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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-04-01 · 7 (4.1936) · p. Seite 255

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
7 (4.1936)
Date
1936-04-01
Page
Seite 255 (sequence 13)
Language
German
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Seite 255 unberücksichtigt lassen könnte. Bei einer kinderarmen Bevölkerung besagt demnach derselbe Prozentsatz etwas ganz anderes als bei einer kinderreichen: wir haben zwei Städte mit je 100.000 Einwohner, in beiden Städten sind 24 Selbstmorde gemeldet; in der einen Stadt machen die Kinder bis zum 15. Jahr 1/3, in der anderen 1/5 der Bevölkerung aus; in der einen Stadt kommen also praktisch auf 66.600, in der anderen auf 80.000 Einwohner 24 Selbstmorde; auf 100.000 Einwohner berechnet, demnach in der kinderreichen eigentlich 36, in der kinderarmen Stadt eigentlich 30 Selbstmorde. Wenn man aber weiß, daß bei den Juden die Kinder bis zum 15. Lebensjahre kaum 10% der jüdischen Bevölkerung betragen haben und noch weiter abnehmen, so wird man erkennen, daß die Selbstmordhäufigkeit der Juden in Preußen nur scheinbar so ungeheuer groß ist, denn es kommt noch die weitere Tatsache hinzu, daß mit dem höheren Alter die Selbstmordhäufigkeit' in fast allen Ländern zunimmt. Wir haben zwar Statistiken, die den Altersaufbau bei der Selbstmordhäufigkeit berücksichtigen, aber diese Statistiken sind meist für unsere Frage nicht verwertbar, da sie von der Gesamtbevöl- AUSWANDERER nach Erez « B|l||| A Ländern kaufen ihr Wr IMHV Schillerstrasse 20 ISAAC NEUMANN kerung ohne Berücksichtigung der Keligion ausgehen. Auf 100.000 Einwohner berechnet, kommen in Preussen ungefähr 40 männliche und 16 weibliche Selbstmorde in dem Alter von 20 bis 25 Jahren, dagegen ungefähr 80 männliche und 25 weibliche in dem Alter von 60-70 Jahren. Daraus ergibt sich, daß bei der Selbstmordhäufigkeit einer Bevölkerung der Altersaufbau eine sehr grosse Rolle spielt, und daß eine überalterte Bevölkerung eine viel grössere Selbstmordhäufigkeit zeigen muß als eine kinderreiche. Das Beispiel der Selbstmordstatistik zeigt also besonders eindringlieh, welche Schwierigkeiten der Bewertung objektiver Zahlen entgegenstehen. Mit entsprechenden Abwandlungen gelten solche Einwände für jede „Moralstatisti k", insbesondere etwa für die Kriminalistik und die Statistik der psychischen Erkrankungen. Wenn schon solche Schwierigkeiten bei Zahlen vorliegen, die relativ leicht errechnet werden können, welchen Fehlschlüssen kann der nicht geschulte Statistiker erst zum Opfer fallen, wenn für die zahlenmässige Grundlage mehrdeutige Begriffe in Frage1 kommen. reH-Sinqer Reparaturen in eig. Werkstätte Alle onmod. Obren nehme leb bei Neakani In Zahlung PB^TJBaKBgBglNo. Aus der Arbeit der Jüdischen Winterhilfe Frankfurt a. M. Unerwartet erging am 5. Oktober 1935 — nach einer behördlichen Anordnung — der Euf der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, mit sofortiger Wirkung eine jüdische Winterhilfe aufzubauen. In der Erkenntnis, daß hier eine aussergewöhnliche Aufgabe zu erfüllen sei, deren Durchführung die Zusammenfassung aller Kräfte voraussetze, beschlossen der Vorstand der Israelitischen Gemeinde und der Synagogengemeinde Israelitische Religionsgesellschaft, das neue Hilfswerk, mit dessen Durchführung die Jüdische Wohlfahrtspflege Frankfurt a. M. beauftragt war, gemeinsam in die Wege zu leiten. Mit Begeisterung und Tatkraft wurde von allen Beteiligten das Werk begonnen. Ohne zeitraubende Verhandlungen setzte nach einem sofort aufgestellten Organisationsplan der Aufbau der „Jüdischen Winterhilfe Frankfurt a. M." ein. Mit der Aufstellung einer Kartei, die alle für uns in Frage kommenden Personen umfassen musste, wurde