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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-04-01 · 7 (4.1936) · p. Seite 253

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
7 (4.1936)
Date
1936-04-01
Page
Seite 253 (sequence 11)
Language
German
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Seite 253 Zum 60. Todestag 1 von Professor Am 11.. April dieses Jahres jährt sich zum 60. Mal der Todestag des berühmten jüdischen Klinikers und Arztes Ludwig Traube. Die unvergänglichen Verdienste, die er sich um Entwicklung und Ausbau der inneren Medizin im zweiten Drittel des vorigen Jahrhunderts erworben hat, rechtfertigen, heute seiner in Ehrfurcht zu gedenken. Traube wurde am 12. Januar 1818 in Ratibor geboren. Zu seinen medizinischen Lehrern gehörten so hervorragende Gelehrte wie der Physiologe Johannes Müller und der Kliniker Joh. Lucas Schönlein in Berlin, dessen Assistent er mehrere Jahre war. Bereits 1853 wurde Traube dirigierender Arzt am Charite- Krankenhaus in Berlin, 1857 ausserordentlicher Professor an der Universität und 1863 zugleich ordentlicher Professor am Friedrich Wilhelm-Institut,für das militärärztliche Bildungswesen. Er starb am 11. April 1876 als Ordinarius der inneren Medizin und Direktor der propädeutischen (späteren II. medizinischen) Klinik der Berliner Universität. Im Nebenamte war er Chefarzt der inneren Abteilung des Krankenhauses der Berliner jüdischen Gemeinde, dessen chirurgische Station zu gleicher Zeit kein Geringerer als der berühmte Bernhard v. Langenbeck leitete. Beider Assistent an diesem Krankenhaus war der später als Begründer der Nierenchirugie zu Weltruf gelangte James Israel. Traube gehörte neben Rudolf Virchow und, Albrecht v. Gräfe, denen er auch freundschaftlich nahe stand, sowie neben. Th. v. Frerichs und B. v. Langenbeck zu den Leuchten der sogenannten Berliner klinischen Schule, deren Glanz damals über alle Lande strahlte und zahlreiche Studenten und Aerzte nach Berlin führte. Traubes Klinik muss sich nach den Aussprüchen von Zeitgenossen grössten Ansehens erfreut haben. So schreibt Bernhard Naunyn, der unvergessene spätere Kliniker in Strassburg von ihr: „Traubes Klinik war sehr beliebt. Allgemein rühmte man die Gründlichkeit und Zuverlässigkeit seiner Untersuchungen und das Interesse, das er für jeden einzelnen Kranken hatte". Und ähnlich äussert sich der nachmalige Göttinger Kliniker Wilhelm Ebstein: „Die Anerkennung, deren sich die Traubesche Klinik erfreute, war allgemein, und man konnte sehr lange an den Eindrücken zehren, die man aus ihr nach Hause trug". Dem entsprach auch das ungewöhnliche Ansehen, das Traubezu jener Zeit als Consiliararzt in der ganzen Welt genoss und die Tatsache, dass eine grössere Zahl bedeutender Männer aus seiner Schule hervorging, von denen am bekanntesten geworden sind, der Pathologe Julius Cohnheim sowie die Kliniker Ernst von Leyden, der Nachfolger auf Traubes Lehrstuhl, und A 1bert Fraenkel, Traubes Neffe, berühmt durch seine Entdeckung des Erregers der Lungenentzündung und auch der heutigen älteren Generation noch in lebhafter Erinnerung als Direktor des Berliner Städtischen Krankenhauses am Urban. Dieselbe Bedeutung wie als Lehrer und Arzt hatte Traube auch als Forscher. Seine Verdienste um den Ausbau der physikalischen Diagnostik, nämlich der Perkussion und Auskultation, die damals noch keineswegs Gemeingut der Aerzte waren, stellen ihn neben den grossen Franzosen Laenee und den berühmten Skoda in Wien. Er ist, wie E. v. R o m b e r g vor einigen Jahren in seiner Festrede zum 50jährigen Jubiläum des Berliner