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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-04-01 · 7 (4.1936) · p. Seite 276

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
7 (4.1936)
Date
1936-04-01
Page
Seite 276 (sequence 34)
Language
German
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Schumannstr. 9 Pessachfeier im alten Russland Keine jüdische Festeszeit bedarf so vieler Vorbereitungen wie Pessach. Diese Vorbereitungen und das Erlebnis des Festes, insbesondere der Sederabende, sind bei Tins deutschen Juden im grossen und ganzen dieselben geblieben wie in alten Zeiten. Anders liegen die Dinge im neuen Russland, das allem religiösen Kult feindselig gegenübersteht und zum mindesten jede öffentliche religiöse Betätigung zu verhindern sucht. Darum mag es ge. rade in dieser Zeit von Interesse sein, zu erfahren, wie im alten Russland — vielfach abweichend vom deutschen Brauch — das Pessachfest vorbereitet und gefeiert wurde. Eine anschauliche und interessante Schilderung der alten russischen Pessachfeier entnehmen wir dem in der letzten Nummer des Gemeindeblattes besprochenen Memoirenwerk der Paulin«* Wenger off. Es hat einen eigenen Reiz, aus diesem Buch die zum Teil fremdartig anmutenden Vorbereitungen zu hören, mit denen das Fest schon Wochen vorher eingeleitet worden ist. Bereits am Schuschan Purim, so erzählt Pauline Wengeroff, gab es lange und wichtige Beratungen zwischen der Hausfrau und der Köchin. Die vornehmlichste Speise, rote Rüben zum Einlegen für den „Borscht" in einem gekascherten Fass, wurde schon an diesem Tage angesetzt. Bald erschien auch die Mehlverkäuferin und brachte Mehlproben für die Mazzes, die später zuhause gebacken wurden. Rosch Chodesch Nissan begann das grosse, heilige Werk des Mazzebackens, an dem sich alle Hausgenossen, selbst Vater und Mutter, beteiligten. Ein altes Faktotum erschien, der man ein langes weisses Hemd über die hagere Gestalt zog und ein weisses Leinentuch, das auch den Mund bedeckte, über den Kopf band. In diesem Aufzug, der für die Kinder etwas Gespenstisches hatte, musste sie das Mehl für die Mazzes durchsieben. Alle Gef ässe, alles was mit den Mazzes in Berührung kommen sollte, wurde aufs peinlichste gesäubert, und der Vater und die Schwäger begaben sich'selbst mit grossen Wasserschaff ein, die sie auf langen Stangen trugen, zum Fluss, um Wasser zum Bereiten der Mazzes zu holen. Zwei Tage dauerte das Backen; dann untersuchte die Mutter jede einzelne Mazze, deren es oft mehrere Tausende gab. ob sich nicht etwa eine verbogene oder nicht ganz ausgebackene darunter befand. Eine solche durfte nicht gegessen werden. — Die nächste Zeit bis Pessach verging in Vorbereitungen für die Wirtschaft, aber auch für das Ansehaffen neuer Kleider und den dazu gehörigen Putz. Erew Pessach erreichte die Arbeit ihren Höhepunkt, wie es ja auch heute noch bei unseren frommen Hausfrauen der Fall ist. Auch „Bedickas, Choniez, das Chomezbatteln" am Vorabend scheint in gleicher Weise wie bei uns vor sieh gegangen zu sein. Am Morgen des Erew Pessach Hess der Vater im Hof einen kleinen Herd aus Ziegeln bauen und Holzstücke darauf legen, die blitzschnell in Brand gerieten, und in kaum zehn Minuten war alles Chomez verbrannt. Nun begannen die üblichen Vorbereitungen für den Sederabend. Die Abenddämmer stiegen langsam hernieder, und die Mutter erschien, festlich gekleidet, ihr ganzes Wesen voll tiefer Frömmigkeit, Ruhe und Seelenfrieden. In stillem Gebet dankte sie ihrem Schöpfer für die Gnade, dass Er sie und ihre Lieben diesen Festtag in Gesundheit hat erleben lassen. Dann zündete sie und mit ihr alle verheirateten und unverheirateten Töchter die Festtagskerzen an, die schon in schweren silbernen Leuchtern auf dem Sedertisch standen. Vor dem Sitz des Vaters brannten zwei Spirmazet-Kerzen, die man Mahnischtano-Kerzen nannte, nach den vier