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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-05-01 · 8 (5.1936) · p. Seite 297

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
8 (5.1936)
Date
1936-05-01
Page
Seite 297 (sequence 11)
Language
German
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Seite 297 Brautleute und Auswanderer! Versäumen Sie nicht, bei Bedarf die Wäsche-Etage Jacob Stern, smmm 51. zu besuchen. Sie finde a in den besten Qualitäten Bett-, Tisch-, Haushaltungswäsche sowie Leibwäsche aller Art und mich nicht hereinlasst? Soll denn das Bethaus den ganzen Tag geschlossen bleiben?" sagte Esriel und nahm eine Prise Tabak. Diese Worte schienen ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Die beiden Brüder traten ein wenig zurück und machten den Weg für Esriel frei. Aber kaum hatte er die Tür aufgeschlossen, als sie wild in das Bethaus rannten. „Langsam, ihr werft einen Juden um", schrie Esriel. Aber schon lag er auf dem Boden. „Langsam", schrie er wieder, „Ihr zertretet einen Judeu, einen Familienvater". Meyer und Schneyer nahmen vom Schames keine Notiz mehr. Ihnen war es darum, zu tun, den Platz zu erreichen. Sie sprangen über die Bänke hinweg und kamen gleichzeitig an. Mit schwerer Wucht prallten sie aufeinander, als sie sich auf dem Platz niedersetzen wollten. Dadurch gerieten sie in noch grössere Wut und fuhren einander in die Bärte. „Du bekommst den Platz nicht", schrie bald der eine, bald der andere. In diesem Augenblick trat Esriel, der Schames, auf sie zu und sagte: „Pfui, schämen solltet Ihr Euch. Zwei Brüder anständiger Eltern raufen einander die Bärte aus, und dazu noch an einem heiligen Ort. Pfui!" Aber der Schames musste bald erkennen, dass seine Moralpredigt in diesem Augenblick vollkommen verfehlt war. Im Gegenteil, sie spornte die wütenden Brüder noch mehr an, und das Ergebnis war, dass der eine ein Büschel schwarzer Haare, der andere eine Handvoll roter ausgerupft hatte. Auch blaue Flecken wurden an ihren Wangen sichtbar und bei einem rann sogar Blut aus der Nase. Aber kaum hatte Esriel, der Schames, das Blut erblickt, besann er sich nicht lange. Er ging in den, Hof, holte einen Eimer Wasser und schüttete es auf die Brüder aus. Seit die Welt steht, ist kaltes Wasser das beste Mittel, einen Menschen zur Besinnung zu bringen. Dieses kalte Bad ernüchterte auch die beiden Brüder. Sie sahen einander an und — schämten sich. Sie beschlossen, noch am selben Abend nach der Habdala zum Rabbiner Reb Josefl zugehen und ihn zu bitten, ihre Sache anzuhören und sein Urteil zu fällen. * Wäre Kassrilowka nicht ein Flecken und läge es nicht so abseits von der grossen Welt, hätte es Zeitungen und Journale, würde die Welt bestimmt mit Reb Josefl in Beziehung getreten sein. Alle Blätter hätten spaltenlange Artikel über seine Weisheit gebracht, grosse Gelehrte, namhafte Männer wären zu ihm gekommen, um ihn zu sehen und seinen klugen Worten zu lauschen. Photographen und Zeichner hätten sein Bild über die ganze Welt '-erbreitet, Interviewer hätten ihn mit Fragen bestürmt, welche Speisen er gerne esse, wieviel Stunden er täglich schlafe, was er von Seelenwanderung halte u. s. w. Da aber Kassrilowka ein Flecken ist, der weit abseits von der grossen Welt liegt und dort keine Zeitungen und Journale erscheinen, weiss die Welt nichts von Reb Josefl, dem Rabbiner. Die auswärtigen Blätter erwähnen nicht einmal seinen Namen, grosse Männer und berühmte Gelehrte fahren nicht zu ihm. Photographen und Zeichner verbreiten nicht sein Bild und Interviewer lassen ihn in Ruhe. Und Reb Josefl lebt still und bescheiden. Niemand weiss von ihm zu erzählen ausserhalb des Städtchens Kassrilowka. Es bewundert ihn und erweist ihm grosse Ehren. (Geld hat Kassrilowka nicht zu vergeben, aber Ehren soviel man will.) Man spricht von ihm in Kassrilowka, wie von einem Chacham, der still für sich lebt und mit seiner Weisheit nicht aufdringlich ist. Erst, wenn man ihn um sein Urteil in einer Streitfrage bittet, sieht man, wie tief und scharf seine Gedanken sind, gleichsam Weisheiten König Salomos. Als der Sabbat zu Ende war, gingen die beiden Brüder zu Reb