Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 8 (5.1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- Seite 316 (sequence 30)
- Language
- German
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MORGENRÖCKE SCHLAFANZÖGE S. LOHREN h Wi'l'^UmmWü STEINWEG 3 ZEIL 85 Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer. Frankfurt a. M.. Schumannstr. 9 CORSETS, CORSELETS BÜSTENHALTER S. LOHREN iiiiiii*fii;jnniiiiJjji*HifiJi^'i;firj«;i}|(fi;jfi?7j;fijfjjlflif,*ffifff*iHiiff STEINWEG 3 ZEIL 85 Jüdische Selbstbekenntnisse Das Geleitwort zu den „Memoiren einer Grossmutter" der Pauline Wengeroff1* beginnt der Herausgeber Gustav Karpeles mit den Worten: „Die jüdische Literatur besitzt leider nur sehr wenige Memoirenwerke". Besser hätte er gesagt, daß er nur wenige kenne; so wäre dieser, sein Irrtum, nicht wiederholt worden, und Leser, die mehr als Ablenkung und Tagesakfualitäten vom Buch verlangen, wären an dieser reichen und wichtigen Literaturgattung bisher nicht vorbeigegangen. Glücklicherweise hat der Schockenverlag in seiner verdienstvollen kleinen Bücherei einen Axiswahlband ,:J ü d i s c h e Memoiren, aus drei Jahrhunderten"2* herausgebracht. Es handelt sich nur um Erinnerungen aus dem deutschen Sprachgebiet. Mit Recht sagt der Herausgeber Hans Bach:3* „Wir Nachgeborenen haben — denn es sind ja unsere Voreltern! — mehr Grund, aus diesem Leben in Bejahung und Verneinung zu lernen als uns darüber erhaben zu fühlen". Es wurde an dieser Stelle schon mehrmals an diesen literarischen Reichtum erinnert: einmal wurde auf die Privatdrueke — die in die Bach'sche Sammlung zum Teil aufgenommen wurden — dann auf die bedeutenden Erinnerungen der Fanny L e w a 1 d, die leider sehr selten geworden sind, hingewiesen. Heute sollen unsere Leserinnen auf einige Bücher aufmerksam gemacht werden, die z. T. auszugsweise in der kleinen Bach'schen Sammlung vertreten sind und uns dahin führen, wohin uns heute alle Lektüre führen sollte: zu vertiefter Selbsterkenntnis. Die Menschen, die den Weg „vom Ghetto zur modernen Kultur" oder „ins Land derVerheissung" gingen, fanden diesen Lebensweg so erstaunlich, daß sie darüber sprechen ra xi s s t e n! Welch ein Unterschied zwischen der geistigen Haltung des noch ganz mittelalterlich an Form und Gemeinschaft gebundenen Juden, wie wir ihn in den Memoiren des Jos'el von Boshcim, des Ascher Lewi von Reichshofen, der Glückel von Hameln kennen, und der jenes unseligen Salonion Maimon, (gest 1800), der, reich begabt wie so viele seiner Art die Gemeinschaft verlässt und wurzellos und getrieben, nie in der neuen heimisch werden kann. Sein verkommenes Leben und Ende begreift jeder heutige Leser seiner „Geschichte des eigenen Lebens" 4*, während der erste Herausgeber, Karl Philipp Moritz, in ihm nur den Barbaren sah, der sich durch unendliche Mühe aus tiefstem Dunkel zur Aufklärung und Bildung hinaufgearbeitet habe. Das gefährlich-einseitige solcher Entwicklung ahnte offenbar Mendelssohn, als er Maimon aus seinem ungesicherten Boheme-Leben in eine bürgerliche Tätigkeit hinüber zu lenken versuchte. Zeitlich neben Maimon stehen die „Jugenderinnerungen" der Henriette Herz6*, die als junges Mädchen mit Mendelssohns Töchtern befreundet war. Der Gegensatz zwischen dem Haus ihrer Eltern und ihrem eigenen ist der zwischen Mittelalter und Neuzeit: unvergesslich die Verlobungeszene des zwölfjährigen Kindes und die Geschichte ihrer Ehe, bei der auch die Frau die Fesseln mittelalterlich-strenger Formgebundenheit abstreift und sich zum Individuum entwickelt, um dann etwa mit ** Pauline Wengeroff. Memoiren einer Grossmutter. Berlin. 1913. 2* Jüdische Memoiren aus drei Jahrhunderten, ed. von Hans Bach. Berlin 1936. 3* Hans Bach. Jüdische Selbstbekenntnisse. In „Der Morgen" Januarheft 1936. >4*Salomon Maimon, Geschichte des eigenen Lebens. Berlin 1935. 