Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 7 (4.1936)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 280 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 280 auch heute der jüdischen Jugend mit ruhigem Gewissen sagen, dass Palästina ihr eine Antwort auf ihre Not gibt und gerade auf ihre wirtschaftliche Not. Ist es unreal, wenn wir heute Pioniertum — Bereitschaft zu schwerster Arbeit — von dem jüdischen Menschen fordern? Die jüdische Jugend muss heute reifer sein für die Chaluziuth, die Palästina verlangt, denn sie muss erkannt haben, dass der Idealismus, den wir fordern, der Idealismus ist, der, aus den Sümpfen des Emek blühende, glückliche Gemeinschaftssiedlungen geschaffen hat, die auf dem Boden der Wirklichkeit stehen. Der Idealismus, den wir fordern, ruft der jüdischen Jugend zu: Seht weg von euren Tagesinteressen! Vielleicht gelingt es wirklich einzelnen von Euch, in anderen Ländern als in Palästina ein besseres Auskommen zu finden. Vielleicht gelingt es euch, in Brasilien oder Argentinien anzusiedeln. Auch dort steht ihr unter dem Zwang des Judensehieksals. Erkennt, was uns die Geschichte der letzten 3 Jahre in Deutschland gelehrt hat: Die Lage des Juden ist nicht nur abhängig von den rechtliehen und beruflichen Voraussetzungen, sondern jedes jüdische Einzelschicksal ist eingebettet in das Schicksal der jüdischen G.-numiseh.ift. Mag auoh ein Jud«« in ein Land einwandern, ohne sich um die jüdischen Verhältnisse und um Juden zu kümmern, ohne von anderen Juden überhaupt Kenntnis nehmen zu wollen; sein Schicksal wird von erstem Augenblick an von der Gesamtheit getragen, und auch er wird die Last, die allen Juden auferlegt ist, ob mit oder ohne Willen, mittragen müssen. Wollt Uir wirklich aus Furcht vor der Härte des Lebens, die heute Palästina wieder fordert, die einzige grosse Möglichkeit der Befreiung des jüdischen Volkes, die ja doch eure eigenste Befreiung ist, aufgeben? Auch wir wissen, dass es Gefahren für den Palästinaaufbau gibt. Gerade wir spüren am stärksten den unerhörten Druck der Einwanderungsbeschränkung. Doch es ist uns klar, dass Schreien und Gerede über die Möglichkeit, die wir angeblich haben „durch militärische Angebote und politischen Druck, England zur Oeffnung der Tore Palästinas zu zwingen" für das jüdische Volk genau so unheilsvoll ist, wie das Aufgeben und Besignieren. Der Zionismus und besonders die Arbeiterschaft Palästinas stand schon vor schwereren und scheinbar hoffnungsloseren Situationen als es heute bei einem Jischuw von 400.000 Menschen der Fall ist.. Durch den zähen Kampf des Arbeiters, durch Eroberung neuer Arbeitsplätze und Positionen, durch Kolonisation mit nationalem Kapital, wurde der Weg für eine immer grösser werdende Alijah gebahnt. Nur durch eigene Anstrengung, durch pionierhafte Kolonisation und Schaffung grosser und neuer Arbeitsmöglichkeiten durch die nationalen Fonds, werden wir der politischen Forderung nach freier Einwanderung den nötigen Niichdruck verleihen: Zu dieser Anstrengung rufen wir die jüdische Jugend auf, die heute vor der Frage der Berufswahl steht. Wenn in Euch Begeisterungsfähigkeit und Kraft, wenn in Euch das Bedürfnis vorhanden ist, endlich ein aufrechtes und gerechtes Leben führen zu wollen, dann kann es auch heute nur eine einzige Antwort geben: Berufsumschichtung, Chaluziuth mit dem Ziel der Einordnung in das arbeitende Erez Israel! Hechaluz Habonim Brith Hazofim-Makkabi Hazair Haschomer Hazair Werkleute Zur Berufswahl Ostern werden wieder viele Jungen und Mädel die Schulen verlassen, um in das Berufsleben einzutreten. Die meisten von ihnen sind im Alter von 14 bis 16 Jahren. Viele Eltern bedenken nicht, daß ihre Kinder noch sehr jung für den Beruf sind. Sie glauben, auf den geringen Verdienst der Lehrlinge angewiesen zu sein oder