Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 8 (5.1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- Seite 321 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 321 Eine ähnliche Stellung wird auch von manchen zum Allgemein-J üdischen allgemein eingenommen, von vielen zu dem Jüdisch-Religiösen. Interesse besteht bei diesen für jüdische Fragen nur soweit, als es mit dem Nation- und Volkshaften zusammenhängt. So werden nur wenige Bücher religiösen Inhalts (Buber. Breuer und Hirsch), dafür aber umsomehr Herzl, Pinsker, Schalom Asch etc. gelesen. Auch wenn berücksichtigt wird, dass in diesem Alter keine tiefschürfenden, religions-philosophischen Abhandlungen durchgearbeitet werden können, ist es erschreckend, dass ein grosser Teil der Jugend sich noch nicht einmal an das Pentateuch heranwagt, von Mischna und Kommentatoren ganz zu schweigen. Die allerwenigsten beschäftigen sich außerhalb der Schule mit hebräisch und wenn, nur mit Jwrith. Von den befragten Jungens und Mädels, einschliesslich der Aelteren, soweit sie beruflich tätig sind, gab keiner an, sich mit Fragen des Berufes ausserhalb des Geschäftes zu befassen. Bei dem Vergleich mit der Lektüre gleichaltriger M ä d e h e n fällt auf, dass diese bedeutend ernster in der Auswahl des Lesestoffes als Jungens sind; so lesen sie weniger Jungens- und Abenteurer-Lektüre, dafür aber umsomehr Novellen und Eomane, hierbei auch schon Werke der grossen Roman-Schriftsteller. Während dem 15jährigen Jungen Namen wie Wassermann, Jbsen, Tolstoi, Dostojewski u. ä. zum grossen Teil unbekannt sind, haben die meisten Mädels von diesen Schriftstellern schon etwas gelesen. Unter den Novellen sind besonders bevorzugt Zweig, Binding, Rilke, Wilde, Kleist und Storm. Das Interesse an jüdischen Dingen ist geringer. Lyrische Werke (Rilke und George), auch Klassiker, werden mehr gelesen. Es ist auffällig, dass die Mädels, wenn sie sich überhaupt damit beschäftigen, meistens die wildesten und schaurigsten Sachen lesen, in fast allen Fällen eine bedeutend größere Zahl „verschlingen" als die Jungens, und von dieser Lektüre so gefangen werden, daß sie sich viel schwerer davon losreißen können als Jungens. Bei den 16 bis 20jährigen stellen wir rein äusserlich fest, dass, was selbstverständlich ist, das Abenteuerbuch bedeutend weniger gelesen wird, das Interesse an Novellen gleichgeblieben ist, Romane, Judaica, Klassiker und wissenschaftliche Literatur aber eine viel grössere Rolle spielen. Bei der Lektüre der 16-20jährigen fällt auf, dass die Werke der Schriftsteller und Dichter, die für die deutsche Jugendbewegung grundlegend wurden oder aus ihr gekommen sind, für diese Altersschicht die entscheidende Bedeutung gewonnen haben (Hesse, George, Rilke, Binding, Flex, Hausmann, Carossa, Dwinger und Ebermayer). Dies wird verständlich, wenn wir berücksichtigen, dass diese Menschen fast alle aus der bündischen Jugend kommen, dort ihre entscheidende Prägung erhielten durch Führer, die sich bemühten, ihnen eine neue menschliche Haltung in das Leben mitzugeben, die sie am reinsten und klarsten in den Büchern dieser Schriftsteller und Dichter verkörpert sahen. Auch das Bestreben der jungen Generation kommt hier zum Ausdruck, sich freizumachen von Bindungen an das Alte und Vergangene, neuen Wegen und Zielen nachzugehen, und mit dieser starken Betonung des „Jungen" und „Neuen" fällt sehr leicht eine Missachtung auch der Kulturwerte einer zurückliegenden Zeit zusammen, besonders wenn zu dieser Vergangenheit durch eine Wandlung des gesamten wirtschaftliehen und politischen Lebens keine Beziehungen, oder nur noch sehr geringe, bestehen. Die Aufgabe dieser Untersuchung, die Wandlung aufzuzeigen, die im Verhältnis des jüdischen Jugendlichen zum Buch eingetreten ist, ist nicht damit gelöst,wenn lediglich die Fakten aufgesteltt werden, sondern es ist notwendig zu wissen, auf was dieser Wandel zurückzuführen ist. Es geht über den Rahmen dieser Arbeit hinaus, ein Bild von der geistigen Wendung zu gehen, die im Zusammenhang mit dem Aufkommen und der Herrschaft der Naturwissenschaften und der Technik heute im „Maschinenzeitalter" (Jaspers, Klatt) auf allen Gebieten geistigen und kulturellen Lebens sichtbar geworden ist. Es muss aber klar und eindeutig gesagt werden, dass die Materialisierung und Mechanisierung des ganzen Lebens und damit der Beziehungen der Menschen zueinander im Letzten verantwortlieh dafür sind, dass heute die Jugend oft nicht mehr die Kraft und den Willen hat.ein ernstes, anstrengendes Buch zu lesen, sondern sich mit Abenteuerromanen und Novellen begnügt. Es ist erschreckend, wenn man sieht, dass die 13 bis 16/17jährigen die Klassiker fast nicht mehr kennen, fast keinen guten Roman lesen und wenig Interesse für wissenschaftliches und jüdisches Schrifttum haben, soweit es nicht rein praktisch orientiert ist. Während noch bis vor wenigen Jahren diese Abwendung vom literarischen Werk bei der jüdischen Jugend Deutschlands nicht in dem starken Masse festzustellen war, wie bei der gleichaltrigen nichtjüdischen Jugend, ist hier infolge des politischen Umsturzes des Jahres 1933, der die geistige, soziale und wirtschaftliche Lage der deutschen Jaden vollkommen änderte, eine ausserordentlich starke Angleichung erfolgt. Bis zum Jahre 1933 besuchten der jüdische Junge und das jüdische Mädel meistens die höhere Schule, zum mindesten bis zum Einjährigen, viele bis zum Abitur, und sie erhielten dadurch eine abgeschlossene Bildung. Noch wichtiger war es, dass der junge Mensch genügend Freizeit hatte, in der er Sport treiben, aber auch Bücher lesen konnte. Aber durch die Ereignisse des Jahres 1933 gehen heute die meisten Jugendlichen, wenn sie überhaupt noch die höhere Schule besuchen, schon vor dem Einjährigen ab; mit 14 oder 15 Jahren kommen sie in einen Beruf oder bereiten sich für die Auswanderung vor. In den für unsere Entwicklung wichtigsten Jahren waren wir noch „Pennäler'', während die Jungens heute in diesem Alter schon beruflich tätig sind und von morgens bis abends angestrengt arbeiten müssen, sodass sie keine Zeit mehr haben, sich selbst wesentlich weiterzubilden. Der willensmässige Anstoss zur Weiterbildung erfolgte oft durch das Beispiel, das die Schule gab. Das fällt heute fort. 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