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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-02-01 · 5 (2.1936) · p. Seite 173

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
5 (2.1936)
Date
1936-02-01
Page
Seite 173 (sequence 11)
Language
German
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Seite 173 Aus den heiligen Schriften der abessinischcn Juden von Julian Lehmann Die Falaschas, die augenblicklich durch den Konflikt in Abessinien auch im Interesse jüdischer Menschen stehen, sind bekanntlich Juden, die jahrhundertelang die Verbindung mit allen anderen Juden verloren hatten. Sie besitzen nur einen Teil unserer heiligen Bücher, und als solche betrachten sie auch eine Eeihe von Sagen und sagenhaften Ueberlieferungen, die noch ihre volle Ursprünglichkeit behalten haben. Die nachfolgende Erzählung vom Tode unseres Lehrers Moses enthält manche Elemente, die auch unsere Midraschim kennen (so die Unterredung mit dem Todesengel), ist aber im allgemeinen doch von eigenem Gepräge. Der Tod Moses Nach einem der wenigen Übjcrlieferungsbücher der abessinischen Juden Moses sprach zum Ewigen: „Herr, ich beschwöre Dich bei Deinem mir kundgetanen Namen, den ausser Dir und mir niemand weiter kennt, offenbare mir meinen Todestag!" Der Ewige erwiderte ihm: „Ich habe bis jetzt noch keinem Wesen den Todestag im voraus verkündigt, weder den Propheten, die vor Dir gelebt, noch den Engeln, die zu mir nahe sind; doch Dir will ich ihn verraten: Ich werde am sechsten Tag der .Woche Deine Seele zurückverlangen." Und Moses reinigte sich an jedem sechsten Tage der Woche, legte Totengewänder an und harrte so der Ankunft des Todesengels. Da aber Wochen und Monate verstrichen, so vergass Moses seines Todestages. Eines Tages bestieg er den Berg Sinai, um dort den Herrn anzubeten, und da kam auch der Todesengel in Gestalt eines Jünglings der Söhne Israels auf den Berg, stellte sich vor, Mose hin und sprach: „Friede mit Dir, Mose!" Als nun Moses diese Stimme vernahm, war seine Kehle wie zugeschnürt, seine Zunge wie gelähmt, und seine Knie begannen zu wanken. Doch bald fasste er sich wieder, verbeugte sich und sprach: „Bist Du es gewesen, der mich mit „Friede sei mit Dir!" begrüsste? Noch nie hat eine Stimme mich so erschreckt, wie die Deine." Da entgegnete ihm der Todesengel: „Wie, Du kennst mich nicht? So will ich Dir sagen, wer ich bin: ich bin das Schicksal, das dem Manne Frau und Tochter entreisst, das Häuser verwüstet und Gräber errichtet bis zum Ende der Tage: ich bin Sandel, der Todesengel!" „Und was ist der Zweck Deines Kommens?" „Ich bin gekommen, um Deine Seele zu holen und sie vor Gott zu bringen." „So beschwöre ich Dich," sprach Moses, „beim Namen dessen, der Dich gesandt, daß Du meine Seele nicht nimmst, bevor die drei ersten Tagesstunden abgelaufen sind, damit ich vorher»noch meine Frau und Kinder aufsuchen könne." Da rief der Ewige dem Todesengel zu: „Lasse von ihm und warte, bis seine Stunde kommen wird!" Der Todesengel gehorchte und verschwand in der Sonne Schatten. Moses aber stieg vom Berg Sinai herab und gelangte zu einem Scheidepunkt, von dem aus ein Weg zu seiner Mutter und ein zweiter zu seiner Frau führte, und er überlegte, welchen er einschlagen sollte. Aber während er darüber nachdachte, vernahm er eine Stimme aus dem Himmel: „Geh zuerst zu Deiner Mutter!" Er ging darauf zu seiner Mutter, und als er sich an ihrem Zelte befand, pochte er an die Türe und sprach: „Mutter, öffne mir". Die Mutter kam und öffnete ihm, aber als sie sein verstörtes Wesen sah, erschrak sie und sprach: „Mein Sohn, was ist Dir widerfahren? Haben Deine Hirten oder sonst jemand durch einen ungebührlichen Ruf Dich geärgert?" Und Moses sprach: „Ich höre nur auf den Ruf des Herrn und fürchte niemand ausser den Tod." Da sagte die Mutter: „Was! Wer Gottes Angesicht geschaut und von Mund zu Mund mit ihm geredet, der sollte sterben!" „Ja", versetzte Moses, „er soll und muss sterben, wie alle, die ihm vorangingen. Doch nun richte Dich auf und setze Deinen linken Fuss an meine linke Seite, erhebe Deine Hände zum Himmel und bete zu Gott, dass er die Schmerzen des Todes mir erleichtere." Sie folgte seinem Geheiss und betete, aber al3 er sich weinend von ihr verabschiedet und sie verlassen hatte, sah sie ihm traurig nach und sprach vor sich hin: „Wir glauben nicht an die*Dinge dieser Welt und hoffen auf die Glückseligkeit im Himmel." Moses schlug aber den Weg ein, der zu seiner Frau führte, und nur mit grosser Mühe fand er sich zurecht. Als er endlich das Zelt seiner Frau erreicht hatte, rief er: „Oeffne Deinem Gemahl Moses!" Die Türe wurde geöffnet, und auch die Frau, als sie bemerkte, wie Trauer auf seinem Angesicht lagerte und wie er am ganzen Körper zitterte, rief ganz entsetzt aus: „Mein Lieber, was ist denn vorgefallen, daß Du so betrübt, so ganz verändert aussiehst? Sind dir die Kamele entlaufen oder hast Du sonst einen Verlust zu beklagen?" Die neuesten MODELLE B. & R. 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