Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 8 (5.1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- Seite 295 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3094266-3094426-3094434--5188-3099997- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 295 wusste damals, dass im inneren Ohre die Schnecke und ein "Vorhof-Bogengangsapparat gelegen war; man wusste auch, daß die Schnecke für den Hörakt reserviert war, aber über die Funktion des Vorhof-Bogengangsapparates war man noch sehr im Unklaren. Es war bekannt, dass die 3 Bogengänge des Innenohres ein Sinnesorgan für die Wahrnehmungen von Drehbewegungen darstellten, und dass dieser Bogengangsapparat in bestimmten Beziehungen zu rhythmischen Bewegungen der Augäpfel standen. Zahlreiche interessante Einzeluntersucbungen bestätigten diese Auffassungen. Aber erst Barany gelang es durch systematische Untersuchungen die Gesetzmässigkeiten im Ablauf der Funktion des Bogengangsapparates zu finden und somit eine festbegriindete Wissenschaft von der Physiologie des Vorhof-Bogengangsapparates zu schaffen. Gleichzeitig schuf Barany praktische Methoden für den Ohrenarzt, Nervenarzt und Praktiker, mit denen sie die Erkrankungen dieser Sinnesorgane leicht feststellen können. Es gibt heute kaum einen über Schwindel klagenden Patienten, der nicht nach den Baranyschen Methoden untersucht wird, denn der Bogengangs- und Vorhofapparat ist in der Mehrzahl der Fälle der Ort, wo diese Sensationen entstehen. Wenn sich auch im Laufe der Jahre gewisse Einzelheiten in der Untersuchungstechnik geändert haben, das Prinzip Baranys ist geblieben Barany hat schon seinerzeit angenommen, dass das Kleinhirn ein übergeordnetes Organ des Vorhof-Bogengangsapparates sei, und durch seinen sogenannten Zeigeversuch viel zur Diagnostik der Kleinhirnerkrankungen beigetragen; jahrzehntelang haben diese Anschauungen das wissenschaftliche Feld beherrscht und das Kleinhirn als das Zentrum für die Körpergleichgewichtshaltung betrachtet. Man nahm mit Barany an, dass jede Bewegung des Körpers, sei es beim Gehen, Laufen, beim Liegen, beim Drehen, und die Körperhaltung vom Kleinhirn reguliert und kontrolliert würden. Die se Auffassung hat sich auf die Dauer in diesem Rahmen nicht halten lassen, sie musste erweitert werden, nachdem sich herausgestellt hatte, dass auch Teile des Grosshirns für die Körperbewegung^ und Körperhaltung verantwortlich gemacht werden können. Die Erweiterung der Baranyschen Lehre ist zum grossen Teil seinem Freunde Kurt Goldstein zuzuschreiben. Es würde /u weit führen in diesem Rahmen die Auswirkungen der Baranyschen Lehre auf die Klinische Ohrenheilkunde, auf die Indikation bei zahlreichen Ohr- und Hirnoperationen und auf die topische Hirndiagnostik zu beschreiben. Barany hat durch seine Lehre ausserdem die Otologen und Neurologen zu jahrzehntelanger fruchtbarer Arbeit angeregt. Auch auf anderen Gebieten der Ohrenheilkunde hat Barany fruchtbringend gewirkt So gibt es einen nach ihm benannten Symptomenkomplex bei wässerigen Erkrankungen in den hinteren Schädelgruben nach schlechtgeheilten, radikalen Aufmeisselungen des Ohres. Operationsmethoden im Bereich des Ohres und der Stirnhöhlen sind nach ihm benannt. Immer wieder zeigen neue Arbeiten des unermüdlichen Forschers, dass seine Interessen weit über das Fachgebiet hinausragen. Obwohl Barany ein verschlossener Mensch war, der sich nur schwer anderen Menschen anschloss, so hat er sich doch auch für allgemein menschliche Gebiete interessiert. Daraus