Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 9 (6.1936)
- Date
- 1936-06-01
- Page
- Seite 333 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 333 A Nahum Sokolow gestorben Am Abend des 17. Mai ist in London der Ehrenpräsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, Nahum Sokolow, im Alter von 75 Jahren gestorben. Die Nachricht vom Ahleben des verdienten Führers hat in allen jüdischen Kreisen tiefe Bestürzung hervorgerufen. Mit Nahum Sokolow ist eine der Führerpersönlichkeiten dahingegangen, die dem jüdischen Leben in dieser Zeit das Gepräge gegeben haben. Die Namen Weizmann und Sokolow sind untrennbar miteinander und mit der Geschichte der Balfourdeklaration verknüpft, die eine neue Wendung jüdischen Schicksals herbeigeführt hat. In der jüdischkulturellen und hebräischen Erneuerungsbewegung war Sokolow eine treibende Kraft. Sokolow, der 1861 in Wyszogrod bei Plock (Polen) geboren wurde, gehörte der zionistischen Organisation seit ihren Anfängen an. 1905 wurde er Generalsekretär unter dem Präsidenten David Wolffsohn, 1911 wurde er in das Engere Aktionskomitee gewählt. An den Vorarbeiten zur Erlangung der Balfourdeklaration war er führend beteiligt. Mit zahlreichen Staatsmännern und Politikern hat er in zionistisch-diplomatischer Mission verhandelt. Insbesondere ist esr ihm gelungen, die Zustimmung der Eegierungen Frankreichs und Italiens zur Balfourdeklaration zu erlangen. Auch die Resolution des amerikanischen Kongresses zugunsten der Schaffung einer jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina und die Sympathieerklärungen vieler europäischer und aussereuropäischer Regierungen sind das Ergebnis seiner politischen Arbeit. Seit 1920 war Sokolow Präsident der Zionistischen Executive, seit der Gründung der erweiterten Jewish Agency im Jahre 1929 auch Mitglied der Agency-Executive. Auf dem 1931 in Basel abgehaltenen 17. Zionistenkongress wurde er an Stelle Dr. Weizmanns zum Präsidenten der Zionistischen Organisation und auf der anschliessenden Tagung des Council der Jewish Agency zum Präsidenten der Jewish Agency gewählt. Dieses Amt behielt So- All unsere Freunde! kolow bis zur Wiederübernahme der Führung durch Dr. Weizmann auf dem 19. Zionistenkongress, der im August 1935 in Luzern stattfand, bei. Seither war er Ehrenpräsident der Jewish Agency und der Zionistischen Organisation (diese Würde wurde neu für ihn geschaffen), Präsident des Keren Hajessod und Oberster Leiter der gesamten zionistischen Kulturarbeit. Nahum Sokolow war einer der bedeutendsten hebräischen und jiddischen Publizisten. Neben den beiden jüdischen Sprachen beherrschte er auch Englisch. Französisch, Deutsch, Russisch und Polnisch in Wort und Schrift. Als Redner bediente er sich aller dieser Sprachen mit fast gleicher Meisterschaft. In den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts übernahm er die Leitung der ..Hazefira". Die hebräische Journalistik erhielt hauptsächlich durch seine Arbeit europäisches Niveau. Eine Zeitlang war er auch Redakteur des früheren Zentralorgans der zionistischen Bewegung „Die Welt" und des hebräischen Zentralorgans „Haolam". Auch ausserhalb des journalistischen Rahmens hat er eine umfassende literarische Tätigkeit entfaltet. Seine auch in deutscher Sprache erschienene „Geschichte des Zionismus" ist eines der grundlegenden Werke dieses Gebiets. Viele Werke der europäischen Literatur sowie Herzls „Altneuland" wurden von Sokolow ins Hebräische übertragen. Neben seiner zionistischen Arbeit hat Sokolow auch in der Bewegung um die Sicherung von Minderheitenrechten für die Juden in einer Reihe von Staaten als Präsident des Comite des Oelegations Juives eine grosse Rolle gespielt. Ausserdem hat er, der sich stets mit Stolz als polnischen Juden bezeichnete, auch an der Entwicklung landsmannschaftlicher Vereinigungen polnischer Juden im Ausland teilgenommen. Er war Ehrenpräsident des Verbandes polnischer Juden im Ausland und stand mit an der Spitze der Hilfsaktion für die notleidenden Juden in Polen. Der Opfersinn unserer Gemeinschaft, deren Mitglieder fast ausnahmslos in dankenswerter Weise ihren Verpflichtungen gegenüber der Jüdischen Winterhilfe nachgekommen sind, hat zu einem erfreulichen Erfolg der Jüdischen Winterhilfe geführt. Not und Elend aber herrschen weiter in unseren Reihen. Die „Jüdische Wohlfahrtspflege" hat in immer steigendem Maße während des ganzen Jahres die Wirtschafts-, Jugend-, Kranken- und Auswandererfürsorge für die jüdischen Hilfsbedürftigen Frankfurts durchzuführen. Hierzu tritt während des Sommers die Erholungsfürsorge. Nur Müttern, die für eine grosse Familie sorgen, nur im Erwerb Stehenden, deren Arbeitskraft erhalten oder wiederhergestellt werden muss, kann diese Fürsorge gewährt werden. Für sie zu sorgen, ist Erfordernis, soll die Zahl der Hilfsbedürftigen nicht steigen. Aber auch für unsere Kinder und Jugendlichen muss gesorgt werden. Ihr Gesundheitszustand hat sich erheblich verschlechtert. Die Ernährungszulagen, die wir gewähren, genügen nicht, um die Kinder bei Kräften zu erhalten. Unsere Aerzte fordern deshalb gerade in diesem Jahre neben der Beibehaltung der laufenden Ernährungszuschüsse die Durchführung ausreichender Erholungskuren. Unsere Aufgabe ist es: Erholung zu schaffen für 600 Kinder, für Mütter und für alle, deren Kräfte wiederhergestellt werden müssen! Wenn alle helfen, kann allen geholfen werden! Jede, auch die kleinste Gabe ist erwünscht! Wir bitten Sie, auf der beigefügten Karte vermerken zu wollen, ob wir mit einem monatlichen Beitrag für die Monate Mai bis September rechnen dürfen, oder ob Sie eine einmalige Zahlung leisten wollen. Vorstand der Vorstand der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a. M. Jüdischen Wohlfahrtspflege Justizrat Dr. Blau Sanitätsrat Dr. Ettlinger