begönnen. Listen und Karteien, die die Namen von 11000 Personen enthielten und nach für Propagandazwecke verschiedenen Gesichtspunkten geordnet waren, entstanden in wenigen Tagen, sodass bereits am 18. Oktober der erste „Aufruf an alle" erfolgen konnte. Dreimal in verschiedener Form wurde der Aufruf, der für die Säumigen eine ernste Mahnung wurde, verschickt. Sein ZAveck war, alle, die geben konnten, zu einem sofortigen monat-. liehen Beitrag oder einer einmaligen Leistung zu verpflichten. Viele Tausende, jedoch leider nicht alle, die es anging, erfüllten ihre Pflicht und mehr als sie. Besondere Mitteilungen ergingen an Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die zum erstenmal als solche bei einer jüdischen Sammelaktion erfasst wurden. Ueber 150 Unternehmungen kamen unserem Wunsche einer gemeinsamen Beitragsabführung ihrer Belegschaften nach. Die Mittelaufbringung durch monatliche Beiträge und Spenden war die grössle Einnahme der Winterhilfe! Ihre technische Ueberwachung erforderte ein sorgfältiges Kartei- und Buchungswesen, bei dem trotz der zunächst provisorischen Einrichtung Fehler fa<?t völlig vermieden werden konnten. Daneben traten die monatlichen Haussammlungen (Eintopf- und als Geldsammlung duichgeführte Pfundsammlungen) bei allen jüdischen Familien, eine Form der Mittelbeschaffung, die bisher in Frankfurt a. M. für jüdische Zwecke nicht gebräuchlich war. Insgesamt fanden 9 Sammlungen, davon die erste bereits am 27. Oktober statt. Der Rcichsbund jüdischer Frontsoldaten e. V. hat die Durchführung dieser Aufgabe übernommen. Durch seine betreits bestehende Organisation, die eine bis ins kleinste gehende Einteilung in Bezirke umfasste, dank dem unermüdlichen Eifer der fast 450 Helfer und Helferinnen, die keinen Haushalt übersahen, konnte eine lückenlose Erfassung aller jüdischen Kreise erfolgen. Besonderen Dank dem R. J. F. und seinen Helfern auch an dieser Slelle; der Erfolg, den er der Jüdischen Winterhilfe gebracht hat, darf ihm Stolz und Genugtuung für seine Arbeit sein! Dass neben diesen wichtigsten Propagandazweigen nicht die B ü c h s e n s a m m 1 u n g e n — ausgeführt durch ehrenamtliche Helfer und Helferinnen, denen hier öffentlich gedankt wird — bei allen jüdischen Veranstaltungen nicht vergessen wurden, bedarf wohl keiner Erwähnung. Von der Abhaltung eigener Veranstaltungen nahm die Jüdische Winterhilfe bewusst Abstand, eine Ausnahme bildete lediglieh das Konzert des Jüdischen Kulturbundes am 25. März, zu Gunsten der Jüdischen Winterhilfe als Abschluss ihrer Tätigkeit. Während sich im Gemeindehaus Fahrgasse 146 die Werbe- und die damit verbundene Kassentätigkeit abspielte, begann sofort im Königswarterhaus, Quinckestr. 26 in den Räumen der jüdischen Wohlfahrtspflege die Vorbereitung für die Betreuung der Hilfsbedürftigen. Entsprechend den vom Winterhilfswerk des Deutschen Volkes aufgestellten Richtlinien erfolgten zunächst die Antragsaufnahmen und Prüfungen der Fälle. Alle angestellten. Berechnungen blieben weit hinter der Wirklichkeit der vorhandenen Not in unseren Kreisen zurück Wir glaubten 2500 Menschen betreuen zu müssen, ihre Zahl betrug jedoch 4222. Mit grösster Beschleunigung, aber trotzdem sorgl'ältig und gewissenhaft, musste und sollte gearbeitet werden. Die Wochen dieser Arbeit, die eine aufs Höchste gesteigerte persönliche Inanspruchnahme erforderte, zu schildern, ist nicht Aufgabe dieses Berichts. Das Wichtigste: es war möglich, noch im Oktober die erste Ausschüttung vorzunehmen. Während sie in diesem Monat für jeden Haushalt RM. 5.— betrug, konnte sie in den nächsten; Monaten erheblich gesteigert werden. Für jede hilfsbedürftige Person wurde verausgabt im Monat November RM. 3.-,

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