Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 9 (6.1936)
- Date
- 1936-06-01
- Page
- Seite 334 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 334 Jüdische Dichter unserer Zeit Ludwig Winder von Dr. Si Der Name Ludwig Winders. des 47jährigen, aus Mähren gebürtigen, seit Dezennien in Prag lebenden jüdischen Dichters, ist nicht in die breite Oeffentlichkeit gedrungen. Ja, er entging seltsamer "Weise sogar dem Fachmann: der sehr gewissenhafte Band „Deutsche Literatur der Gegenwart" von Werner Mahrholz, dem 1930 verstorbenen Kulturreferenten und Essayisten der Vossischen Zeitung, weiss noch nichts von Winder zu berichten, obschon dieser damals bereits mit~zwei Romanen, „Die nachgeholten Freuden" und „Die Reitpeitsche", unter den bekannten gelben Dreimarkbüchern des Ullstein-Verlags vertreten war und so gewissermassen zum „Bau" gehörte. Verlegerisches Miss- und Zeitgeschick hat ein bisher neunbändiges Romanwerk, das indes bei unternehmenden und noch heute ansehnlichen Verlagshäusern willig Aufnahme gefunden hatte, zerstreut und fast völlig vom Markt entfernt: auch darin mag sich ein Stück jüdischen Schicksals spiegeln. Um zu diesem Dichter von grosser Eigenart und künstlerischer Rechtlichkeit hinzuführen, bietet vielleicht ein summarischer Leberisabriss die geeignete Handhabe; daraus ist, wenigstens andeutungsweise, Aufschluss über Herkunft, Verlauf und Folge der schöpferischen Persönlichkeit in einem Zeitpunkte zu gewinnen, in dem diese sich nicht der Allgemeinheit zu erschliessen vermag. Denn mit Ausnahme des schon fernliegenden, nach einem Abessyuier betitelten Romans „Kasai" (Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1920) und des zuletzt im Verlag Julius Kittls Nachfolger, Leipzig-Mährisch-Ostrau erschienenen „Steffi" (der den Literatur-Staatspreis 1934 der tschechoslowakischen Republik erhielt), sind wohl alle Werke Winders vergriffen oder ungreifbar; auch die erwähnten Ullstein-Bände befinden sich wieder im Eigentum des Verfassers. Verurteilen so die Umstände das Amt des Mittlers zu Vorläufigkeit und Stückwerk, so schöpft es doch seine Rechtfertigung aus Haltung und Gehalt der Windersehen Kunstübung, die Dauer verheissen. Das private Leben Ludwig Winders, an innerem Ereignis reicher als an. äusserem, ist in sein episches Werk eingegangen: natürlich in keinem Stenogramm des Wortlauts, sondern als Sinndeutung, welche die letzte Wahrheitsprobe noch mehr vor sich selbst als vor der Welt zu bestehen hat. Jugend und Judentum allitterieren da immer wieder auf eine denkwürdige Weise; heißt es in Ernst Simons ausserordentlichem Bucli über Bialik, dessen ganze grosse Dichtung sei auf Eindruck und Erinnerung der eisten fünf Kindheitsjahre zurückzubeziehen, so gilt Verwandtes für Winders aus allzu früher Erfahrung die Pubertätswehen umgreifende Produktion. — In noch sehr subjektiv getönten Arbeiten, „Die jüdische Orgel" zumal und „Hugo" (im Untertitel als „Tragödie eines Knaben" gekennzeichnet, beide früher im Rikola-Verlag, Wien) kommen die Spannungen jener Antriebskräfte am vehementesten zum Ausdruck, zuweilen mit leitmotivischer Wiederkehr, auf die vielleicht Thomas Manns längst geklärte Kunst heimlich einwirkte, doch stets im Pulsschlag eines leidenegmund Bing schaftlichen, der schwermütig bedrückenden Enge des östlichen Jugendbezirks abgerungenen Ethos'. Es