Schulgeld nicht zahlen zu können. Andere denken, daß den Kindern die Schulbildung doch nichts nütze, daß sie im Geschäft sicher mehr lernen würden. Dazu ist zu sagen, daß eine wichtige Lebensmöglichkeit erschüttert wird: Es geht um die Bildung! Gewiß gibt es viele Jungen, die im Geschäft mehr lernen würden als in der Schule, weil sie mittelmässige oder schlechte Schüler sind. Aber das ist unmassgeblich. Denn die Jungen eignen sich Bildung in ihrer Freizeit an, sie kommen oft mit anderen zusammen, die Lehrer wirken auf sie ein. Sie kommen viel ins Freie, sie werden Zeit haben, in sich zu gehen. Denn das ist es, was sie brauchen: Die Zeit, mit sich zu kämpfen, die Zeit, denken zu lernen und die Zeit, ihren Körper zu üben. Nur wenn sie viel Zeit haben, können sie freie starke Menschen werden. Die Eltern müssten die Kinder, so lange wie möglieh, zur Schule gehen lassen! Buchführung und Briefe-Able'gen kann man nachholen; und die dumpfe Luft des Büros werden sie noch oft genug zu atmen bekommen. Aber das andere ist wichtiger und darf nicht versäumt werden. Es wird gesagt, daß durch den Sturm der jüdischen Jugend auf das Handwerk der Kaufmannsberuf vernachlässigt wird, und daß es folglich bald nicht mehr genug jüdische Kaufleute geben wird. Es darf nun auf keinen Fall geschehen, daß das Handwerk vernachlässigt wird; es ist eine gesunde Reaktion auf das Ergreifen geistiger Berufe und auf das Händlertum der Alten. Bei vielen aber hat diese Gegenwirkung1 Geringschätzung und Nichtachtung des Kaufmannsberufes hervorgerufen. Und das soll nicht sein! Denn ein rechtschaffener, guter Kaufmann ist nötig wie der Handwerker. Ein braver Kaufmann leistet für das Judentum mein als zehn phrasendreschende Arbeitsgemeinschaftsredner. Kein Handwerker oder Landwirtschaftler sollte sich einbilden, den Kaufmann gering achten oder auf ihn schimpfen zu dürfen, nur weil dieser nach Amerika geht, um dort sein Brot zu verdienen, statt als Bauer nach Palästina. Den Eltern will ich raten, ihre Kinder, wenn diese die Volksschule besucht haben, für zwei Jahre in die Handelsschule zu schicken. Jungen, die ins Gymnasium gehen, sollen es bis Untersekunda besuchen. Den Jungen will ich zurufen, ihre Berufsentscheidung nach ernsthafter Prüfung selbst zu treffen. —t—d Differenzierung und Einheifsgedanke Die Entwicklung und Geschichte der jüdischen Jugendbewegung und Jugend-Organisationen zeigt, dass sich nach der Zeit des Wandervogels etwa in den letzten 20 bis 30 Jahren mehrere Gruppen nach verschiedenen Gesichtspunkten gebildet haben. Zunächst unterschied man in religiöser Beziehung zwischen konservativen und liberalen Vereinigungen. Fast gleichzeitig damit entstanden, nach dem nationalen Moment betrachtet, die zionistischen und deutsch-jüdischen Jugend-, Sport- und Studentenverbände. Dabei nahm man sich offenbar die Tendenzen und Formen der grossen Organisationen zum Vorbild. Vielleicht haben diese sogar die eigentliche Anregung zur Gründung gegeben. Manchmal waren auch energische und zielbewusste Naturen, denen es nicht an Organisationstalent fehlte und die starkes Geltungsbedürfnis trieb, die Ursache zur Gründung und Entwicklung einer Organisation. Vielen mangelte es auch an Möglichkeiten, ihren Fähigkeiten entsprechend einen Betätigungskreis zu finden, so dass sie sich dem jüdischen „Vereinsleben" zuwandten. Aber es' gab auch eine Verbindung der Jugendlichen, die einen streng überparteilichen Standpunkt einnahm, eine neutrale Organisation: der Verband, der neutralen jüdischen Jugendvereine Deutschlands, dessen Mitgliederzahl bis zuletzt weitaus höher war, als die der anderen Verbände. Dies erklärt sich schon daraus, dass in zahlreichen Kleingemeinden eine Aufspaltung innerhalb der Jugend nicht möglich war. Hier war der einzelne Jugendliche auf den bestehenden einen Bund