifisch jüdischem Bezug, schildert wiederum die Erkenntnisschauer, die vorzeitig über einen wehrlosen Knaben niedergehen, — in drei Stationen schuldloser Passion: im Turnsaal des perversen Lehrers Pravda (dem er es freilich noch heimzahlt), unter den Liebeshändeln der gedemütigten, dem brutalen Zugriff des Zimmergenossen verfallenen Frau König, hinter der ehrbaren Fassade des Hauses Szell, wo Ehebruch, Lüsternheit, Verführungskünste umgehen," die mit dem Anschein mütterlicher Guttat sogar den Unmündigen nicht schonen. — Wie im Knabenlied Frank Wedekinds .,Meine Augen wurden sehend, meine Seele wurde blind" ergeht es auch dem jüdischen Knaben „Hugo" ... Es ist charakteristisch für Winders strenge Selbstkritik, daP> er in den schon erwähnten ,,Ullstein-Bänden" der Jahre 27 und 28 zu anderem Ton und anderen Stofflichkeiten fand, ohne Ausgangspunkt und Grundrichtung seines Schaffens zu verleugnen. ..Die nachgeholten Freuden" (ein Balzac-Titel) und „Die Reitpeitsche" sind Unterhaltungsromane von hohen Graden: man wird nicht erwarten, dass ich den erzählerischen Vorgängen nachgehe. Scheinen sie sprachlich ernüchtert, so sind sie es mit Bewusstsein; reden sie nicht mehr mit feurigen Zungen, so hebt sich ihr Tatbestand umso eindringlicher aus der Asche erkalteter Glut. Der besessene Alte in den „nachgeholten Freuden", der Sohn der „Reitpeitsche", der die Selbstgerechtigkeit des Vaters einer wahren Rosskur unterwirft, handeln, oft grotesk und gespenstisch anzusehen, wie Vollstrecker eines unverjährbaren Gerichtssprache*: als ob die Wunde, die ihrer Kindheit geschlagen wurde, nicht vernarben könnte, sondern in den Blutumlauf der Geschlechter geronnen wäre. Das zarteste, der Liebe bedürftigsten Menschentum wird am härtesten betroffen: es sinnt, wohl ein Leben lang, auf Vergeltung... Darum mag ein durchschnittlicher Geschmack in Winders beiden „Unterhaltungsromanen" als grausames Spiel und überspitzte Konsequenz empfinden, was dem Dichter ein tief gründender Weltblick eingab. JUWELEN GOLD SILBER TRAURINGE BESTECKE edltSiiberund 100qrVerailberun9 Armband-Uhren_ | Uhren-Reparaturen zuverlässig u» preiswert! Anu. Verkauf aus Privatbesitz, stets Gelegenheiten in Juwelen OSEN KAISERSTRASSES NÄCHST ROSSMARKT FRANKFURT AM MAIN |

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