Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 8 (5.1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- Seite 290 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 290 heiligt, bin ich geheiligt, und wenn ihr mich nicht heiligt, dann bin ich nicht geheiligt? darum eben heisst es „denn heilig bin ich"; ich bin in meiner Heiligkeit, ob ihr mich heiligt oder nicht". Hier ist schon das Thema von der Ueberbxückung der Kluft angeschlagen. Es wird variiert in einem Satz des alten Mischnalehrers Abba Saul. „Wie das Gefolge des Königs, so steht der Mensch zu' Gott; was hat ein solches zu tun? es muss den König in seinem Tun nachahmen." Und an anderer Stelle: „Die Tora gebietet, ihr sollt Gott nachgehen; kann man denn dem nachgehen, von dem es heisst, er ist ein verzehrendes Feuer? das ist gemeint: ihr sollt seinen Wegen nachwandeln; wie er die Kackten bekleidet. (Adami und Eva), so.bekleide auch du sie; wie e r die Kranken besucht (Abraham im Haine Mamre), so besuche auch du Kranke; wie er Trauernde tröstete (sein Segen über Jizchak nach Abrahams Tod 1. M. 25.11), so sollst auch du Trauernde trösten: wie er Tote bestattet (Mosehe), so sollst auch du Tote bestatten." Zu dem Satz „liebe deinen Genossen, er ist wie du" sagte Rabbi Akiba: „das ist ein überragender Satz der Tora. Ben Asai bemerkte dazu: der Satz (1. M. 5,1) „Dies ist das Buch von den Kachkommen Adams, am Tag, da' Gott den Mensch erschuf, machte er Uin im Bild Gottes" ist ein noch überragenderer Satz." Eabbi Akibas Äusserung ist leicht verständlich. Sie setzt die Linie fort, die Hillel bereits eingeschlagen hatte, und erklärt das Gebot der Nächstenliebe zum grundlegenden Satze der Bibel, zum umfassenden der Religion. Was aber bedeutet Ben Asais seltsam klingendes Wort? Einen Satz aus der Einleitung zu einer biblischen Erzählung zum Hauptsatz zu machen, einen Satz, der — scheinbar — keinen selbständigen Inhalt hat? Ben Asai sah ein Mißverständnis voraus, das Mißverständnis, wie denn das Wort der Bibel aufzufassen sei. Dadurch daß man es mit Genosse oder Nächster widergibt, ist noch nichts getan. Denn jetzt erhebt sich die Frage: wer ist der Nächste, der Genosse? Wäre es nicht möglich, daß jemand sagte, der Nächste sei eben der, der einem aus irgend einem Grunde, sei es Verwandtschaft, Freundschaft, gleiche Denkweise, gleiches Volkstum oder dergl., besonders nahe stände? Es ist, als ob Ben Asai es vorausgesehen hätte, dass man der Bibel nachsagen würde, sie verstünde unter dem re'a nur den Juden, dass man dem Juden die Verengung der Nächstenliebe auf den Volks- oder Glaubensgenossen vorwerfen würde, darum beugt er dem von vornherein vor und sagt, der wichtigste Satz der Bibel ist der, der festlegt, dass Gott den Mensch in seinem ^Ebenbild schuf, woraus hervorgeht, daß man zu jedermann, der Mensch und im Ebenbild Gottes also ist, die gleiche Verpflichtung hat. Es heisst (V. 17) „Du sollst deinen Bruder nicht in deinem Herzen hassen, zufecht weisen, ja, zurechtweisen sollst du deinen Genossen." Dazu der Midrasch: „wie der Heilige, gelobt sei er, sein großer Name sei gepriesen für Weltzeit und Weltzeit;, die Schuld fortschiebt und über sie hinweggeht und in seinem Herzen nicht bewahrt Eifersucht und Groll, so sollst auch du deinen Bruder nicht hassen; und was bedeutet: in deinem Herzen? das bedeutet: alten, eingewurzelten Haß. Meinst du etwa die Bibel spreche von einem, der dein Bruder ist, weil du mit ihm einen Vater oder eine Mutter hast? nein! die Bibel spricht hier mit Bezug auf den Heiligen, gelobt sei er, der keinen Bruder hat, nicht in dieser und nicht in künftiger Welt und nicht in den Tagen des Messias, sondern die Bewährten in der ganzen Welt, die alle Tage seinen Willen tun, sie nennt er: Brüder, Genossen." „Es heisst, du sollst deinen Genossen zurechtweisen. Denkst du etwa,.du brauchst ihn nur zurechtzuweisen, wenn du weisst, dass er dich dafür nicht hassen wird, sonst aber nicht? Darum heisst es in doppelter Wiederholung: „zurechtweisen, ja zurechtweisen sollst du". Rabbi Elasar ben Matja sagte, wenn du mit ihm solch eine Zurechtweisung vornehmen willst, sag's ihm, wenn ihr beide allein seid, dass du nicht dich wider ihn versündigst (denn einen öffentlich zu beschämen, ist schwere Sünde ) darum schließt auch der Vers „dass du nicht seinetwegen Sünde trägst"." „Es heisst (V. 15.) „ pT2£3 (zedek) richte deinen Genossen'. <L h. du sollst ihn immer nach der günstigen Seite