Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 8 (5.1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- Seite 318 (sequence 32)
- Language
- German
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Seite 318 Für das Frühjahr und den Sommer NEUE WOLLu. SEIDENSTOFFE Neue Farben, moderne Gewebe für Kostüme, Complets, Kleider und Mäntel grosse Auswahl, gute Qualitäten vorteilhafte Preislagen! Jpewttlhal Gegr. 1 8T0 An der Hauptwache Das Isenburger Heim im Jahre 1935 Trotzdem wir in regelmässigen Abständen der Oeffentlichkeit über unsere Arbeit Rechenschaft geben, scheint es doch, daß sowohl die geographische Lage des Isenburger Heims wie die Mitarbeit einer Reihe Frankfurter Frauen uns die Pflicht gibt, auf die Arbeit des Heims im Jahre 1935 auch an dieser Stelle lünzuweisen. Bekanntlich ist das Heim des Jüdischen Frauenbundes in >5eu-Isenburg für das ganze deutsche Reich ein naeli traditionellen Grundsätzen geführtes Erziehungsheim für Schulkinder, eine haus wirtschaftliche Ausbildungsstätte für Schulentlassene, Schutz für Schwangere und Mütter, Pflegestelle für Säuglinge und Kleinkinder (eheliche und uneheliche). Das Heim vermeidet alles Anstaltsmässige und hat durchaus Familien-Charakter. Daß die Arbeit des Isenburger Heims stetig weitergehen konnte, kaum verändert gegen die vorhergehenden Jahre, ist allein schon eine erfreuliche Feststellung. Wir find heute besonders dankbar, wenn unsere Institutionen eine ruhige Entwicklungslinie zeigen, namentlich solche, die Kindern und Jugendlichen Schutz, Erziehung und Ausbildung zu bieten haben. 74 Zöglinge hat unser Isenburger Heim im letzten Jahre neu aufgenommen — zu den 69 Insassen am 1. 1. 1935 — 67 entlassen. Mit 76 Zöglingen ist das Jahr. 1936 begonnen worden. In der Verteilung der Altersgruppen ist gegen das Vorjahr die Zahl der Sehulkinder merklich gestiegen (30 gegen 25), die der Schwangeren und Mütter gesunken (13 gegen 23). Demzufolge ist auch die Säuglingsstation in den letzten Monaten etwas kleiner geworden. Die Gruppen der Kleinkinder und Schulentlassenen sind etwa gleich geblieben. Die Väter der Neugeborenen sind — zum erstenmal — in überwiegender Zahl jüdischer Konfession. An den Zahlen, die die Einweisung&gründe beleuchten, fällt zweierlei auf: das Ansteigen der Privateinweisungen (33 gegen 27) und der unter Fürsorge-Erziehung stehenden Zöglinge (14 gegen 9). Von privater Seite wird das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Isenburg besonders gern als Erholungsstätte für Klein- und Schulkinder benutzt. Garten und Wald, die Gleichmässigkeit eines geregelten Lebens mit gesunder Ernährung und ausreichender Ruhe sowie das Fernhalten aller Störungen sind ideale Erholungs- und Erziehungsfaktoren. Für die grösseren Kinder ist die jüdische Atmosphäre von nachhaltigem Eindruck. Es gehört zu den bewährten Erziehungsgrundsätzen Isenburgs, diese Heilfaktoreri, deren günstiger Einfluss bei physisch Sehwachen erprobt ist, auch bei den psychisch „Erholungsbedürftigen" einzusetzen, ohne eine ausgesprochene „Heilpädagogik" anzuwenden. Auch die wesentliche Rolle, die man der Arbeit für den Heilungsprozess zumisst, unterscheidet das Erziehungsheim kaum noch von der modernen Heilstätte. Die Erfolge des Arztes und des Erziehers sind — um die Parallele noch weiter zu ziehen — vor allem von zwei Voraussetzungen abhängig: von der Heilbarkeit des Leidens überhaupt und vom richtigen Zeitpunkt der Einweisung des Pfleglings. Ja, von der letzten Voraussetzung hängt