Fragen, die das jüngste Kind am Sedertisch stellt. Lampen kannte man zu jener Zeit noch nicht. Die Sedertafel glänzte und strahlte von altem schwerem Silber und Kristall. Der Meschores (Diener) hatte einen neuen Kaftan an, sein ganzes Auftreten atmete feierliches Selbstbewusstsein, als fühlte er sich an diesem Abend den Herrschaften gleichgestellt. Er war es, der das silberne Becken mit Kanne zum Händewaschen und v iele Handtücher brachte. Dann kamen die Herren aus dem Bethaus, der Vater würdevoll, mit dem Ausdruck innerer Zufriedenheit und Festeswonne. Seine Feiertagskleidüng, wie die der älteren Schwiegersöhne, bestand aus einem langen schwarzen Atlaskaftan mit breitem Atlasgürtel um die Lenden. Den Kopf bedeckte eine teure, pelzverbrämte Mütze, „Streimel" genannt. In der Reihenfolge des Alters nahmen die Kinder am Tische Platz, nachdem der Vater sie alle gesegnet. Auch Schimon, der Meschores, durfte am Tische sitzen.—Der Vater Hess sich gemütlich auf seinem Ruhesitz, dem sogenannten „Hessebett" nieder, legte seine prächtige Schnupftabakdose mit dem roten Foulardtaschentuch auf den Tisch zu seiner Rechten, und nun begann die eigentliche Sederfeier mit der Vorlesung der Haggadah. Jeder der Herren bekam auf seinen Teller drei „gehütete Mazzes"; der zu denselben verwandte Weizen wird auf dem Felde in Gegenwart des Rabbiners und mehrerer Juden geschnitten, gedroschen und gemahlen. (Schimmure Ma?zen.) Das Vorlesen der Haggadah geschah in der auch bei uns üblichen Weise. Das Abendessen begann mit Pfefferfischen, dem eine fette Brühe mit Mazzeklösschen folgte und endete mit einem feinen frischen Gemüse. — - Erst nach dem Tischgebet, nachdem die Becher zum viertenmal gefüllt waren, wurde eine grosse silberne Kanne in der Mitte des Tisches für den Propheten Elia gefüllt. Die Kinder glaubten, fest, daß der Prophet Elia, der gute Geist unseres Volkes ungesehen hereinkomme und aus dem Becher trinke.— Nachdem die bekannten Lieder verklungen waren, wurde noch das schönste aller Lieder, Schir haschirim, das Hohe Lied angestimmt, und zwar im Rezitativ in sieben Tönen, was sich unvergesslich den Kindern eingeprägt hat.— Am frühen Morgen des ersten Pessachtages waren Männer und Frauen bereits in der Synagoge, wo das Gebet um Himmels-, tau mit tiefster Andacht gesprochen wurde. Lord Beaconsfield, der bekannte englisch-jüdische Staatsmann, behauptet einmal, dass ein Volk, das zweimal jährlich den Himmel um Tau und Regen für die Felder anfleht, gewiss noch einmal sein eigenes Land besitzen werde!! - Erst gegen ein Uhr kamen die Synagogenbesucher nachhause. Es erwartete sie ein traditionelles Mittagsmahl, gefüllter Truthahnhals, beste Frühlingsgemüse, Pfefferfische und Knödel. Dazu wurde reichlich guter alter Schnaps, Rotwein und Apfelkwas getrunken. Ein ausgedehntes Mittagsschläfchen war danach wohl selbstverständlich. Am zweiten Sederabend bekamen die Kinder Aepfel und Nüsse zum Spielen. Man wollte sie dadurch wachhalten, da . die Geschichte des Auszugs aus Aegypten viel ausführlicher erzählt wurde als es in der Haggadah steht. Es gab nur Borschtsuppe (aus roten Rüben) und gekochtes Geflügel. Braten gab es darum nicht, weil die Seroa, das Symbol des Lammopfers, auf dem Tische stand.— Das Aphikomen musste vor Mitternacht gegessen und damit die Sederfeier beendet sein. An den Chol-ha-Moed-Tagen (Halbfeiertagen) kamen viele Gäste zum Tee, Mittag- und Abendessen. Grosse Mühe machte das Bewachen der Schimmure-Mazzes. Vater, Mutter und der Melamed assen nur diese. .„ Auch nach den letzten zwei Feiertagen, nachdem der Vater durch Hawdolo die kommenden Werktage wieder geweiht, gab, es noch lange Zeit Arbeit im Haus, ehe das Pessachgeschirr bis auf den letzten Topf und die letzte Schüssel wiederwohlverpackt in den grossen Kisten lag. Die übrig gebliebenen Mazzes

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