Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 7 (4.1936)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 277 (sequence 35)
- Language
- German
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Seite 277 FÜR DAS NEUE FRÜHJAHRS - KLEID DIE MODISCHSTEN ZUTATEN DER SAISON durften nicht mehr gegessen werden, nur eine einzige grosse runde wurde an einem Schnürchen an der Wand befestigt und blieb zur Erinnerung das ganze Jahr bis zum nächsten Pessach hängen.— Wehmütig steigt bei dieser Erinnerung1 die Frage in uns auf: gibt es in dem weiten Kussland heute noch ein Haus von solcher Vornehmheit und erfüllt von solcher Frömmigkeit, in d»m heiliger Brauch und Vätersitte ähnlich wie einst vor 100 Jahren gefeiert werden? Ella Seligmann Die Frau als Gestalteria textiler Kultgegenstände Eine Anregung: Wenn man heute eine Frau handarbeitend antrifft, ist es gewiss ein Pullover, der unter ihren emsigen Fingern entstellt. Von der Grossmutter bis zur jüngsten Enkelin hat uns alle eine wahre Strickwut erfasst, denn so kann man diese Zeiterscheinung ruhig nennen. Stricken ist nun einmal Mode, und wie alle Moden wird auch sie eines Tages vorbei sein. Für diesen vielleicht garnicht mehr so fernen Zeitpunkt sei schon jetzt an andere Beschäi'tigungsmöglichkeiten gedacht. Wie war es denn in früheren Zeiten? Nun, gestrickt haben wir Frauen immer gern, im Krieg z. B. dicke Socken u. ä., bald darauf hauchzarte Deckchen in Biedermeier-Mustern. Stoltzes Zeitgenossinnen müssen mit Leidenschaft gehäkelt -haben, denn: „Wie ääch ihr Vatter breekelt, 's ward alles iwwerheekelt" heisst es im „Ständche in der Säubütt." Zu anderen Zeiten wurde gestickt, filiert, geflochten, geknüpft, aus Kesten allerlei zusammengenäht etc. etc. Von all diesem vergänglichen Schmücke-dein-Heim-Tand hat sich — man ktinn wohl sagen zum Glück — nicht viel erhalten. Aber gehen wir weiter zurück und fragen: was trieben denn unsere Urgrossmütter und deren Mütter und Grossmütter in ihren kargen Mussestunden? Auch sie machten Handarbeiten, aber schönere und kostbarere als ihre Nachfahrinnen. Sie stickten zu heiligem Gebrauch Thoravorhänge und -mäntelchen mit Silber- oder Goldfäden auf Samt und Seide, verschieden nach Material und Entwurf je nach Art und Zeit ihrer Entstehung. Mit bunten Fäden zauberten sie ganze Geschichten auf die Leinwand, die ihre einjährigen Knäblein als Wimpel in die Synagoge trugen. Sie nähten Kissen und webten Handtücher für den Sederabend. Man gehe ins Museum jüdischer Altertümer und sehe sich diese Dinge an. Könnten wir ähnliches nicht auch heute noch oder heute wieder anfertigen? Zur Herstellung der textilen Kultgegenstände der Synagoge dürfte es uns zwar an der nötigen Geschicklichkeit fehlen — auch früher wurden sie meist von Künstlern entworfen und von mehreren Frauen zusammen oder einzelnen besonders talentierten ausgeführt. Aber wie wäre es mit ein fachen Handarbeiten für den kultischen Gebrauch des jüdischen Hauses? Was läge da näher als die festliche Ausschmückung des Freitag-Abend-Tisclies? Wie viele Arten von Datscher-Deekehen gibt es doch: schwere und kostbare aus Samt und Seide, weniger aufwendige — dafür aber waschbare — aus Leinen oder Baumsvolle. Man kann sie mannigfach besticken mit dem Kiddusch-Beeher oder einem Mogen-Dovid in der Mitte, mit dem Wein- und Brotsegen