ist wie eine passionierte Heimsuchung zwischen Ghetto-Erbsehaft und menschheitlichem Verlangen, aufgezeichnet im Zeichen des strengen jüdischen Gotts und in der bangen Erkenntnis menschlich-tierischen Ungenügens. Des Dichters Vater war Lehrer; er selbst wuchs in den Schulhäusern kleiner mährischer Ortschaften, Sehaffas (wo er geboren ist) und später Holleschaus, heran. Und seltsame Kreuzung wiederruni: daß, während der Vater Gedichte in tschechischer Sprache schrieb, dessen Vater, Ludwig Winders Grossvater also, ein in ganz Mähren bekannter Hebräiseh-Lehrer und dazu ein überaus frommer und orthodoxer Mann war. Der junge Dichter erfuhr so vielfältige Lehre, musste lernen und verlernen. Dem Heimatbereich entronnen, studierte er in Ölmütz und Wien, betätigte sich journalistisch, wurde Privatsekretär bei einem verschollenen, exzentrischen ungarischen Grafen, dem er bei einem Werk über Löwen- und Tigerjagden in Afrika Hilfe leistete. Winder, innerlich mit so anderer „Welt" beschäftigt, ward trotzdem, ohne seinen Arbeitsplatz zu verlassen, auch der fremden exotischen gewahr: aus solchem Hintergrund löste sich —1920 — die schon genannte, noch kurzer Betrachtung werte Figur des Abessynischen Fürstensprossen „Kasai"... Mit dem Krieg kam Winder nach Prag; fast schon die Hälfte seiner bisherigen Lebenszeit ist er nun dort sesshaft. Dem Kreis, der sich um Franz Kafka bildete und dem auch Max Brod, der blinde Dichter Oskar Baum, der Philosoph Felix Weltsch, Autor von „Freiheit und Gnade", angehörten, trat er bei und blieb er auch nach Kafkas Tod treu. Inneres Gesicht, sei es physisch oder mystisch von Dunkelheiten verhangen, prägt dieses Kreises Wesensbild; seherisch im tieferen Sinne dringt es zu Klarheit und Gestalt____ Zwanzig Jahre schon seit „Tycho Biahes Weg zu Gott", — eine kurze Spanne indes für Wegsucher, die aller Zweifel vol!, doch nicht am Göttlichen im Menschen, am Sternengesetz in seiner Brust verzweifeln wollen. Ein allmenschliches Glaubensbekenntnis, an keine irdische Religion gebunden, liegt fast jedem Buche Ludwig Winders zugrunde, mag auch des Einzelnen Weg straucheln und stranden. Von der „Jüdischen Orgel" bis zum „Doktor Muff" ist es der gleiche Aufschrei und Anruf, so unablässig Stoff und Darstellungsmittel sich wandeln. Schon als 21jähriger debütierte Ludwig Winder mit einem Gedichtbuch „Das Tal der Tänze". Ich weiss nicht, ob dieser Erstling den orgiastischen Titel zu Recht führt; interessanter: daß sich Richard Dehmel, der deutsche Försterssohn, allem Neuen und und Sprossenden warmherzig zugetan, mit einem Geleitwort für die lyrische Aeusserung des Unbekannten einsetzte. Von der Lyrik ist Winder seither abgekommen, doch die Frühromane tragen noch ihren Anhauch, mit Ausnahme des nach einer Pause von sieben Jahren erschienenen ersten Erzählungsbandes „Die rasende Rotationsmaschine". Hier übt Winder die Gabe des Spotts und der Satire an einem lange vergangenen gesellschaftlichen Wiener Milieu; nur aus der Zeitungswelt mögen noch zähe Reste lllllllllilllllllllllllllillllllllllllllllliM DEUTSCHE EFFECTEN»UND WECHSEL,BANK Konstabier Wache Allerhelligensirasse 89 Osihafen Hanauerlandsfrasse 125 vormals L. A. Hahn — gegründet 1821 — Akt.-Ges. seit 1872 FRANKFURT AM MAIN Kaiserstrasse 30 Auch in den Städten Höchst a. M. 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