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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-04-01 · 7 (4.1936) · p. Seite 252

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
7 (4.1936)
Date
1936-04-01
Page
Seite 252 (sequence 10)
Language
German
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Seite 252 Dr. jur. Hugo Hoffmann Oberlindau 5t Tel. 76655 Versicherungen aller Art warte't. Das Ideal der Lehrerpersönlichkeit eines jüdischen Lehrhauses ist ein Mann, der ausserordentliches Können auf seinem besonderen Gebiete mit guter jüdischer Durchbildung verbindet. Aber dieser Typ wird noch selten vorhanden sein, vielleicht bildet ihn die Zukunft heraus. An einigen Beispielen soll nun aufgezeigt werden, wie das Problem der Vereinigung der Weltkultur und der jüdischen Bildung . gelöst werden kann, wobei zwei Vorbehalte gemacht werden müssen. Es ist unmöglich, die Frage im Rahmen eines kurzen Aufsatzes erschöpfend zu behandeln und es ist verständlich, daß hier diejenigen Wissensgebiete in den Vordergrund gestellt werden, die dem Verfasser vertraut sind. Wie erhalten wir uns geschichtliche Bildung und wie verbinden wir sie mit der besonderen Kenntnis der jüdischen Geschichte? Wenn heute viele Kurse über jüdische Geschichte laufen, so wird jedem Lehrer und Hörer sofort klar werden, daß eine wirklich fruchtbare Beschäftigung mit jüdischer Geschichte r«ur möglich ist, wenn diese auf der Kenntnis der allgemeinen Geschichte aufbaut. Die jüdische Geschichte schwebt nicht im luftleeren Raum, sie ist ein Teil der Weltgeschichte und ohne diese unverständlich. Es soll hier nicht untersucht werden, warum so viele der üblichen jüdischen Geschichtsbücher nicht befriedigen. Der Grund mag vielleicht eben darin liegen, daß sie die jüdische Geschichte aus dem allgemeinen Geschehen herauszulösen versuchten. Ohne die Kenntnis der Struktur des römischen Kaiserreiches bleibt der Untergang des jüdischen Staates unverständlich. Die beste Vorbereitung für ein Erfassen des besonderen jüdischen Problems ist eine gründliche Beschäftigung mit diesen Fragen. In eine Vorlesung über römische Geschichte baut sich zwanglos die jüdische Geschichte des ausgehenden Altertums ein. Auch der jüdische Mensch von heute hat die Verpflichtung, die Werke, die unsere Grossväter studierten, wie Mommsens „Römische Geschichte", wieder zur Hand zu nehmen, nur mit dem Unterschied, daß er dieses Wissen mit dem verschmilzt, was er sich jüdiseh erarbeitet, etwas, was unsere Grossväter, die im Strome der Assimilation schwammen, meist nicht taten. Noch ein einziges Beispiel aus der Geschichte mag für viele andere erwähnt werden. Wir beschäftigen uns mit den sogenannten Hof juden zu Beginn der Neuzeit. Ohne die Kenntnis von der Entstehung des fürstlichen Absolutismus bleibt dies eigenartige Phänomen unverständlich. Die besondere Struktur des damaligen Deutschlands muß erst erarbeitet werden. Wie liegen die Dinge auf dem Gebiete der Weltliteratur?— Gewiss, mit Recht suchen wir heute auch in der sogenannten £ie$cKhom KAIS E R S TR A S S E 3 schönen Literatur Stoffe auf, die sich mit jüdischen Problemen beschäftigen, und man begreift es, warum Gerson Sterns „Weg ohne Ende" ein so voller Erfolg wurde. Darüber hinaus aber darf es nicht geschehen, daß wir die ganz Grossen der Weltliteratur nicht mehr kennen oder dass wir uns nicht mehr ausgiebig genug mit ihnen befassen. Wer darauf verziehtet, sich immer wieder mit Goethe zu beschäftigen, scheidet sich dadurch aus dem Kreise derer aus, die den Anspruch erheben, als im tiefsten Sinne gebildet zu gelten. Wir sind gewiss die Letzten, die einer oberflächlichen Bildung das Wort reden, hier geht es um etwas anderes. In allen Stürmen des Daseins, in allen Nöten menschlichen Lebens wird de'r, der in seinem Goethe zu Hause ist, ein gutes Wort finden, das ihn aufrichtet und stützt. Darauf wollen wir nicht verzichten, und wir wollen vor allem verantwortungsbewusst dafür sorgen, dass diese Goethekenntnis auch den heranwachsenden jungen jüdichen Menschen erhalten bleibt. Sollte der ,Faust' nicht mehr ein Teil unseres Erlebens sein? Es gab eine Zeit, da war es sehr beliebt, zu jedem Gegenstande die Worte „und die Juden" hinzuzufügen, auch bei Goethe. Ich glaube sogar, daß zum Goethejahr ein Buch „Goethe und die Juden" erschienen ist. So geht es auch nicht. Wer innerhalb des Arbeitsplanes eines jüdischen Lehrhauses einmal ein Semester lang Goethe behandelt hat, der wird zwanglos in diese Darstellung Goethes Stellung zu Juden und Judentum hineinbauen können und sie aus der Gesamtpersönlichkeit begreifbar machen. Ob es nicht auch denkbar wäre, innerhalb des jüdischen Hauses durch Leseabende im kleinen und kleinsten Kreise sich das Wissen um die Grossen der Weltliteratur zu erhalten, und ob ein solcher Abend nicht einen anderen Wert hinterliesse als das Besprechen immer der gleichen Fragen oder gar Bridgespielen? Der Mensch ist das, was er aus sich macht. Welche gewaltige Linien führen von „Faust" zu „Hiob"! Wer wagt es, einen Versuch, zu machen, Dantes „Göttliche Komödie" jüdischen Menschen von heute zu erklären? Diese gewaltige, zeitlose Vision darf uns nichts Fremdes werden! Als letztes Beispiel sei Erdkunde und Geopolitik erwähnt. Palästinakunde ist etwas Selbstverständliches geworden oder sollte es wenigstens sein. Wie aber ist' wahre Palästinakenntnis zu erreichen ohne Kenntnis der Entwicklung und des Aufbaus des englischen Weltreichs? Wie kann man dies Land wieder begreifen, ohne einen Überblick über die anderen Länder zu haben? Um die jüdische Lage der Gegenwart zu verstehen, muss man sich einmal mit den Fragen der „Raumnot" befassen und sich klar machen, wieso gerade die Völker, die im Verhältnis zu ihrer Menschenzahl wenig Boden haben, in Bewegung geraten sind. Manches, was bisher zufällig erschien, wird sich methodisch ordnen. Um alle diese Dinge müssen wir mit uns kämpfen. Gerade jetzt, wo vom Wissen nicht irgendw elche „Berechtigung'' abhängt, jetzt, wo es nur einen Sinn hat, sich mit allen diesen Dingen um ihrer selbst willen zu beschäftigen. Weitkultur und jüdische Bildung zu vereinigen, muß uns ein Ziel unserer Arbeit an uns selbst sein. SEDER-BECHER ■ SEDER-SCHUSSELN in reicher Auswahl Juwelen — Trauringe — Armbanduhren Zuchfperlkolliers Bestecke in echt Silber und versilbert Anu. Verkauf aus Privatbesitz, stets Gelegenheiten in Juwelen

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