Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 8 (5.1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- Seite 320 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nf. 8. Mai 1936 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Ver- _antwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage, Fahrgasse 146, au richten. Jugend und Buch von Franz Kosenthai Das Bildungsproblem ist eine Frage, die im deutschen Judentum eifrig erörtert wird. Eine Wandlung der Bildungsinh alt e ist eingetreten. Die Frage an die Jugend lautet nicht: „Wie und wodurch willst Du gebildet werden?", sie lautet: „Willst Du überhaupt noch gebildet werden?". Die vorliegende Untersuchung will an der Beziehung der heutigen Jugend zum Buch diese grosse geistige Wandlung aufzeigen. Es ist für die Jugend, nicht nur die jüdische bezeichnend, dass es für sie in erster Linie darum geht, das Praktische zu meistern. Sie ist geschickt und tüchtig im Praktischen und Handwerklichen. Das kann sie gut und sauber erledigen und hier lässt sie sich nichts vormachen; doch im Geistigen herrscht um so grössere Unsicherheit, Formlosigkeit und Trägheit. Während es früher oft so war, dass die Jugend nicht die Fähigkeit hatte, um zum praktischen Leben „Ja" zu sagen, lässt sich heute ein bewusstes Abgrenzen gegenüber dem geistigen Bezirk feststellen. Eine neue Jugend ist im Werden, für die das- Buch vielfach keine oder nur geringe Bedeutung besitzt. Bis jetzt war das Buch ein wichtigstes Mittel der Bildung und Erziehung, und das Verhältnis des Menschen zum Buch war eine jener Grundbeziehungen, an deren Erhaltung auch die moderne Kultur Interesse haben muss, soll nicht allgemeine Fellachisierung, d. h. sozialer und geistiger Abstieg, die Folge sein. Ich habe an die Frankfurter Gruppen des B. d. j. J. (Bund deutsch-jüdischer Jugend), des Brit Habonim und des Brit Chaluzim Dätiim Fragebogen übersandt, mit der Bitte, diese an ihre 14 bis 18jährigen Jungens und Mädels (an etwa 150 Leute) weiterzugeben. Auf den Fragebogen war ausser Angabe des Bundes, dem sie angehören, Namen, Alter, Schule bezw. Beruf der Befragten anzugeben, ferner welche Bücher sie in der letzten Zeit (1-2 Jahre) gelesen und welche ihnen besonders starken Eindruck gemacht haben. Unorganisierte Jugendliche wurden nur ausnahmsweise befragt, auch habe ich darauf verzichtet „Sportvereinsjugend" zu erfassen. Dadurch, daß Menschen aus deutsch-jüdischen, zionistischen, liberalen, orthodoxen und ost-jüdischen Kreisen erfasst sind, wird sich ein ziemlich zutreffendes Durchsehnitts- 1» i 1 d ergeben haben. Die Befragung hat sich im wesentlichen darauf beschränkt, Jungens und Mädels im Alter von 14—17/18 Jahren heranzuziehen, weil deren Reifezeit — in der die ersten geistigen Interessen erwachen -Tin die Jahre der politischen Umwälzung in Deutschland gefallen ist oder in die neue Ordnung fällt, denn es ist wichtig, ob ein Jugendlicher schon vor 1933 oder erst später eine Stellung zu seiher Umgebung gewonnen hat, ob diese Umgebung die allgemein deutsehe oder nur der jüdischeBaum ist. Im Sommer-Tertial 1935 des Jüdischen Lehrhauses Frankfurt a. M. hat Professor Dr. Curt Bondy in einem Kursus „Die Technik des geistigen Arbeitens" die gleiche Rundfrage an seine 17- bis 20jährigen Zuhörer gerichtet. Er stellte mir die Unterlagen und das Ergebnis dieser Untersuchung zur Verfügung. Hierdurch konnten die Angaben von etwa 30 Leuten, die zum größten Teil Führer der Frankfurter Jugendbünde sind, verwertet werden. Dies ergab eine gute Ergänzung und. einen Vergleichsmaßstab