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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-05-01 · 8 (5.1936) · p. Seite 296

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
8 (5.1936)
Date
1936-05-01
Page
Seite 296 (sequence 10)
Language
German
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Seite 296 Dann machten sie den Vorschlag, eine Gegenprobe vorzunehmen und die Kinder bei der Amme anzulegen. Und was geschah? Sie glauben wohl, dass sie nicht tranken? Seit diesem Tage wurde auf die Unterscheidung zwischen Meyer und Schneyer verzichtet. Man nannte sie fortan „Die Meyers und die Schneyers", gleichsam als wären es zwei Meyers und zwei Schneyers, das heisst jeder wäre zugleich ein Meyer und ein Schneyer. Nicht nur einmal kam es vor, dass der Rebbe im Cheder Meyer verprügelte, wenn Schneyer der Schuldige war, und das Schneyer Schläge einstecken musste, wenn Meyer etwas angestellt hatte. Damit aber kein Neid entstand, beschloß der Rebbe, stets beide zu verprügeln. Und das geschah auch mit Gewissenhaftigkeit. Erst später, nach der Bar Mizwa, traten bei Meyer und Schneyer Merkmale auf, an denen man sie mit Leichtigkeit unterscheiden konnte. Gottes Wunder! Es begannen bei ihnen auf Wangen und Oberlippen Härchen zu spriessen, bei Meyer schwarze (wie Tinte) und bei Schneyer, rote (wie Feuer). Bei ihrer Hochzeit hatten sie Vollbarte wie richtige Besen. Der eine war ein schwarzer und der andere ein roter Besen. Bisher wurde mit keinem Wort ihres Vaters gedacht, als hätten sie, Gott behüte, überhaupt keinen Vater gehabt. Die Meyers und die Schneyers hatten einen Vater, und sogar einen sehr schönen Vater." der Sehimsehon hiess. Er war ein ehrlicher Jude mit einem grossen, schönen Bart. Man kann sagen, dass Sehimsehons Bart grösser war als sein Gesicht. Ja, man konnte sein Gesicht vur lauter Bart fast gar nicht sehen. Deshalb hiess er auch in Kassrilowka nicht anders als Reb Sehimsehon Bart. Wer war Reb Sehimsehon Bart? Es war einer, der sich sein Leben lang um ein Stück Brot quälen musste, mit der Armut Krieg führte, wie es bei den Juden in Kassrilowka gewöhnlich der Fall war. Sie furchten die Armut nicht. Als Reb Sehimsehon Bart gestorben war, wurde er mit grossen Ehren zu Grabe getragen: fast die ganze Stadt ging hinter der Bahre her. Man bedauerte nicht so sehr, daß Reb Sehimsehon nicht mehr unter den Lebenden weilte, als vielmehr, dass die Gemeinde wieder einen Juden verloren hatte. Merkwürdige Leute, diese Juden von Kassrilowka. Nicht genug damit, dass sie sich kaum satt essen können, würden sie es noch begrüssen, wenn bei ihnen überhaupt niemand stürbe. Ihr einziger Trost ist, dass man überall stirbt, sogar in Paris, und dass sich niemand vom Tode loskaufen kann. Wenn seine Stunde geschlagen hat, fordert man ihn auf, sich in das Jenseits zu bemühen, und er muss folgen. Und nun lassen Sie uns zu Meyer und Schneyer zurückkehren. Solange ihr Vater, Reb Sehimsehon Bart, lebte, waren die beiden Brüder ein Leib und eine Seele. Aber nach seinem Tode wurden sie gegen einander feindselig, wie Feuer und Wasser. Und wollen Sie wissen, warum? Na. worüber entstehen, Zerwürfnisse nach dem Tode des Vaters? Selbstverständlich über die Erb. sehaft. Wohl hat Reb Sehimsehon weder Felder noch Wälder, weder Häuser noch Renten oder gar bares Geld hinterlassen. Nicht aus Schlechtigkeit oder Geiz, Gott bewahre, sondern einzig und allein, weil er nichts hatte. Aber glauben Sie ja nicht, dass Reb Sehimsehon seinen Kindern gar nichts hinterlassen hat. Er hat ihnen etwas vermacht, das Geldwert hat und das man jederzeit verpfänden oder verkaufen konnte, und zwar einen Platz im alten Bethaus von Kassrilowka, ganz vorne an der Ostwand neben dem Platz des Rabbiners Reb Josefl. Aber eine Kleinigkeit hatte Reb Sehimsehon Bart anzugeben vergessen: wer den Platz im