vielleicht für den Erzieher mehr noch ab als für den Arzt, da es auf seinem Gebiet eine Chirurgie, die den Kranken zuweilen noch im letzten Moment zu retten vermag, nicht gibt. Insofern müssen die vermehrten Fürsorge-Erziehungsfälle, muß die dauernde Verschlechterung des Zöglingsmaterials, das die Gruppe der Jugendlichen bildet, zu denken geben. Daß an sich bildungsfähige Mädchen oft zu spät eingewiesen oder auch zu schnell wieder abberufen werden, daß die Einweisungen dieser Altersgruppe jetzt auch zahlenmässig sehr zurückgegangen sind, ist in den letzten Monaten z. T. durch die Auswirkungen des Hausgehilfinnengesetzes zu erklären. Bei der Fülle von Stellenangeboten finden auch an sich untaugliche Kräfte immer wieder — kurzfristige — Arbeitsmöglichkeiten, und sicher dauert es relativ lange, bis sie vom Arheitsprozess ausgeschieden werden. Meist wird es dann zu spät oder doch zumindest sehr erschwert sein, die Mädchen wieder auf den rechten Weg zu bringen. Andererseits beeinträchtigt es die Erziehungsarbeit, wenn den Mädchen von den einweisenden Stellen von vorneherein Versprechen für eine baldige Abberufung gegeben werden. Zwar könnte Isenburg jedem Zögling, nach noch so kurzer Ausbildung, eine Stelle vermitteln — das Heim wird mit entsprechenden Anfragen überhäuft —; aber die Maßstäbe der Heimleitung an das Können und die innere Festigkeit der Mädchen durften auch durch die veränderte Arbeitsmarktlage nicht verschoben werden. Die Erziehungserfolge Isenburgs an einigermassen bildungsfähigem Kindermaterial sind auch im letzten Jahr bestätigt worden. Daß den Kleinen die für ihre spätere Entwicklung wichtige pflegerische Grundlage gegeben wird, beweisen die glückseligen Berichte von. Eltern, die Isenburger Kinder adoptiert oder in Dauerpflege genommen haben. Die Sehulkinder, die im Jahre 3934 ins Glasgow er Waisenhaus kamen, entsprechen in jeder Hinsicht dem Niveau der anderen — normalen Kinder. Die Briefe, die Kleinere und Grössere aus Palästina schreiben, bekennen oder lassen erkennen, daß Isenburg eine gute Lebensvorbereitung war: praktisch, menschlich und jüdisch. Und diese guten Erfolge konnten auch mit den Schülerinnen erzielt werden, die eine Ausbildung in Hauswirtschaft, Kinder- und Säuglingspflege empfingen und entweder in Deutschland oder in einem anderen Land das anwenden können, was sie in Isenburg lernten. Es sei in diesem Berieht auch erwähnt, daß gerade im letzten Jahr einige frühere Isenburger Zöglinge durch den Heehaluz zur Hachscharah, z. T. auch bereits nach Palästina gekommen sind. Jedes Jahr brachte mit neuen Aufgaben seine neuen Sorgen. — Jetzt bangt man um die Fortführungsmögliehkeit der Krankenversicherung, die jedenfalls erhöhte finanzielle Opfer fordern wird. Der vom Jüdischen Frauenbund geschaffene Hilfsfonds, der sich für Eilaufnahmen, besondere Pflegemittel und ähnliche, einmalige Aufwendungen als unentbehrlich erwiesen hat, wird mehr denn je in Anspruch genommen werden müssen. Wenn heute in jüdischen Schulen und Landerziehungsheimen durch Jugendalijah und Lehrkurse aller Art unsere Jugend für ihr Schicksal ausgerüstet wird, so dürfen die Juden in Deutschland und die an ihrem Ergehen Beteiligten diese Zelle jüdischer Erziehungsarbeit nicht übersehen, in der versucht wird, aus , Stiefkinder des Schicksals" brauchbare Glieder der jüdischen Gesellschaft zu bilden. Mit der unverwüstlichen Zuversicht, die in jedem jungen Leben eine Verpflichtung, in jedem Kind eine Hoffnung, sieht. Hannah Karminski