Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 7 (4.1936)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 279 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde r- 7-_____April 1926 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Wr- _antwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage, Fahrgasse 146, iu richten. Jüdische Jugend wohin? Vom Hechaluz und einigen zionistischen Jugendbünden werden uns nachstehende Ausführungen mit der Bitte um Veröffentlichung zugeleitet. Wir kommen dem Wunsche nach, obwohl wir die Darstellung in einzelnen Punkten für bestreitbar erachten. Insbesondere scheint uns die Bewertung der Auswanderung nach Ländern ausserhalb Palästinas die Realitäten der Auswanderersituation nicht gebührend zu berücksichtigen. Bei den Erörterungen zur Berufswahl hat neben den Forderungen der Gemeinschaft auch die Anlage des Einzelnen Anspruch auf Beachtung. Die Schriftleitung. Wieder steht eine grosse Anzahl jüdischer Jugend, die an Ostern die Schule verlässt, vor der entscheidenden Frage ihres Lebens'— vor der Berufswahl. Schon in normalen Zeiten, in einem normalen Volke war die Antwort auf diese Frage für den Einzelnen nicht leicht. Jetzt aber ist sie für die jüdische Jugend in Deutschland unvergleichlich schwerer geworden. Die Zeit ist vorbei, da Neigung und Veranlagung ausschlaggebende Faktoren für die Wahl des Berufes waren. Der Lebensraum und die wirtschaftlichen Möglichkeiten wurden in ungeahnter Weise eingeschränkt und die Frage: „Welcher Beruf bietet mir in Zukunft auch nur einigermassen die Garantie, als Erwachsener meinen Lebensunterhalt zu bestreiten?" wurde das vordringlichste Problem jeder Berufswahl. Der jüdischen Jugend wurde klar: Der Beruf der Eltern, des Kaufmanns \md des Akademikers, war kein gangbarer und zukunftsichernder Weg mehr. Die Pirole „Berufsumschichtung", dio vorher nur von wenigen Menschen verStenden wurde, ergriff weite Kreise der jüdischen Jugend und wurde von ihr befolgt. Was bedeutete eigentlich „Berufsumschichtung"? Ein Hinwenden der jüdischen' Jugend zur körperlichen Arbeit, ein Eindringen in Berufe, die ihr bisher fremd waren. Handwerk und Landarbeit wurdenBerufsziel. Aber gab denn diese allgemeine Losung „Berufsumschichtung" wirklich die Antwort auf die Fragen der jüdischen Jugend? Allen war es klar, daß der jüdische Handwerker und noch mehr der jüdische Landarbeiter oder Gärtner ebenso wenig wirtschaftliche Aussichten in Deutschland haben wird als der jüdische Kaufmann. So bedeutete diese Losung in Wirklichkeit nichts anderes, als eine Anerkennung der Tatsache, dass es eine Z'ikunft für die jüdische Jugend innerhalb Deutschlands nicht gibt. Verantwortlich konnte daher die Berufsumschichtung nur von denen gefordert werden, die der jüdischen Jugend einen konkreten Weg zeigten, wo sie sich in den neuerlernten Berufen eingliedern konnte. Einzig die Chaluzbewegung konnte der jüdischen Jugend Weg und Ziel zeigen, Antwort geben auf ihre Not und ihre Fragen. Zu Tausenden wandten sich jüdische Menschen dem Hechaluz zu, der ihr den konkreten We g des Arbeiters mit dem Ziel Erez Israel wies. Was war es wohl, was dieser kleinen, als unreal verschrieenen „Idealistenbewegung", die der Hechaluz vor der nationalen Revolution in Deutschland darstellte, so plötzlich die Möglichkeit gab, Massenbewegung zu werden? Diese Bewegung war erfüllt von dem Wissen um unsere Judennot und unser Judenschicksal und der notwendigen Konsequenz, daß in Palästina die einzige Möglichkeit besteht, eine Aenderung herbeizuführen. Sie zeigte der jüdischen Jugend, noch lange bevor die Ereignisse in furchtbarer Weise diese Erkenntnis bestätigte, einen konkreten Weg: Hachscharah in Handwerk und Landwirtschaft und dann Einordnung