für die Auswertung der übrigen Untersuchungen. Wichtig für eine solche Arbeit, sollen wirklich ertragreiche, lesepsychologische Ergebnisse gewonnen werden, ist es, möglichst genaue Angaben über Alter, Geschlecht, soziale Abkunft, Vorbildung, weltanschauliche und politische Stellung und Beruf der Jugendlichen zu erhalten. Diese Angaben sind in der folgenden Aufstellung zusammengefasst: Es ergibt sich, daß der grösste Teil der in dieser Rundfrage Erfassten aus dem deutsch-jüdischen Mittelstand stammt. Fast alle haben die höhere Schule besucht, von den Älteren (A.-G. Bondy) Soziale Gliederung der Untersuchten J u n g e n s BDJJ. Ffm. und Mainz . . . Zahl Alter Schule bis mittlere Reife Abitur 30 13-16 27 3 Zionistische Bünde. . . 40 13-16 38 2 A.-G. Bondy . 15 16-20 9 6 Mädels BDJJ. Ffm. . . 20 13-16 19 1 Zionistische Bünde . . . 35 13-16 39 1 A.-G. Bondy . 10 16—20 9 1 Von den beiutlich Tai igen sind 10 11 3 2* 8 2* Akademiker * Auch in Haushaltungen tätig. haben sogar noch einige das Abitur gemacht, während die meisten der Jüngeren schon vor Abselüuss der mittleren Reife, spätestens mit dem Einjährigen, aus der Schule genommen wurden, bezw. werden. Die Mehrzahl der beruflich Tätigen sind, was wohl auch mit der Struktur der Frankfurter Gemeinde zusammenhängt, noch in kaufmännischen Stellen, Lehrlinge und Angestellte, doch zeigen sich auch hier starke Umschichtungsbestrebungen, besonders bei den Mädchen (Stellen in Haushaltungen) und bei den zionistischen Jungens (Handwerk und landwirtschaftliche Hachscharah). Bei den Antworten der 13-16jährigen Jungens und Mädels ergibt sich bei vorsichtiger Auswertung: Es fällt auf, daß bei den Jungens in diesem Alter das Abenteuerbuch noch eine sehr grosse Rolle spielt. In dieses Gebiet gehören u. a. Karl May, Tom Shark, auch Edgar Wallace und Dominik etc. — Von den Büchern Karl Mays wurden 10 bis 60 gelesen. Allerdings sagte mir einer der Jungens, daß er nach dem Lesen des zwanzigsten oder fünfundzwanzigsten Karl May-Buches gemerkt habe, daß „das eigentlich immer nach demselben Schema ginge und wohl nicht ganz wahr sei". Der eine oder andere merkt auch schon, daß die religiöse Verbrämung etwas kitschig sei. Davon abgesehen, werden die Bücher Karl Mays allgemein wegen ihres spannenden Inhalts und ihrer guten Schilderungen als richtige Jungenslektüre bezeichnet, und die Jungens haben kein Verständnis dafür, dass das Lesen dieser Bücher von den Eltern verboten wird, wie das heute noch vorkommen soll. Neben dieser „Literatur" werden Fahrtenbücher, Kriegsliteratur und gute Reisebeschreibungen sehr begehrt. So steht bei fast allen Jack London mit seinen meisterhaften Schilderungen an erster Stelle, es folgen Sven Hedin, Kipling etc. Die Novelle, die dieser Altersschicht durch ihre skizzenhafte Behandlung der Probleme, ihre Kürze und Charakterschilderung sehr wesensgemäss ist, nimmt unter den Büchern den wichtigsten Platz ein. Besonders bevorzugt sind die Novellen von Stefan Zweig, Binding, Ulitz, Storm, Hauff und C. F. Meyer. Auch humorvolle Schilderungen, wie die von Gronemann, werden gelesen, doch zu Kleist mit seinen schwierigen Fragestellungen greift fast keiner. Es ist überhaupt erstaunlich, dass die Klassiker so wenig gelesen und gekannt werden, zum Teil ist daran die Schule schuld, andererseits verstehen aber die Jungens heute die klassische „Haltung" und damit auch diese Literatur nicht mehr. Sie ist nach Ansicht vieler „uninteressant, passt nicht mehr zur Zeit" und sagt auch scheinbar nichts mehr zu dem umwälzenden Geschehen unserer Tage.