5* Henriette Herz. Ihr Lehen und ihre Erinnerungen. Berlin 1850. den Gefühlen auf ihre Herkunft und Erziehung zu blicken, die ein Schmetterling beim Anblick einer schwerfälligen, hässlichen Raupe haben könnte. Besonders interessant ist in diesen Erinnerungen einer gealterten Frau, wie stark und gefühlsbetont noch immer die Abneigung gegen ihre Mutter ist, die, selbst durch harte Konvention gebunden, auch der Tochter jede neue Freiheit missgönnte: allenfalls herablassendes Mitleid gegen die eigene Herkunft und Ablehnung gerade der Ausschliessung der Frauen von allem Geistigen — das hören wir hier von einer nicht einmal ungewöhnlich begabten Frau und können uns denken, welche Empfindungen die weit leidenschaftlicheren und bedeutenderen Rahel und Dorothea Mendelssohn beVegen mochten! Seltsam — wie um ein Jahrhundert verspätet! — stehen neben diesen typischen Dokumenten ihrer Zeit die Erinnerungen des Major Burg „die Geschichte meines Dienstlebens". 6* Denn hier haben wir, obwohl um die Mitte des 19. Jahrhunderts geschrieben, eine typisch pietistische Autobiographie, wie sie einst im Kreis der S p e n e r und Franke entstanden: das Persönliche tritt völlig zurück. Die Geschichte des Dienstleben.s, die Karriere eines preussischen Offiziers der Biedermeierzeit ist es, in der, kindlich-gläubig, der Merpoirenschreiber ein Vorbild für seine jungen Glaubensgenossen geben will. Weil ein Jude Offizier und ausgezeichnet wurde, darum ist die messianische Endzeit im Herannahen: an den Juden ist es nun, freudig alles Trennende und Altüberkommene aufzugeben, sich willig den neuen Pflichten des Staatsbürgers zu widmen. Manches in dieser überaus naiven, aber immer ehrlichen Schilderung wirkt auf uns komisch: so, wenn der junge Mensch es als gnädige Fügung Gottes versteht, daß einmal sein Versäumnis, im Dienst unentdeckt bleibt, wenn er als höchste Krönung seines Lebens die Verleihung eines Ordens empfindet. Aber gerade dieser kleinbürgerliche Zug einer engen und kindlichen Frömmigkeit findet sich genau so beim deutschen Pietisten. Juden dieser Art waren es, die in der Emanzipation und etwa im Pariser Synhedrion messianische Endzeit-Stimmung erlebten!— Wie verstrickt in mittelalterliches Denken der Jude noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war, dafür gibt ein schönes Beispiel Aron Hirsch Heymann7* in seinen schönen Lebenserinnerungen: Was er vom dumpfen Aberglauben in der kleinen märkischen Judengemeinde erzählt, scheint uns unbegreiflich. Aber die eben erst befreiten Bauern, unter denen diese Landjuden herumziehend als Vieh-, Woll-, Fellu. Getreidehändler während der Woche lebten, waren ihnen da ganz nah. Heymann schildert einmal, wie er als junger Mensch mit einem Bauernburschen im nächtlichen Walde das wilde Heer vorbeibrausen hört. Jahrhunderte hindurch mochten seine Vorfahren genau so empfunden haben — und wie so ganz anders dann schon die Generation seiner Kinder! Um die gleiche Zeit wuchs in Königsberg, der „Stadt der reinen Vernunft" ein frühreifes Mädchen heran, dessen „Jugenderinnerungen" die grosse schriftstellerische Leistung der längst Vergessenen ist: Fanny Lewald. 8* Ihre Autobiographie steht in manchem der um ein halbes Jahrhundert früher niedergeschriebenen der Henriette Herz nahe; wir sahen ja schon, wie wenig bei dieser interessanten Literaturgattung Zeit und Ort bedeutet! Hier lernen wir das typische gut-bürgerliche Haus des Juden der Emanzipationszeit kennen, der. noch ganz von der übrigen Gesellschaft isoliert, nur ein Ziel kennt: sich durch Leistung zu bewähren und in die neue Gemeinschaft hineinzuwachsen. Dabei 6* Meno Burg. Geschichte meines Dienstlebens. Berlin 1854. 7* A. H. Hey mann. Lebenserinnerungen. Berlin 1909 8* Fanny Lewald. Lebenserinnerungen. Berlin. 1862