oder mit nur einer Brocho oder mit dem Anfang des 4. Gebotes. Man kann ferner I teckchen unter die Schabbos-Leuchter anfertigen (eine leichte Handarbeit für Kinder). Für Pessach kann man eine dreigeteilte Mazzentasche, ein Kissen für den Hausherrn und eines für Eli^ahu, den Propheten, machen. Und wie wär's mit einem selbstgewebten Handtuch für das gleiche Fest? Ist ein Barmizwoh in der Familie, so kann man ihn mit einem Tallis- und einem Tefillinbeutel beschenken, die man selbst genäht und bestickt hat. Ist man weniger geschickt, so kann man sich auf das Fevt'gmachen beschränken und sticken oder wenigstens vorzeichnen oder entwerfen lässt man sieh die Sache in einem einschlägigen Geschäft eder von einer unsrer zahlreichen jüdischen Kunstgewerblerinnen. Von diesen verfügt eine über sehr schöne moderne Entwürfe für handgewebte1 Decken aller Art, eine andere hat einen schier unerschöpflichen Vorrat an Schablonen für hebräische Buchstaben von den verschnörkeltsten bis zu solchen in einfachster Blockschrift. Bei einer bekannten jüdischen Firma des Buchverlages kann man u. a. sehr schöne Spritzarbeiten sehen. Eine Anzahl von Wäschefirmen hat mannigfache Handarbeiten, zum Teil ganz leicht auszuführende, am Lager. Hat man erst einmal angefangen, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen, so wird man sehr bald merken, welche unendliche Vielfalt in ihrer Ausführung möglich ist. Man wird dann auch w eniger leicht in Verlegenheit kommen, wenn man o n Ge:chenk, vielleicht für liebe Auswandernde, zu machen hat. Eine Handarbeit trägt immer eine persönliche Note, selbst im fernsten Land wird ihre Spenderin nicht vergessen werden. Und ist die Gabe mit Liebe gewählt und mit Sorgfalt ausgeführt, dann wird sie auch mit Ehrfurcht benutzt werden. Ada Heinemann Müttersorgen Zur Berufswahl der Töchter Wenn zu Ostern dieses Jahres für Hunderte von jüdischen Mädchen und Knaben die Pforten der Schule sich schliensen, tritt die Frage, was aus ihnen werden soll, mit dem drückenden Gewicht einer riesenhaften Verantwortung an die Eltern heran. Die Beantwortung dieser Frage ist gegenüber dem Vorjahre noch weit schwieriger geworden. In demselben Masse, in dem die Möglichkeiten zum Besuch höherer Schulen schwinden, ist derselbe auch aussichtsloser geworden. Dazu die immer grössere Verengung der Existenzbasis. So ist die Berufswahl,, soweit überhaupt heute noch von Berufsw a h 1 gesprochen werden kann, für die Knaben ausserordentlich schwierig. Für die Mädchen wäre sie an sich nicht minder schwer, aber man macht sie sich leichter, und deshalb möchten wir heute das Mahnwort an die Mütter richten, nehmt auch für Eure Töchter das Problem der Berufsentscheidung ernst! Wenn die Vertiefung der Erkenntnis, daß die Ertüchtigung in der Hauswirtschaft erste Voraussetzung für ein segensreiches Wirken der Frau sowohl im Haus wie auch im Beruf ist, sicher rückhaltlos begrüsst werden muß, so hat sie doch auch ihre Gefahren. Sie hat das leere und spielerische Haustochterdasein, das die Frauenbewegung Jahrzehnte hindurch — sicher mit einigem Erfolg — bekämpft hatte, in manchen. Fällen wieder bedenklich in Mode gebracht. Man holt nach der Schule die Tochter ins eigene Haus zurück, zunächst mit dem festen Vorsatz, ihr hier eine gründliche hauswirtschaftliche Ausbildung zu geben. Die einschnei-