Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 8 (5.1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- Seite 317 (sequence 31)
- Language
- German
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Seite 317 wurden — begreiflicherweise — die Bindungen zur Vergangenheit gelockert. Im Gefühl der Kinder wurde das Jüdische, wovon die Eltern möglichst wenig zu ihnen sprachen, etwas Minderwertiges, Heimliches, etwas, was man besser versteckte — und was dadurch, wie alles Verbotene, anziehend wurde; dazu kam hei der begabten Fanny Lewald sehr früh das Bewusstsein, daß die jüdische Frau vom Geistigen ausgeschlossen, nur auf Haus und Familie Deschränkt war. Nun strebte sie, mit allen ihren durch strenge Erziehung des Vaters verstärkten Energien, hinaus aus der doppelten Bindung und hinein in das ersehnte Keich deutscher Kultur. Deutlich , sieht man den Weg der geistig .regsten, begabtesten Frauen dieser Generation, die dann zu den wertvollsten Vorkämpferinnen der Frauenbildung wurden, dem Judentum aber, wenn nicht gar durch den Uebertritt (wie Fanny Lewald, Henriette Herz und Mendelssohns Töchter und Enkelinnen), so doch innerlich verloren gingen. Die gleiche Entwicklung lässt sich aus ostjüdischen Frauenautobiographien verfolgen: neben einer Pauline Wengeroff steht die leidenschaftliche und bedeutendere Mary Antin9*, die aus dem östlichen Ghetto ins „Land der Verheissung", d. h. nach Amerika, als Land der unbeschränkten Bildungsmöglichkeiten, kommt. Sie schildert — hundert Jahre nach Henriette Herz! — noch genau so wie diese die Verlobung der kindlichen Mädchen durch die Verwandten, die völlige Unbildung auch der Begabteren, die zwangsmässige Erziehung der Knaben in einem den Mädchen verschlossenen geistigen Kaum und die Folgen dieses Zustandes: Eebellion und Abfall. Noch andere ostjüdische Lebensdokumente sind in den letzten Jahrzehnten neben dies wichtige Buch getreten: als Fragmente die Kindheitserinnerungen von Perez Mendele und B i a 1 i k, als abgeschlossene Werke die von Fromer10* und Epstein u* und SchmarjaLevin.12* Gerade das Buch Levins gehört zum dichterisch besten der jüdischen Literatur. Das Bild der noch ungebrochenen, mittelalterlichgeschlossenen Welt steigt auf und weicht langsam der, neuen.- der junge Mensch verlässt die Heimat. Und wie jener unselige, ebenso reich begabte Salomon Maimon tritt er in die Bildungswelt Europas ein. Sie ist, um ein volles Jahrhundert später, aber nicht mehr so siegheift - überwältigend. Neue Kräfte werden hinter ihrer schon leise bröckelnden Fassade sichtbar, und sie stehen nicht unüberbrückbarem Gegensatz zur heimischen Welt der Tradition. So kann dies reine und schöne Buch anders ausklingen als die Bekenntnisse des Maimon und seiner Zeitgenossen, für die nur völliger Verzicht und bedingungslose Übergabe möglich waren. Schmarya Levins Buch, das z. T. in Amerika niedergeschrieben wurde, steht neben anderen, die düsterer sind, wie Michael Golds „Juden ohne Geld", Louis Goldings „Vorwärts von Babylon". Hier gibt es keinen hoffnungsvollen Ausblick wie bei Mary Antin oder Eebekkah Kohut, sondern auswegsloses Dunkel. So stellen Schmarya Levins Erinnerungen wohl den Höhepunkt und zugleich den Abschluss jenes reichen Kapitels jüdischen Schrifttums dar, das einsetzt mit der Entdeckung der Einzelseele und schliesst mit der Ueberwindung des Individualismus, seinem Uebergang in ein neues Gemeinschaftsgefühl, das sich z. B. in dem palästinensischen Sammelwerk „Arbeiterinnen erzählen"l3* von dem alten der voremanzipatorischen Zeit (etwa einer Glückel von Hameln, eines Aron Isak) dadurch unterscheidet, daß hier die ganze Erlebnistiefe des Individualismus weiterbesteht. Wir sind manchmal unsicher, was wir lesen sollen: wir wollen nicht immer nur Aktuelles, aber doch auch nichts, was bloss zerstreut und ablenkt. Da hoffen wir auf eine Quelle hingewiesen zu haben, die uns das gibt, was wir heute im Buch suchen: Sinndeutung unseres Erlebens und Selbsterkenntnis. Dora Edinger 9* Mary Antin. Vom Ghetto ins Land der Verheissung. Stuttgart, o. J. 10* Jakob Fromer. Vom Ghetto zur modernen Kultur. Heidelberg 1906. "* JVhudo Epstein. Mein Weg von Ost nach West. Stuttgart o. J. 12* Schmarya Levin. Kindheit im Exil. Berlin 1932. 13* Arbeiterinnen erzählen. Berlin 1934. I Empfehlenswerte Hotels, Pensionen, Cafes und Gaststätten I LONDON n.w.3 Mrs. L. B. BENDHEIM vornehme deutsch - engl. Famtllenpension 11 Adamson Roadi I Kit. Frlval- Miilaisiiscti bezw. Abendtisch v. 1—2 Herren mögl. Bahnhofsviertel ges. Preisoff. u. M 500 _ an die Anz.-Verwalt. Reineckstrasse 17 19 M ltta£|eSSen Ia reichlich preiswert frei Haus Ptivat-Versandküche . ERNA FRIEDMANN RhelnstraBe 14, Tel. 74417_Erste Empfehlungen Pension Reis Staufen Str. 30 Ali 15. Mai Garmerweos.Pttri. FWMiH**,*H-*i* 2 Min. v. Hauptbahnh. Telefon 32527 Europäischer Hof Hotel / Restaurant gut bürgert. Haus, fließ. Wasser, Zimmer 2.50 u. 3.— RM. Besitzer: Saly Blum „Pension Oederweg" gibt gut bürgerlichen Mittagu. Abendtisch. Einze! oder im Abonnement (i icht rituell) Pension Oederweg 14 II. 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