in die Arbeiterschaft Palästinas. Sie lehrte die jüdische Jugend die zionistische Erkenntnis, daß es nichts Zufälliges war, was sie hier betroffer hatte, vor dem man irgendwohin flüchten kann, um dort, s-ei es in Frankreich, Brasilien nd°r Argentinien einen Lebensunterhalt zu suchen. Sie wies die Richtigkeit des Herzlwortes nach, daß die Juden in all diese neuen Einwanderungsländer den Antisemitismus mitbringen und dass, was heute hier geschah, morgen dort geschehen kann. Sie erklärte, dass es jetzt darauf ankommt, durch eine große Anstrengung des gesamten jüdischen Volkes, insbesondere aber der jüdischen Jugend aus dem ewigen Kreislauf der Wanderungen herauszukommen, damit es sich gamz auf den Aufbau des eigenen Landes, Erez Israels, konzentrieren kann. Aber noch etwas anderes Hess die Jugend zum Hechaluz kommen. Wir sagten schon, daß es nicht nur persönliche Neigung war, die einen grossen Teil der jüdischen Jugend zum Arbeiterberuf führte sondern die wirtschaftliche Notwendigkeit. Ein Faktor stand der Bejahung des Arbeiterberufes entgegen und minderte die Freude an der körperlichen Arbeit, die von den meisten jungen Menschen in irgend einer Weise empfunden wird. Es war das Gefühl des sozialen Abstiegs, der Minderbewertung des Arbeiterstandes, der durch sein geringes Einkommen viele Möglichkeiten des Lebensgenusses verschloss. Hier war es die chaluzische Bewegung, die der Jugend einen neuen Begriff und eine neue Bewertung des Arbeiterseins gab. Sie zeigte ihr, dass der jüdische Arbeiter als Träger des Aufbaues eine besondere Aufgabe und somit eine besondere Bewertung in Palästina haben muss. Sie gab der jüdischen Jugend neue Lebensinhalte und Formen, die sie das Arbeitersein nicht als Zwang, sondern als die Erfüllung einer hohen Aufgabe empfinden liess. Hier geschah die Umwertung der Werte, ohne die jede Umschichtung auf die Dauer scheitern muss. Es war jener Umschlag vom wirtschaftlichen Zwang zur freien Bejahung des Arbeiterberufes. Tausende aus der jüdischen Jugend Deutschlands haben so ihren Weg zum arbeitenden Erez Israel gefunden. Heute aber besteht die Frage: Wird die schulentlassene jüdische Jugend diesen Weg der Berufsumschichtung und der Chaluzhith gehen? Die wirtschaftliche Situation ist für unsere Jugend noch nicht günstiger geworden. Und doch sind Zeichen dafür vorhanden, dass ein Teil wankend geworden ist, dass man alte Ideologien und alte Zielsetzungen, vielleicht in einem neuen Gewand wieder aufleben lässt. Dass heute in Deutschland keine Möglichkeiten für die jüdische Jugend bestehen, wird von keiner Seite angezweifelt. Begünstigt durch die augenblickliche Stockung in Palästina, versucht man aber den Weg der Chaluzhith anzuzweifeln. Projekte für Berufsumschichtung mit dem Ziel Brasilien, Südafrika, Argentinien oder sonstigen Auswanderungsländer treten an die Jugend heran und werden ihr nahe gebracht. Was hat aber die chaluzische Bewegung in einem solchen Augenblick der jüdischen Jugend zu sagen? Es ist die gleicho Forderung zur Chaluzhith wie vorher! Arbeitslosigkeit in Palästina? Ja, es ist so! Nach! einer Zeit der Konjunktur, der Einwanderung grosser Kapitalien, nach einer Zeit der Spekulation, die durch das unregulierte Kapital ins Land kam, ist eine zeitweise Stockung in der Wirtschaft Palästinas eingetreten. Verursacht wurde die Krise durch eine unberechtigte Kriegspanik. Für uns aber, für (he jüdische Jugend in Deutschland und in anderen Ländern der Golah gibt es nur eines: die geordneten, arbeits- und pionierwilligen Kräfte für Palästina zu verstärken. Wir wissen: Arbeit gibt es in Palästina noch für Hunderttausende. Es sind Pionierarbeiten, die mitj dem Aufwand von grossem nationalen Kapital durchgeführt werden müssen. Wir können