ist auch zu erklären, dass er vor 7 Jahren die Gründung einer Internationalen Akademie zur Stärkung des Weltfriedens anregte und versuchte, die Nobelpreisträger als Leiter dieser Organisation zu gewinnen. Die letzten Jahre der Entwicklung des Judentums bedrückten ihn sehr, zumal er sein eignes Schicksal noch einmal im Grossen wiederkehren sah. Er versuchte zu helfen und hat manches erreicht. An seiner Bahre trauern nicht nur Angehörige, Freunde und Aerzte, sondern auch die gesamte Wissenschaft und, was wohl am meisten bedeutet, eine Unzahl genesener Kranke. Robert Barany hat sich für immer in die Geschichte der Wissenschaft und der Menschheit eingeschrieben. Aus den Werken Frankfurter Autoren Die beiden Frankfurter Schriftsteller Alfred Auerbach und Dr. Bernhard Hirschberg-Schrader veranstalteten am t. Mai 1936 einen Vortragsabend aus eigenen Werken. Wir bringen hier eine Probe aus dem Schaffen der beiden Autoren. Die Schrü'tleitung. Die Erben von Schalom Alechem Deutseh von Dr. Bernhard Hirsehberg-Schra.der „ Die Meyers und die Schneyers". Sie waren eigentlich nur ein Meyer und ein Schneyer, Zwillingsbrüder, die einander so ähnlich sahen, daß es zeitweise fast unmöglich war, festzustellen, wer von ihnen Meyer und wer Schneyer war. Als sie noch Säuglinge waren, erzählt man, wären sie beinahe vertauscht worden; vielleicht sind sie tatsächlich vertauscht worden. Das geschah folgendermassen: ihre Mutter war eine kleine kränkliche Frau, die trotzdem fast jedes Jahr ein Kind zur Welt brachte. Aber die Kinder überlebten nicht das erste Jahr. Einmai schien es, als habe der Kindersegen ein Ende genommen. Aber es geschehen Wunder, und die Frau bekam in älteren Jahren Zwillinge. Für zwei Kinder reichte die Milch nicht aus, und man musste trotz aller Armut eine Amme nehmen. Die Mutter nährte Meyer, und Schneyer wurde von der Amme betreut (Meyer war um etwa eine halbe Stunde älter als Schneyer). Auch die Amme war von schwacher Gesundheit, und die beiden Kinder hatten infolgedessen keine ausreichende Nahrung und schrien ganze Nächte hindurch vor Hunger. Eines Tages sollten die Kinder gebadet werden. Man legte sie in eine Mulde mit heissem Wasser. Sie wurden feuerrot und schienen sich dabei sehr wohl zu fühlen. Beide Frauen standen vor der Mulde und gössen immer wieder frisches Wasser hinein. Die Säuglinge strampelten mit den Beinchen und bewegten die Aerm^ chen nach allen Richtungen. Als man sie aus dem Bad nahm, wurden sie in ein und dasselbe Leinentuch gehüllt und zum Abtrocknen in ein - und dasselbe Bett gelegt. Aber als sie wieder angezogen werden sollten, konnte man bereits nicht mehr erkennen, wer von ihnen Meyer und wer Schneyer war. Und es entstand zwischen den beiden Frauen ein Wortwechsel: „Ich könnte schwören, daß dieser hier Meyer und der andere Schneyer ist". „Was sagen Sie da? Dieser ist Schneyer und jener ist Meyer. Sehen Sie es denn nicht?" „Sie haben wohl den Verstand verloren!" „Sehen Sie sich doch die Augen an und Sie werden erkennen, dass dieser Schneyer ist und jener Meyer". Endlich mengten sich einige Männer ein und einer von ihnen sagte: „Wissen Sie was? Legen Sie die Kinder an, und wer von ihnen nach der Brust der Mutten greift, ist Meyer. Das ist ganz einfach". Als man die Kinder bei der Mutter anlegte, griffen sie beule gierig nach der Brust. „Gottes Wunder! Seht, wie der Allmächtige die Welt geschaffen hat", sprachen die Männer mit Tränen in den Augen. DiePhoto AbteiiungbeiEhrenfeld ist für LGK3 spezialisiert