Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 7 (4.1936)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 250 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Jre'te 250 genes Leben, seine eigene Kultur besass, dass es wertvoll war, diese zu erforschen und zum tragenden Pfeiler einer neuen Existenz zu machen. Der Verein proklamierte die „Wissenschaft des Judentums", das heisst die Erforschung des Judentums nach den Methoden .der Wissenschaft, das systematische und kritische Studium des gesamten Judentums — seines Seins, seiner Lehre, seiner Literatur. Aber nieht in einer ghettomässigen Isolierung, sondern in seinem Zusammenhang mit der Kultur der Welt, als einen der Ströme, die in das Weltmeer der gesamten Geisteskultur einmünden. Wie alle seine Zeitgenossen war Zunz überzeugt von der Mächtigkeit seines Geistes. Menschen und Zustände umzugestalten. Wissenschaft war für ihn nicht Stubengelehrsamkeit, nicht Schul-. Weisheit, die mehr oder weniger gedruckte Bücher zutage förderte, sondern gleich einer platonischen Idee schöpferische Kraft. Energie, die sich in Taten umsetzt, vitaler Elan, der Charakter und Schicksale formt. Als der Verein kläglich zusammenbrach und Zunz wie in eine Sintflut alles für ihn Wertvolle versinken sah, klammerte er sich an die „Wissenschaft des Judentums" als den Rettungsanker. „Was mich allein", so schreibt er, „in diesem Mabbul auf recht erhält, das ist die Wissenschaft des Judentums. Sie lebt, auch wenn Jahrhunderte lang sich kein Finger für sie regte." Also nicht auf die Lehre oder die Veröffentlichungen dieser Wissenschaft legte er den Nachdruck, sondern auf den Geist, auf die Lebenskraft in ihr, auf ihre Fähigkeit, das jüdische Leben, die jüdische kulturelle Haltung zu gestalten. Als Zunz 40 Jahre später nach der Bedeutung des Vereins gefragt wurde, antwortete er nicht mit der langen stolzen Liste der Autoren uud Bücher, auf die er damals schon hätte verweisen können, sondern schrieb den bezeichnenden Satz: „Fast alle Fortschritte der Juden auf wisssenschaftlichem politischem, bürgerlichem Gebiete, sowie die Leistungen reformatorischer Richtung in Schule und Synagoge haben in der Tätigkeit jenes Vereins und einzelner seiner Mitglieder ihre Wurzel." Das ist das Selbstbewusstsein eines Mannes, der etwas gewollt und geleistet hat. Was damals angestrebt wurde, ist für uns nicht etwa nur historische Erinnerung sondern lebendige Wirklichkeit. Uns ist;'a die Aufgabe zugewiesen, uns eine eigene jüdische Kultur aufzubauen, und die Erinnerung an die Bestrebungen von vor hundert Jahren und ihren Fehlschlag haben höchst aktuellenWert. Damals war das Judentum, wenn auch vielfach in überlebter und versteinerter Form überall zu finden, der Kampf ging um se:ne Verträglichkeit mit der Wissenschaft; heute ist die Anerkennung der Wissenschaft unter uns nicht mehr umstritten, aber das Judentum ist uns entschwunden. Um so eindringlicher sollte daher de Stimme eines Zunz zu uns sprechen! Neben diesem wuchtigen, revolutionären Grundgedanken versehwinden alle Einzelleistungen, auch wenn siet für sich betrachtet, noch so bedeutsam sind. Zunz war der erste, der den ganzen Reichtum und die bunte Mannigfaltigkeit der geistigen jüdischen Ueberlieferung gezeigt und die Gesichtspunkte für ihre Behandlung darlegt, der Begriffe wie' „Jüdische Geschichte", „Jüdische Literatur" — uns beute so geläufig — umrissen und in ihr Recht eingesetzt hat. Sein erstes grosses Buch „Die gottesdienstliehen Vorträge der Juden" erregte berechtigtes Aufsehen 2200 Jahre jüdischer Entwicklung erstanden vor dem Leser zu neuem Leben; seit dem Tage Spinozas, so