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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-04-01 · 7 (4.1936) · p. Seite 246

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
7 (4.1936)
Date
1936-04-01
Page
Seite 246 (sequence 4)
Language
German
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Seite 246 Rabban Gamaliel gaiviele — als religiöse Kunst zu bezeichnen wäre; die Mannigfaltigkeit ist in den Jahrhunderten des Mittelalters gross, und es können auch erklärende und unterhaltende Tendenzen, wie in der sogenannten II. Nürnberger Haggadah oder mehr rein ästhetische Ziele wie in der Darmstädter Haggadah den Charakter der Ausstattung bestimmen. Das klassische Beispiel aber einer vom Religiösen her bestimmten künstlerischen Ausstattung gibt die Haggadah von Sarajewo. Ihre Gesamtanlage ist von dem heute allgemein herrschendem Typus noch stark verschieden. Sie gliedert sich in drei von einander klar getrennte Teile. Der erste Teil enthält eine Folge von 62 selbständigen biblischen Bildern, nur knapp beschriftet, der zweite erzählende Teil, die eigentliche Haggadah, ist nur mit wenigen Bildern, mit Initialen und Zierleisten ausgestattet, der dritte Teil ohne jede Illustration ist eine Sammlung liturgischer Gedichte, zumeist verfasst von Dichtern der spanischarabischen Epoche. Diese Dreiteilung und die Herauslösung der Bilder aus dem Text gab die Möglichkeit, einen zusammenhängenden Zyklus nach einheitlichem Plan zu schaffen. Wie in den christlichen Bilderbibeln des Mittelalters die Szenen ausgewählt wurden, die zu der „Heilslehre" in Beziehung stehen, die für den Heilsplan von Bedeutung sind, so werden auch hier die biblischen Vorgänge dargestellt, die den Hauptgedanken des Pessachfestes, die Idee der Befreiung aus Not und Drangsal widerspiegeln. So entsteht ein Bilderzyklus, eine Bilderbibel, die — mit der Welten- Schöpfung beginnend und mit der Gesetzgebung schliessend — die entscheidenden Begebenheiten aus dem 1. und 2. Buch Mosis in eindrucksstarken Bildern vorführt, stets je zwei auf einer Seite nur durch eine schmale Leiste getrennt, gleichmässig in einen zweifarbigen glatten Rahmen gespannt, der stets mit derselben Wellenlinie und mit goldenen Ecken geziert ist. Schon die Schöpfungsszenen sind von aussergewöhnlieher Ueberzeugungskraft: das „Tohuwabohu" über den Wassern braut züngelnd der Odem Gottes, die Wölbung, spannt sich wie ein Regenbogen und unter ihr scheidet sich Licht von Finsternis wie ein mächtiges halbgeöffnetes Tor, und aus der Wölbung strömt als göttliche Emanation die Schöpferkraft, die auf dem Erdball drunten Land und Wasser scheidet und alle Wesen,. Pflanzen und Vögel und Fische, alles Getier des Feldes und schliesslich den Mensehen ins Dasein ruft, und droben stehen Sonne und Mond und die Sterne. Und am Schluss sitzt unter einem Kleeblattbogen auf breiter Bank eine jugendliche Gestalt mit Kapuze in langem rotem Gewand — ein Jude in Sabbatruhe» nicht wie der Herausgeber meint, Gott. — Gott wird hier nie und nirgends dargestellt, selbst das Antlitz von Engeln wird durch Flügel verhüllt; auch im Sündenfall kündet sich der strafende Gott nur durch Strahlen an, die das Laub der Bäume durch-, dringen und mit Aug und Ohr vom ersten Menschenpaar empfangen werden. Besonders reizvoll hier die Haltung der vertriebenen Eva mit der Spindel in den zarten Händen. Und dann folgt Bild auf Bild. Das Opfer der ungleichen Brüder, das zum Brudermord führt, eröffnet die Reihe. Wie dann Noah die Arche zimmern lässt, und der Kasten von Fluten umspült dahinfährt — man denkt an ein Mosaik in der Vorhalle der Markuskirche zu Venedig —,wie der Gerettete zum Opfer sich anschickt, wie der Turmbau zu Babel entsteht, wie Lot dem brennenden Sodom entflieht, geisterhaft ragt da sein Weib — zur Salzsäule werdend — empor, wie Abraham und Isaak zum Opfer schreiten und wie die Rettung von Vater und Sohn erfolgt, wie dann die Zwillinge Jakob und Esau um den Segen des Vaters streiten und Jakob im seligen Traum die Himmelsleiter erschaut, nach dem Erwachen den Stein aber salbt, um ihn zur Stätte der Gottesverehrung zu weihen — das alles ist schlicht aber ausdrucksvoll mit fühlbarer Teilnahme gestaltet. Ausführlich wird die Geschichte Josefs berichtet; kaum eine Phase wird übergangen: seine Träume, die Anklage der Brüder, seine Misshandlung und der Verkauf — die Ismaliten mit typischen Negerköpfen — sein Schicksal in Aegypten, in Potiphars Haus und im Gefängnis, Pharaos Traum und die Deutung durch Josef, der Aufstieg zur Macht und die Aufspeicherung des Vorrats, die Ankunft und Bewirtung der Brüder, die Versuchung mit dem goldenen Becher, das ergreifende Wiedererkennen und die Versöhnung, die Uebersiedlung Jakobs mit seiner Familie nach Aegypten bis zu seinem und Josefs Tod. Daran schliesst sich unmittelbar die Geschichte Mosis. Auf die Rettung des Knäbleins aus dem Wasser folgt sogleich die Berufung am Dornbusch und dann das Auftreten vor Pharao mit den Zeichen und den Wundern, mit den Plagen von der Verwandlung des Wassers in Blut bis zum Sterben der Erstgeborenen. Und dann erfolgt der Auszug mit der erhobenen Rechten und Schwertern an der Seite, die Verfolgung durch die Aegypter, der Durchzug durchs Meer und der Siegessang der Miriam mit den tanzenden Mädchen,. in graziös schwingender Bewegung. Aber nicht mit lieblichem Reigen schliesst das dramatische Werden eines Volkes, sondern mit der grossartigen Apotheose der Gesetzgebung: auf dem Berge steht riesenhaft in lodernder Flamme Mose, der Gesetzgeber, zu seinen Füssen Josua und drunten ringsum die Masse des verzückten Volkes, „Naasse w'nischma — wir wollen handeln und hören," so tönt der Ruf, der gemeinsame, als Ausdruck der religiösen Bereitschaft. Die Segnung des Volkes durch Mose sowie die Bestellung Josuas als Nachfolger bestätigen diese religiöse Bindung, und sie wird zum Schluss von dem Illuminator der Handschrift auch für seine Zeit symbolisch bekräftigt durch das Phantasiebild des Heiligtums der Zukunft, „das er erbauen möge, bald in unseren Tagen", ein Bauwerk mit Mauern und Zinnen, das nur errichtet ist, um die Tafeln des Gesetzes mit den zehn Geboten zu umfangen: sie füllen in riesigem Ausmass die Schauseite des Innenraums von zwei Flügeln bekrönt, die mit den Spitzen die Gewölbe berühren.

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