Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 8 (5.1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- Seite 292 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 292 gebende Mitarbeit leisten und durch ihre Mitarbeit sich Einfluss verschaffen auf das, was zu erstreben ist und durch ihre Mitarbeit in immer weiteren Kreisen für das traditionelle Judentum werben. Es ist dies eine Aufgabe, die, wie ich denke, auch in dem Arewus-Prinzip. in dem religiös-ethischen Bürgschaftsprinzip ihren Verpflichtungsgrund hat. Aber lassen Sie mich an einem einzigen Beispiel zeigen, wie unsere alten Weisen darüber denken. Das jüdische Volk war in Sünde geraten. Es hatte das goldene Kalb angefertigt. Von Scham und Schmerz und Zorn übermannt, verließ Mosehe Rabbenu das jüdische Lager. „Und Mosche nahm das Zelt und spannte es sich ausserhalb des Lagers auf. fern vom Lager..." Dabei dachte er: „Jeder, der Gott suchte, sollte hinausgehen in das Stiftszelt, das ausserhalb des Lagers war." Gott aber, so sagen die Weisen im Talmud, sprach zu Mosche: Wenn Gott zürnt, und auch der Lehrer und Führer sich vom Volke abwendet, Jisroel ma teho alehem, was soll dann aus Israel werden, was soll dann werden aus den irrenden und suchenden und tastenden Menschen? Und Mosche sah seinen Irrtum ein „und kehrte in das Lager zurück". Dieser Ausspruch ist so aufschlussreich, dass er keines erläuternden Wortes bedarf. Daneben tritt heute an den rabbinischen Führer mit gebieterischer Notwendigkeit die Pflicht heran, dem einzelnen Menschen in seinen Sorgen und Nöten zu helfen, soziale Arbeit zu leisten, seelische Aufrichtung zu vollbringen. Es ist seine Aufgabe, dem bekümmerten jüdischen Menschen zu helfen, das Leid zu überwinden. Das Leid kann aber nur überwunden werden, wenn es in sittliebe Energie verwandelt wird, wenn es zu einer dynamischen Kraft gemacht wird, die herausführt aus dem Bereich des Naturhaften und Schicksalhaften in den Bereich des Wirkenden und Schöpferischen, und aus der Begrenztheit des Eigenen und Persönlichen in die Weite der allgemein-jüdischen Aufgaben und Ziele, und die endlich herausführt aus der Enge der Gegenwart in die grosse Zukunft, die uns in Erez Israel erblüht. Zwei hervorragende Mischnalehre'r greifen die Frage des Schriftwortes auf: „Und die Weisheit, woher wird sie gefunden?" Rabbi Elieser meint, die Weisheit habe ihren Sitz im Kopf. Rabbi Jehoschua: im Herzen. Jetzt brauchen wir die Weisheit des Herzens, um Zugang zu finden zu den beladenen und bedrückten Herzen. Erfolg, greifbarer und bleibender Erfolg, kann aber dem rabbinischen Wirken nur beschieden sein, wenn der Rabbiner eine treue, vertrauensvolle, friedliche und gefolgschaftsbereite Gemeinde hinter sich weiss und wenn er insbesondere bei den führenden Männern der Gemeinde rückhaltlose Unterstützung und Förderung findet. In dem dieswöchentlichen Thora-Abschnitt ist wiederholt von der „Schwingung" beim Opfer die Rede. Wie ging denn diese Schwingung vor sich? Wie die talmudische Halacha lehrt, schob der Kohen die eigene Hand unter die Hand der Opfernden und vollzog so mit diesen die vorgeschriebene Schwingung. Hier sind, so denke ich, die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der rabbinischen Wirksamkeit aufgezeigt. Der Rabbiner kann nicht für die anderen den Weg gehen, der zu Gott und dem Heiligtum führt. Er kann nur belehren, anregen, anspornen, aneifern, führen. Er kann die müden und trägen Hände in Bewegung setzen. Er kann die eigene Hand unter die Hand der ins Heiligtum Gekommenen legen und mit diesen gemeinsam die Schwingung vollziehen. Die Schwingung in die Höhe und die Schwingung in die Weite. Aber mit einer Hand, die sich krampfhaft zusammenballt, kann selbst ein Hohepriester nichst anfangen. Deutsche Juden in der Ica-Siedlung in Argentinien 20 Familien aus Deutschland traten im Dezember vorigen Jahres ihre Reise nach Argentinien an, um von der Jewish Colonization Association (ICA) der Baron Hirsch-Stiftung' angesiedelt zu werden. Sie fuhren in die 700 km von Buenos Aires entfernte Kolonie Avigdor in der Provinz Entre Bios. Mit diesen zwanzig Familien wollte die ICA den ersten Versuch einer Siedlung von deutschen Juden machen. Es mussten von den Familien, die sehr sorgfältig von einem Beamten der ICA ausgewählt wurden, folgende Bedingungen erfüllt werden: mindestens 5 erwachsene Arbeitskräfte, möglichst 3 Männer, Eignung für kolonisatorische Arbeit und vor allem Liebe zu dem primtiven Leben auf dem Lande und die Verpflichtung in der Siedlung zu bleiben — Handel und Geschäft endgültig aufzugeben. Die ICA dagegen b o t jeder Familie 50—75 ha. umzäuntes Land, ein Steinhaus mit 2 Zimmern und Küche und den notwendigsten Einrichtungsgegenständen, das für die Bewirtschaftung notwendige lebende und tote Inventar sowie Aussaat und Futter bis zur ersten Eigenernte. In den ersten 8 Jahren sollte der Siedler Pächter sein, danach evtl: Eigentümer des Grundstücks, auf dem eine 'Resthypothek eingetragen wird. Die Familien werden gruppenweise angesiedelt; für soziale Einrichtungen, Synagoge, Schule, Genossenschaft und Krankenkasse ist gesorgt. Viel mehr als diese Bedingungen wussten die Familien nicht, die im Vertrauen auf die ICA und aus der Not ihrer Verhältnisse heraus, bereit waren, diesen Versuch zu wagen. — Voller Hoffnungen auf das neue Leben, aber auch voll banger Erwartungen, ob man den ganz anderen Forderungen drüben gewachsen sein würde. Alle wussten, daß sie Pioniere sind, daß die Ansiedlung dieser 20 Familien nur ein Versuch der ICA bedeutet, von dessen Gelingen die Ansiedlungsmöglichkeit für viele weitere Familien abhängt. Ueberall wartete man in der Heimat voll Spannung auf die ersten Berichte. Mit 4 Tagen Verspätung kam dann der Dampfer in Buenos- Aires an und überall war Begeisterung über den Empfang im Lande. „Am anderen Tag fuhren wir nach Crespo, hier waren wir über den Empfang der dortigen Juden sehr erstaunt, im Hotel war schon für uns gedeckt, und wir machten uns mit den dortigen Juden einen gemütlichen Abend, am anderen Morgen fuhren wir nach Bovril und hier war der Empfang ebenso!" Ferner:, „Auf der Fahrt von Buenos nach Crespo wurden uns auf einer Station Liebesgaben überreicht. Alles nur erdenk- Mit dem Landschulheim Florenz: Ferien an der italienischen Riviera 1. Juli bis 30. September in Forte dei Marmi breiter Sandstrand, nahes Gebirge, Pinienwälder, Wohngelegenheit für Eltern im Ort — Tagespreis für Ferienkinder RM. 4.75 inkl. wahlfreiem Unterricht u. Sprachkursen — Auskunft durch die Landschulheimleitung Florenz, Plan del Glullari, Villa Pazzl