urteilte der Kirchenhistoriker Gfrörer, war kein bedeutenderes Werk von einem Juden ausgegangen. Es war die Zeit, in der die systematische Erforschung der jüdischen Vergangenheit in den Anfängen steckte, in der eifrig Quel-, len gesucht, Handschriften und alte Drucke wieder entdeckt wurden. Zunz stand unter den Forschern m erster Reihe, man glaubt es kaum, welch' überwältigende Fülle von Autoren er gelesen und durchgearbeitet hat; unermüdlich war er dabei, neues Material zu suchen und zu sichten. Daher konnte er, wenn es nötig war, einen so reichen Stoff wie seine „Namen der Juden" boten, in wonigen Wochen vorlegen. Daher konnte er in dem weiteren Werke „Zur Geschichte und Literatur" eine Reihe von höchst gelehrten Abhandlungen vereinen, deren jede Neuland beackerte und die wertvollsten Anregungen für weitere Arbeit bot. Daher konnte er in seinen Büchern zur synagogalen Poesie den Stoff in einer Gründlichkeit behandeln, die uns heute noch in Erstaunen setzt. Sein ihm ebenbürtiger Verehrer, Moritz Steinschneider, schrieb einmal scherzhaft, Zunz habe die Geschichte einer Literatur geschrieben, die gar nicht existierte; er meinte damit, daß diese Literatur zum jüdischen Gottesdienst nicht in Drucken bekannt, sondern vorzugsweise in Handschriften vergraben war und daß Zunz hunderte von Manuskripten aus vielen entlegenen Bibliotheken hatte durchforschen müssen, um zu diesem Stoff zu gelangen. Seine Bücher sind ungemein gelehrt und wenden sich an den Fachmann, aber in ihren allgemeinen Kapiteln bieten sie eine höchst anziehende Lektüre. Zunz war, wenn er wollte, ein Meisler des Stils, der es verstand, das Einzelne mit dem Allgemeinen zu verbinden, seine Gedanken in gedrängter Kürze und in gehobener Sprache darzubieten. Heine hat es ausgesprochen, mit welcher Spannung er in jungen Jahren den Druck der besonders anregenden Zunz'schen Predigten erwartete. Wenig bekannt ist es, dass Zunz als Schwanengesang „Deutsche Briefe" herausgab, in denen der nahezu Achtzigjährige mit viel Witz und Spott seinen Unmut über die Sünden gegen den deutschen Sprachgebrauch und das Ueberhandnehmen der Fremdworle zum Ausdruck brachte. Bei allen Erfolgen herrschte über Zunz' Schriftstellerei ein tragisches Missgeschick. Sein Lebenswerk, eine Geschichte der Juden, hat er nie gesehrieben; so oft er sie geplant, ein anderer ist ihm zuvorgekommen. Wie Theodor Mommsen vor der Darstellung der Gc-ilueliticor röniüsel.en Kaiserzeit zurücU?cln<ckte. *o empfand Zunz Lei der Fülle dos Stoffes stets Hoimmingen, seine Geschichte der Juden zusammenzufassen und ab/.uschliesson. Zunz war kein Bücherwurm, sondern ein Mann der Tat — ein Erzieher von Jugend an, in dem, wie in jedem geborenen Erzieher, ein Stück Weltverbesserer steckte. Er hatte lebhaftes Interesse für Politik, war ein Kämpfer für Freiheit und Recht, für Aufklärung und freies Wort. Er begann radikal, wie die gesamte Jugend nach den Befreiungskriegen, aber mit zuneigenden Jahren mässigte er seine Forderungen, und wenn er auch ein echter Demokrat blieb, so wurde er doch ein Invidualist und hatte Verständnis für den Staat und seine Ansprüche. Auch in religiösen Fragen begann er mit scharfem Radikalismus. Im Hinblick auf die damals geplanten Reformversuche schrieb er als Vierundzwanzigjähriger: „Ehe der Talmud nicht gestürzt ist, . ist nichts zu machen'". Ob Heinrich Heine an dieses Wort dachte, wenn er später sehrieb, dass Moses Mendelssohn den Talmud Die Frankfurter Bank, Neue Mainzerstrafje 69 gegründet 1854 Tel. 20901 übernimmt die Ausführung aller bankmässigen Geschäfte Spareinlagen gegen Sparbuch Hinterlegungsstelle für Mündelvermögen