Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 7 (4.1936)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 247 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 247 So verrät Auswahl und Anordnung der gesamten Bilderfolge die religiöse Konzeption. Aus dem Chaos der Urzeit erwächst durch göttliche Führung eines bedrohten und bedrückten, doch schliesslich befreiten Volkes das ewig gültige religiös-sittliche Gesetz, der unerschütterliche Bau der Zukunft. Von solcher religiöser Konzeption beherrscht, entstehen religiöse Darstellungen im noch tieferen Sinne. Alle die Menschen, die hier agieren, f-ind erfüllt von dem Geschehen, das sie als heilig empfinden. Die tiefe Erschütterung ihrer Seele, die brennende Glut ihrer Hingabe — sie spricht sich nicht aus in lebhafter, ausgreifender, äusserer Bewegung, sondern in der Gesamthaltung der Körper; in der leise erhobenen Hand im Vorschieben des Kopfes, im schweren heissen Blick liegt eine Religiosität, die nicht von aussen geboten wird, eine Frömmigkeit vielmehr, wie die Seele des Menschen von sich aus erzeugt. Gerade in den Massendarstellungen offenbart es sich: diese Menschen assistieren nicht, sondern sie existieren durch ihre Hingabe, ihren Glauben, ihre Frömmigkeit, ob sie als Brüder vor Josef stehen oder vor Pharao, ob sie als Volk von Mose das Gesetz empfangen oder den Segen: immer strömt aus ihnen die ekstatische Erschütterung, die als Religiosität Inhalt ihres Lebens, Grund und <Wesen ihres Seins ist. Diese Menschen — man hat es von Rembrandts Gestalten gesagt — haben nicht Religion als einen objektiven Lebensinhalt, sondern sie sind religiös. Begreiflich wird dieses Phänomen aus der Zeit und den Umständen der Entstehung dieser einzigartigen Handschrift. Ihr Stilcharakter — er ist im einzelnen noch nicht hinreichend untersucht — weist auf den Anfang des 14. Jahrhunderts; er setzt die berühmten Handschriften der Pariser Ateliers, vornehmlich die des Honore, voraus, besonders das Brevier Philipps des Schönen (1296), das ähnlich wie unsere Haggadah Bildseiten mit je zwei Szenen zeigt. Aber mancherlei weist doch bestimmt auf Spanien als Ort der Entstehung: das alte Wappen von Barcelona auf dem Schmuckblatt, das den Textteil beginnt und manche Gestalten, namentlich Negertypen, vor allem aber auch die Tracht mit der berüchtigten runden Kapuze, die Sondertracht der barcelonischen Juden schon Ende des 13. Jahrhunderts. Der Stil unserer biblischen Bilder zeigt nun, trotz mancherlei Anklänge an die französische Miniaturmalerei um 1300, doch so viel Selbständigkeit, bei aller Bindung an den Zeitstil, dass ( ine lokale Entfernung unseres Illuminators von dem Zentrum angenommen werden muss. Er mag wohl den Juden angehört haben, die, von Philipp IV. (12S5-1314) aus Frankreich vertrieben, den Weg nach Spanien fanden. Unser Künstler, sicherlich vertraut mit Werken französischer Miniaturmalerei — sein Mose, vor dem Dornbusch erinnert an die Verkündung bei den Hirten in den Evangilos de la Ste-Chapelle — hat offenbar die Aufnahme in Spanien als Erlösung empfunden, zumal hier unter den arragonischen Königen die Juden sich noch einer verhältnismässig günstigen Lage erfreuten. Und unser Künstler war ein Jude! Nicht nur die Selbständigkeit gegenüber der traditionellen Form verrät es, sondern die genaueste Kenntnis biblischer Geschichte in den feinsten Details, das Mitschwingen seiner Seele bei allem Geschehen, die Scheu vor der Darstellung Gottes und der Engel, vor allem aber die tief religiöse Empfindung in all seinen Gestalten: es ist die Zeit, da in Nordspanien die kabbalistische Bewegung, gefördert durch die Verbreitung des Sohar, immer weitere Kreise zog und eine tiefere mystische Religiosität schuf; sie zittert in diesen Gestalten, auch in dem Schlussbild, das wie ein persönliches Dokument anspricht: Juden, Männer, Frauen, Kinder verlassen die Synagoge: Durch den weiten Torbogen blickt man noch zur heiligen Lade, in der die Torarollen stehen, und still vornübergeneigt geht in blauer Kapuze und Mantel ein weissbärtiger Jude hinaus, zwei Kinder voran, denen er die Hand aufs Haupt legt; langsam folgen die anderen in ähnlicher Tracht und ähnlicher Haltung. Ein Selbstbildnis vielleicht? Wer weiss es? Kein Name meldet den Schreiber! Kein Name den Maler! Er schrieb wie viele Meister des Mittelalters ad maiorem dei gloriam.VTTJ?" ini7l$'vl D127H J"HTJ?- „Mit Gottes Hilfe und Beistand." 'Die Synagoge Illustrationen: das prachtvolle Schmuckblatt, das den Anfang (Ho luchmo) umrahmt, mit dem Wappen von Barcelona and mit der französischen Lilie in dem Anfangsbuchstaben, verrät auch in der Ornamentik die Mischung spanischer und französischer Mot'.ve. Ausseieinigen In tialen in Gold auf leuchtendem blauen Grunde, findet sich hier nur noch eine Darstellung des Sedf rroahles mit einer schwarzen Dienerin, sehr farbige Gestalten auf tiefblauem Grunde, und ein grosses B'ld von Rabban Gambiel. Der berühmte Lehrer sitzt mit einer Geissei in der Rechten und mit deutendem Finger auf dem streng geschwungenen Sessel und vor ihm drei Schüler mit Büchern, nicht verängstigt, wie die Schüler des Schulmeisters von Esslingen in der Manesseschen Liederhandschrift, sondern gläubig zum Lehrer aufschauend. Es ist der selbe Gest, wie er aus den Gestalten der biblischen Geschichten spricht, die gleiche religiöse Hingabe, die gleiche Glut des Hörens und Woliens! Sie strömt sehr esslich auch aus dem dritten Teil des Werks dem poetisch-liturgischen, in dem Dichtungen von Jehuda Halevi, Abraham ibn Esra, Salomo ihn Gabirol und anderer «panischer Leichter vereinigt sind, Gedichte, die alle Ausdruck tiefster religiöser Erschütterung, seelischer Not und zuversichtlicher Hoffnung sind. — DiPhoto AkeiungbeiEhrenf eld ist für Leica spezialisiert Der zweite Teil, die eigentliche Haggadah, enthält nur wenige