beurteilen", du sollst bei allem, was er tut, voraussetzen, dass er es in der besten Absicht tat Das Wort zedek, das „Gerechtigkeit", heisst, wird hier betont in der Bedeutung „Milde" gedeutet, und es wird gesagt, dass die wahre Gerechtigkeit nicht in einem formalen Vergelten besteht, dass sie nicht die Tat beurteilen darf, wie sie dem Urteilenden erscheint, sondern dass man den Beweggründen nachspüren muss, die einen zu einem So-handeln bestimmt haben möchten, und die der Tat einen anderen Sinn und eine andere Richtung geben. Es heisst (V. 23-25), dass „wenn Israel ins Land eingezogen sein wird und Bäume pflanzen wird, ihre Frucht zu essen, so soll in den ersten drei Jahren die Frucht dem menschlichen Genuss entzogen sein, sie darf nicht gegessen werden, im vierten Jahr darf sie nur innerhalb der Mauern Jerusalems als heiliges Mahl genossen werden, erst vom fünften Jahr ab ist der Besitzer unbeschränkter Herr über sie". Das bedeutet eine wesentliche Einschränkung des Eigentumsrechtes, einen starken Verzieht des Eigentümers, ein inneres Ankämpfen gegen den Willen, dem eigenen Trieb, dem eigenen Begehren zu folgen. Darum begleiten die Alten diese Bestimmung mit den Worten: „Wer möchte den Staub von deinen Augen forttun, Adam, erster Mensch, du konntest einem Gebot, das dir gegeben ward, nicht eine Stunde lang in Beharren' gehorchen, und deine Kinder beherrschen sich drei Jahre lang, ehe sie ihres Baumes Frucht für sich nehmen". Mit diesem Wort wird nicht nur der Gehorsam gepriesen, den Israel bewährt, es wird einem Gebot, das in die Reihe der Gebote gehört, die wir mit einem falschen ungehörigen Wort zeremoniale nennen, ein Sinn und eine Wendung ins Sittliche, ins Zweckvolle gegeben, Schulung des Willens, Anleitung zu einem Widerstand gegen Begehren, Erziehung dazu, nicht jedem Trieb und jedem Wunsch nachzugeben. Die Bestimmung wird eingeleitet mit den Worten: „wenn ihr in das Land kommt, und ihr werdet Bäume mit essbarer Frucht pflanzen..." Der Midrasch nimmt in seiner Souveränität die Worte anders, er liest „wenn ihr ins Land kommt, so sollt ihr pflanzen" und er begründet daraus ein Gebot, eineP flicht zu pflanzen Er nimmt den bereits oben ausgeführten Gedanken, dass alles Tun der Menschen Nachfolge Gottes sein soll, auf und sagt: „Von Beginn der Erschaffung der Welt an hat Gott sich vor allem mit dem Pflanzen befasst, denn so heisst es (1. M. 2,8): „ER, Gott, pflanzte einen Garten in Eden" so sollt auch ihr, wenn ihr in das Land Israel kommt, vor allem mit Pflanzen euch befassen. Der Heilige, gelobt sei er, sprach zu Israel, obgleich ihr das Land voll alles Guten finden werdet, sprecht nicht, nun können wir ausruhen und brauchen nicht zu pflanzen, habt wohl acht auf das Pflanzen. Wie ihr Pflanzungen vorfandet, die andere gepflanzt, so pflanzet auch ihr für eure Kinder." Man muss das dem Menschen wohl einschärfen, denn folgte er seiner Natur, er würde es nicht tun. „Hätte der Heilige, gelobt sei er", sagt ein Midrasch „dem Mensch nicht den Tag seines Todes verborgen, würde mancher nicht bauen und nicht pflanzen, er würde sägen, morgen bin ich tot, was soll ich mich für andere abmühen?" Das Ganze wird durch folgende Geschichte noch erhellt: „Kaiser Hadrian zog* zu Felde gegen eine aufrührerische Provinz. Am Wege fand er einen Greis, der Feigenbäume pflanzte. Der Kaiser sagte zu ihm, du bist so alt schon und mühst dich ab für andere? Er antwortete ihm: Herr König, ich pflanze, werde ich für würdig erachtet, so werde ich von den Früchten meiner Pflanzungen essen, und wenn nicht, werden meine Kinder davon essen. Drei Jahre blieb Hadrian im Krieg. Als er dann zurück^ kehrte, fand) er jenen Alten wieder vor, und was tat der Alte? Er nahm einen Korb und füllte ihn mit den schönsten frühreifen Feigen und brachte sie vor Hadrian. Und er sprach zu ihm: Herr König, nimm das von deinem Diener an, ich bin jener Alte, den du bei deiner Hinfahrt antrafst und zu dem du gesprochen hast, „du Alter, was mühst du dich für andere ab", nun sieh, Gott hat mich gewürdigt, von den Früchten meiner Pflanzung zu essen, und was hier im Korb ist, sei dir als Gäbe von meiner Pflanzung gebracht. Alsbald sprach Hadrian zu seinen Dienern, nehmt ihm den KoTb ab und füllt ihn mit Goldstücken. Sie taten also. Der Alte nahm den Korb voller Goldstücke, und zu Hauserzählte er voll Rühmens seiner Frau und den Kindern die Begebenheit. Gerad war seine Nachbarin da» sie hörte, was der Alte sagte. Da