Bethaus erben sollte, Meyer oder Schneyer. Sicher hatte Reb Sehimsehon nicht daran gedacht, daß der Tod so nahe sei. Ihm war es nicht in den Sinn gekommen, dass der Todesengel uns auf Schritt und Tritt begleitet, sonst hätte er sicher ein Testament gemacht oder den Erben vor Zeugen bestimmt. Der erste Streit zwischen den beiden Brüdern dürfte wohl am Sabbat nach Schloschim (dreissig Trauertage) begonnen haben. Meyer sagte, daß von Rechtswegen ihm der Platz im Bethaus zukomme, denn er sei der ältere (Meyer wurde etwa eine halbe Stunde früher als Schneyer geboren). Schneyer wiederum brachte zwei Argumente vor: erstens wisse man nicht, wer von ihnen der ältere sei, denn nach den Angaben ihrer Mutter seien sie als Säuglinge vertauscht worden, und infolgedessen könne er, Schneyer, ebensogut Meyer sein und Meyer müsste demnach Schneyer sein. Zweitens habe Meyer einen sehr reichen Schwiegervater mit einem eigenen Platz an der Ostwand. Da dieser aber keinen Sohn habe, werde der Platz, so Gott will, über hundertzwanzig Jahre sowieso in Meyers Hände kommen. Dadurch werde Meyer zwei Plätze an der Ostwand haben und er, Schneyer, nicht einmal einen halben Platz. Ist das gerecht? Ist das menschlich? Als Meyers Schwiegervater, ein reich gewordener Mann, Schneyers Ausführungen mitangehört hatte, geriet er in furchtbaren Zorn und sagte: .„Das ist doch eine Frechheit ohne gleichen. Ich bin noch nicht vierzig Jahre alt und habe die Absicht, noch recht lauge zu leben. Woher weiss eigentlich Schneyer, dass ich nie einen Jungen haben werde. Im Gegenteil, meine Frau wird mir sicher noch mehrere Knaben schenken. So eine Frechheit!" Um dem Streit ein Ende zu machen, legten sich einige Männer ins Mittel und schlugen vor, den Platz im Bethaus abzuschätzen. Dann müsste der Bruder, der den ganzen Platz beansprucht, dem anderen die Hälfte des Wertes auszahlen. Aber die Brüder wollten von diesem Handel nichts wissen. Am ersten Sabbat kam Meyer ein wenig früher in das Bethaus und setzte sich auf den Platz seines Vaters. Schneyer mußte die ganze Zeit stehen. Am zweiten Sabbat war Schneyer früher da und setzte sich auf des Vaters Platz. Diesmal musste Meyer die ganze Zeit stehen. Am dritten Sabbat stand Meyer in aller Frühe auf, nahm den Platz seines Vaters ein und zog den Tallis über den Kopf. Als der vierte Sabbat gekommen war, erhob sich Schneyer noch früher und eilte in das Bethaus. Diesmal setzte er sich auf den Platz des Vaters und verhüllte seinen Kopf mit dem Tallis. Das ging so lange, bis sie am Schabbat Hagadol gleichzeitig vor dem Bethaus ankamen. Das Bethaus war noch geschlossen. Sie stellten sich vor die Tür und sahen einander voll Grimm und Zorn an, wie zwei Kampfhähne, die jeden Augenblick bereit sind, loszugehen und einander die Augen auszupicken. So konnten einmal die ersten feindlichen Brüder Kajin und Chabel auf freiem "Felde unter Gottes Himmel einander gegenüber gestanden haben. Und doch darf man nicht vergessen, dass Meyer und Schneyer Kinder anständiger Eltern waren. Sie waren noch nicht so weit gekommen, dass sie tatsächlich einander irgendein Leid zufügen wollten. Sie standen und warteten auf Esriel, den Schames, der jeden Morgen die Tür zum Bethaus aufschloss. Die Minuten des Wartens schienen ihnen eine Ewigkeit. Endlich kam Esriel mit dem Schlüssel. Aber er konnte nicht an das Schloss heran, denn die beiden Brüder standen davor und keiner wollte von der Stelle weichen, um nicht den Augenblick zu versäumen, als erster in das Bethaus zu gelangen und den Platz zu besetzen. „Wie soll ich denn die Tür öffnen, wenn ihr davor steht Die Frankfurter Bank, Neue Mainzerstrafye 69 gegründet 1854 Tel. 20901 übernimmt die Ausführung aller bankmässigen Geschäfte Spareinlagen gegen Sparbuch Hinterlegungsstelle für Mündelvermögen

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