Vereins für innere Medizin sagte, als Ahnherr der sorgfältigen Beobachtung am Krankenbette zu bezeichnen. Seine gesammelten Beiträge zur Pathologie und Physiologie geben ein lebendiges Bild seines uneimüdlichen Fleisses und seiner Genauigkeit bei Sammlung und Registrierung seiner Beobachtungen, seiner scharfen Kritik und seiner ärztlichen Befähigung. So hat er zuerst den uns heute so geläufigen Zusammenhang mancher Erkrankungen des Herzens mit denen der Nieren erkannt, Untersuchungen über das Fieber angestellt und die wissenschaftliche Thermometrie in der Medizin zu der Methode gemacht, die heute nicht mehr wegzudenken ist. Darüber hinaus aber wurde er — und das gehört zu seinen grössten Ruhmestiteln — der Begründer der e xp e r iron Ludwig Traube Dr. S. Isaac ra enteilen Pathologie in Deutschland. Was damit gemeint ist, geht am besten aus der Vorrede seiner im Jahre 1846 erschienenen Beiträge zur experimentellen Pathologie- und Therapie hervor: „So gründlich und genau die klinischen und pathologischanatomischen Beobachtungen einiger neueren Pathologen sind, ebenso ungenügend sind w?nigstens in der Mehrzahl der Fälle die Erklärungen, welche man über dea Zusammenhang des Wahrgenommenen gibt. Um aus dem Labyrinth der Hypothesen herauszukommen, sehen wir nur einen Ausgang, e i n Mittel, welches die verwandten Naturwissenschaften aus gleichem Zustand befreit hat. Es ist das zu der passiven Beobachtung hinzugetretene Experiment, das auch die Pathologie zu dem, was sie werden will, zu einer exacten Wissenschaft machen kann." Und später, gegen Ende seines Lebens, im Jahre 1871, schreibt er: „Auch heute noch halte ich das Experiment für die Conditio sine qua non einer wissenschaftlichen Pathologie. Selbst die Therapie wird, wie ich überzeugt bin, von da ab einen gedeihlichen Fortgang nehmen, wo man in systematischer Weise versuchen wird, die an Tieren hervorgerufenen Krankheitserscheinungen durch die genauer gekannten Arzneimittel zu modifizieren". £ + bürgt für: J yfl s yf\ ^ßescbmacfc * [MuA<aWj£ym t rrrriwnmiotrii Wer erkennt in diesen Worten nicht die gleichen Bestrebungen, die in unseren, Tagen zu den grossen Entdeckungen auf pathologischem und therapeutischem Gebiete führten und die Waffen zur Bekämpfung einer Reihe schwerer Krankheiten schmiedeten? Einen Höhepunkt in dieser Hinsicht stellte bekanntlich das Wirken von Paul Ehrlich dar. Traube selbst kam aus diesem Geiste heraus zu seinen berühmten Tierexperimenten über die Wirkung der Digitalis, jenes Herzmittels, das heute kein Arzt mehr missen möchte. Zwar war die Herzwirkung der Digitalisblätter schon lange vor Traube im Jahre 1785 durch den englischen Arzt William Withering entdeckt worden, aber wieder in Vergessenheit geraten. Dass sie ihren Platz in der Behandlung der Herzkrankheiten wieder gewann, ist ausschliesslich das Verdienst Traubes, der den Mechanismus ihrer Wirkung an Tieren studierte und die Bedingungen für ihre Anwendung am Krankenbette festlegte. Deshalb wird er auch allgemein als der eigentliche Begründer der wissenschaftlichen Digitalistherapie, wie wir sie heute noch im wesentlichen üben, genannt. Es war vorwiegend Traubes Autorität, die bewirkte, dass die Forschungen über die Digitalis nach ihm jenen Aufschwung nahmen, der unzähligen Herzkranken zum Segen geworden ist. Die Leistungen grosser Aerzte sind vielfach an ihre Persönlichkeit gebunden und daher vergänglich. Wer aber wie Traube auf zahlreichen Gebieten der Medizin befruchtend und anregend gewirkt hat, geht in das Buch der Geschichte ein. 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