Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 5 (2.1936)
- Date
- 1936-02-01
- Page
- Seite 172 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 172 Was wird aus unserer Jugend nach der Schulentlassung? Der Termin der Schulentlassung bedeutet für viele Eltern und Jugendliche einen Zeitpunkt ernster Sorge; besonders schwierig aber ist die Berufswahl für den jungen jüdischen Menschen im Jahre 1936. In der Situation, in der sich die Juden in Deutschland befinden, beginnt für uns eine gänzlich neue Berufsentwicklung. Dies bedeutet zugleich, dass sich die Berufsstruktur völlig wandeln muss. Erfreulicher Weise haben sich die Berufswünsche der zur Schulentlassung Kommenden diesen Notwendigkeiten angepasst. Die Jugend, die in Jugendbünden zusaminengefasst ist, insbesondere die zionistische Jugend sieht die bisherige Berufsschichtung der Juden als ungesund an. Bei einer Umfrage in den Frankfurter Schulen konnte festgestellt werden, dass über 80% der Jungen den Wunsch haben, einen handwerklichen bezw. landwirtschaftlich-gärtnerischen Beruf zu wählen. Die Berufsentscheidung ist durch ideelle und reale Gründe bestimmt. Die Berufsberatung steht durch die veränderte Lage vor neuen grossen Aufgaben. Für die Jugendlichen, die einen kaufmännischen Beruf ergreifen wollen, ist eine Zahl Lehrstellen vorhanden. Meistens werden jedoch für diese Stellen die 16jährigen Schulentlassenen bevorzugt. Es soll hier nicht auf die Berufsaussichten des kaufmännischen Berufes in Deutschland eingegangen werden, jedoch sei so viel bemerkt, dass ein Teil der Jugendlichen es nicht wünscht, jetzt eine kaufmännische Lehre zu beginnen, die mit grösster Wahrscheinlichkeit spätestens mit der Entlassung nach der Ausbildung endet. Für die handwerklichen und gärtnerischen Berufe sind kaum Lehrstellen zu finden. Zu Ostern wird einer der stärksten Jahrgänge aus der Schule entlassen. Die Jugendlichen sind Nachkriegs- und Jnflationskinder, die in schweren Jahren gross geworden sind und erheblich von dem Stimmungswechsel ihres Milieus beeinflusst wurden. Insbesondere haben sie in den letzten Jahren die Nervosität mitgelebt und die Sorge der Elten, mitgetragen, die durch* unsere heutige Lage bedingt ist. Hinzu kommt, daß junge Menschen, die an der Grenze der Pubertät stehen in einer Unausgeglichenheit leben, die sie sowohl körperlich, wie geistig nicht zur Berufsarbeit vollreif erseheinen lassen. Die in der Entwicklung stehenden und durch jüdisches Schicksal so stark betroffenen jungen Menschen brauchen neben der beruflichen Ausbildung noch eine menschliche Formung. Das Leben stellt gerade an diese Generation besonders grosse Anforderungen, gleichgültig, wo sie künftig -ihren Beruf ausübt. Ziel der Erziehung muss es sein, Charakterfestigkeit, Widerstandsfähigkeit, Diszipliniertheit in der inneren und äusseren Haltung und Einordnungsfähigkeit zu erreichen. Es ist deshalb, insbesondere durch die Initiative der Reichsvertretung der Juden in Deutschland der Plan einer Grund- JUWELEN GOLD SILBER ( TRAURINGE BESTECKE echt Silber und 100 qr Versilberung Armband-Uhren l Uhren-Reparaturen zuverlässig und preiswert | Anu. Verkauf aus Privatbesitz, stets Gelegenheiten in Juwelen SILBERSCHMIEDE osen «Dosen KAISERSTRASSE 5 NÄCHST ROSSMARKT FRANKrURT AM MAIN lehre entstanden, die einerseits das 1. Lehrjahr zweckmäßig ersetzen soll, andererseits aber noch weitere besonders wichtige Ziele verfolgt. An den Arbeitsplätzen der Grundlehre soll der junge jüdische Mensch, der durch Tradition und Entwicklung den handwerklichen Dingen meist fremd gegenübersteht, überhaupt eine Beziehung zur Handarbeit bekommen. Er soll während des ersten Jahres lernen, wie planvoll, richtig und exakt gearbeitet wird. Es wird bei dieser Institution entscheidend Wert darauf zu legen sein, dass die Gesamtbetreuung sowohl in der geistigen, wie in der handwerklichen Arbeit unter pädagogischer Führung steht. Wir möchten in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass schon seit einigen Jahren grössere Industrie-Unternehmungen solche Berufs vorlehren geschaffen haben, weil sie die Erfahrung machten, dass nur in dieser Form eine planvolle und für ihre Zwecke entsprechende Ausbildung möglich ist. Ueber die Einzelheiten des Planes kanni in diesem Zusammenhang nicht ausführlich gesprochen werden. Es soll nur darauf hingewiesen werden, dass insbesondere die Denkschrift des Schuldezernats der Eeichsvertretung ganz genaue Vorschläge zur handwerklichen, geistigen, charakterlichen und körperlichen Ausbildung der Jugendlichen macht. Die Bedeutung der jüdischen Erziehung wird in diesem Zusammenhang von Dr. Leschnitzer klar herausgestellt; wir zitieren deshalb seine Ausführungen: „Wenn wir aber mit der Möglichkeit zu rechnen haben, dass mancher unserer Jugendlichen vielleicht später einmal irgendwo in der Welt, herausgerissen aus allen jüdischen Zusammenhängen als Handwerker und Arbeiter leben muss, . so gilt es, rechtzeitig in ihm die Kräfte zu entwickeln und zu stärken, durch die er einst befähigt sein soll, sein Judentum zu wahren. Dazu wird notwendig sein, die grossen geistigen, kulturellen und religiösen Mächte des Judentums wachzurufen und durch das Medium des Unterrichts in solchem Masse lebendig zu machen, dass sie sich in echte Antriebe des Fühlens und Denkens umsetzen. Mit anderen Worten: der künftige Handwerker und Arbeiter braucht die Judaisierung, die jüdische Durchdringung des Unterrichts und Bildungsstoffes, in besonders hohem Masse, wenn er gefeit sein soll gegen die nivellierenden Einflüsse der späteren Umwelt. Daß auch derjenige, der nach Palästina gehen will, — und gerade er besonders — mit jüdischen Werten vertraut sein muß, bedarf keiner Erläuterung." In Frankfurt will man eine Grundlehre für Jungen und Mädchen durchführen. Nähere Auskünfte werden von der Jüdischen Beratungsstelle für Wirtschaftshilfe, Quinckestrasse 24, gegeben. E. H. t\ i) Lcücr I I töarcn * iltschhorii •S|Sl: KAISERSTR.3 * pfet . ■ ■ :.:^äm Um 'J^äßm .r(Zy^ ivis^i^ii ■k&jniiM m wL ÜPi^Ä i■Ä5VxW«i. iiIH IIS! 1 ^:-s^fe^g5#y irm^ 'ü^mm suS Mm^Hmm^M ■{f.?.?<iV~.i: iV #> V*<&ir-$k: <Ä*V