Josefl. Dort hatten sich bereits viele Juden versammelt, begierig zu hören, wie Reb Josefls Urteil ausfallen würde, wie es ihm gelänge, den Platz unter den beiden Brüdern zu verteilen. Zunächst Hess Reb Josefl sieh die Ansprüche der beiden Parteien vortragen. Er vertrat den Standpunkt, dass beide zu Wort kommen müssten. Dann befragte er Esriel, den Schames, als Zeugen. Zuletzt sprachen einige vornehme Männer des Städtchens. Sie sprachen viel. Aber Reb Josefl ist ein Philosoph und sagt sich, dass sie sicher einmal aufhören würden. Als der letzte gesprochen hatte, wandte sich Reb Josefl an die beiden Brüder und sagte: „Ich habe Eure Ansichten und die Meinungen der anderen ehrenwerten Männer angehört. Ihr seid beide im Recht. Leider hat Euer Vater Euch im ganzen nur einen Platz im Bethaus hinterlassen. Ich weiss, dass Euch der Platz des Vaters teuer ist. Aber was ist zu tun? So wie es unmöglich ist, dass ein Mensch sich gleichzeitig auf zwei Stühle setzt, so ist es nicht möglich, dass ein Platz für zwei ausreicht. Es ist viel leichter, daß ein Mensch zwei Plätze einnimmt und zwar bald den einen und bald den anderen, als dass auf einem Platz zwei Menschen Raum fänden. Zum Beispiel: ich halte diese meine rechte Hand hier auf dem Buch. Kann ich gleichzeitig die linke Hand auf dieselbe Stelle des Buches legen? Nein, das ist unmöglich. Was aber fängt man mit zwei Brüdern an, denen ihr Vater im ganzen nur einen Platz im alten Bethaus Von Kassrilowka hinterlassen hat? Der einzige Ausweg ist: teilen. Aber, wie soll man einen Platz teilen? Ich will Euch einen Rat geben, wie ihr beide neben einander, jeder auf seinem Platz, an der Ostwand sitzen könnt. Hört mich an. Mein Platz ist neben dem Eures Vaters. Kommt nächsten Sabbat in das Bethaus. Du, Meyer, setzt Dich auf Deines Vaters Platz und Du, Schneyer, auf meinen. Damit ist der Streitfall beendet. Die Frage, was ich, der Rabbiner, ohne Platz anfangen werde, ist belanglos. Wo steht es denn geschrieben, dass ein Rabbiner oder ein anderer Jude unbedingt einen eigenen Platz Platz haben muß an der Ostwand im alten Bethaus? Wozu gehen wir in das Bethaus? Um zu beten. Zu wem? Zum Allmächtigen. Wo ist er? Überall. Es ist gleich, wo man betet, im Osten oder im Westen, im Norden oder im Süden, oben neben dem Aron Hakodesch oder an der Tür. Die ganze Sache lässt sich vergleichen mit einem König, zu dem zwei seiner Knechte kommen, um eine Bitte vorzutragen. Plötzlich entsteht zwischen den Knechten ein Streit. Sie fahren sich in Gegenwart des Königs in die Bärte und raufen sich die Haare aus, ohne daran zu denken, aus welchem Grunde sie eigentlich gekommen waren und vor wem sie standen. Der König befiehlt, sie hinauszuführen, es sei hier nicht der richtige Ort für derlei Auftritte. So etwas müsse man zu Hause abmachen, wenn man nicht verstehe, sich vor dem König zu benehmen. Ihr werdet das Beispiel jetzt begreifen. Geht in Frieden nach Hause, und möge Euer Vater ein guter Fürsprecher sein für Euch und für uns alle '. So fällte Reb Josefl das Urteil. Alle Anwesenden waren zufrieden und entfernten sich. Am nächsten Sabbat kamen Meyer und Schneyer in das Bethaus. Sie blieben in der Nähe der Tür stehen und begannen zu beten. Nichts vermochte sie zu bestimmen, die Plätze vor dem Aron Hakodesch einzunehmen. Selbst der Rabbiner und der Schames Esriel konnten sie nicht dazu bewegen. Denn beten kann man überall. Glück im Pech Aus dem Buche „Jüdische Kurzgeschichten" von Alfred Auerbach Er war ein sonderbarer Heiliger bis an seines Lebens Ende, der Bemdori' Er hatte den Humor der Resignation und behielt ihn, wie einen Stab, in den Lagen seines wechselnden Lebens. Als Kind begann sein Pechglück. Er fiel ins Wasser, als er unbeobachtet umherstrich; es war ein trüber Tümpel, neben ihm wogte eine alte Tonne heran, hilfsbereit. Er packte sie mit den Händchen, und sie setzte ihn an einer Stufe ab. Auswanderer-Beratung Devisengenehmigung / Verntögenstransfer HANS SCHÖNFELD Dr. jur. Jos. CAHN Steueru. Wirtschaftsberater Landgerichtsrat i. R. Treuhandbiiro Kaiserstrasse 54 FRANKFURT A. M. Telefon: 32302

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