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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-01-01 · 4 (1.1936) · p. Seite 157

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
4 (1.1936)
Date
1936-01-01
Page
Seite 157 (sequence 27)
Language
German
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Seite 157 Prophetin zu sein und zu verkünden, lehrt sie und hat die Kraft, zu sagen, was sie als wahr und recht erkannt. Sie lehrt mit Klarheit, mit Wärme, mit Ueberzeugungstreue." Es wäre schön, wenn die kurzen Proben aus ihrem Werk unsere Leserinnen überzeugt hätten, daß dies Lob berechtigt ist, und sie sich vielleicht angeregt fühlten, etwas mehr von der Vergessenen einmal selber zu lesen. Dora Edinger *) Wir wollen uns nicht an dem damals üblichen Wort „dienen" stossen, sagte doch F. L. selber: „Das Wort „Dienstboten" muß aus der Sprache heraus, es muß wie „Leibeigenschaft" als Begriff in die Raritätenkammer des Sprachschatzes verbannt werden — und wir müssen zu der Bezeichnung „Gehilfen" kommen... Hausgehilfen, Haushaltsgehilfen — so etwas muß geschaffen werden, um dem Verhältnis den Stempel des Sklaventums abzunehmen, mit dem das Bewusstsein der meisten Herrschaften es noch belastet." Hauswirtschaftlicher Unterricht in der „Volksschule beim Philanthropin" Es wird heute so viel von dem gesprochen, was die Schule bieten müsste und leisten könnte; und so mag es gestattet sein, gerade an dieser Stelle auch einmal von dem zu sprechen, was ist und zwar schon seit einer Reihe von Jahren, ohne daß die Oeffentlichkeit viel davon weiß. Dabei sei betont, daß es sich hier nicht um besondere Einrichtungen unserer Schule handelt, sondern um einen im Rahmen der allgemeinen Lehrpläne geforderten Unterricht. In der „Jüdischen Haushaltungsschul e", die uns in dankenswerter Weise eine Lehrkraft und eine Küche zur Verfügung gestellt hat, versammeln sich allwöchentlich an einem Nachmittag unsere Vierzehnjährigen, um in die Geheimnisse der Kochkunst eingeweiht zu werden. In hellen Kitteln oder Schürzen und in weissen Häubchen tummeln sich 24 Mädels in der grossen Küche. Nach einer kurzen theoretischen Belehrung über Beschaffenheit des Materials, Nährwert und dergl. geht es an die praktische Arbeit, die in Gruppen zu je 4 Mädels verrichtet wird. Nach beendigter Kocharbeit und Einnahme der selbstzubereiteten Mahlzeit geht es an die Aufräumungsarbeiten. Jeder Gruppe wird wieder ihre Arbeit zugeteilt, die von Mal zu Mal wechselt. Hier wird gespült und getrocknet, dort werden Herde und Tische gereinigt. Spülsteine und Wände müssen gesäubert, Schränke und Schubladen nach vorgeschriebener Ordnung wieder mit ihrem Inhalt versehen werden. Und zuletzt kommen die „Putzfrauen" an die Reihe. Mit Eimern und Schrubbern bewaffnet begeben sie sich an die Reinigung des Fussbodens. Wenn alles wieder in schöner Reinlichkeit blinkt, gehen die jungen Mädchen nach Hause. Wer einmal Zeuge dieses fröhlichen Treibens war, wer gesehen hat, welche Freude ein solcher Unterricht bei den Teilnehmerinnen auslöst, der begreift es eigentlich nicht recht, daß nur ganz wenige von den aus der Schule zu entlassenden Mädchen sich ganz dem Haushalt widmen möchten. Hier gilt es— und es ist an dieser Stelle bereits vor Wochen darauf hingewiesen worden — mit einem Vorurteil aufzuräumen, das ungeachtet allen Geschehens noch immer, besteht. Ich glaube, daß die Erziehung der weiblichen Jugend zu einer vernünftigen Einstellung dem hauswirtschaftlichen Beruf gegenüber bei den Müttern anfangen müsste. Hier ist der stärkste Widerstand, bei den Müttern, denen dieser Beruf nicht „fein" genug ist für ihre Töchter. Lehren wir — d. h. Mütter und Erzieherinnen —-die jungen Mädchen, daß nicht die Arbeit an sich gut oder, schlecht ist, sondern daß der Sinn, den man einer Arbeit gibt, sie veredelt oder unwert macht. Der Vollständigkeit halber sei noch von 2 weiteren Unterrichtszweigen die Rede, die auch in dieses Gebiet gehören. Es handelt sich um den Nadelarbeitsunterricht in der Oberstufe und um einen Kurs in Säuglingspflege. Der Nadelarbeitsunterricht des 7. und 8. Schuljahrs erstrebt hauptsächlich das Erlernen des Flickens und Maschinennähens, sowie die Fertigkeit im Herstellen einfacher Wäsche- und Kleidungsstücke. Ganz besondere Freude jedoch bereitet den jungen Mädchen der Kurs in Säuglingspflege, der jeweils im letzten Vierteljahr vor der Schulentlassung eingerichtet wird. Eine grosse Puppe mit beweglichen Gliedern muß das lebende Kind ersetzen, und die Geduld, mit der sie die anfängliche Ungeschicklichkeit und Langsamkeit der jungen Pflegerinnen über sich ergehen lässt, ist zum mindesten ein Vorzug gegenüber dem lebendigen Objekt. Den Abschluss des Kurses bildet meist ein Besuch im „Kinderhaus der weiblichen Fürsorge", wo den Mädels die Pflege des gesunden und kranken Säuglings und Kleinkinds einmal praktisch vorgeführt wird. Dies alles ist nur ein Anfang auf dem Gebiet der Erziehung weiblicher Jugend zum hauswirtschaftlichen Beruf. Zwar kann und soll die Volksschule nicht der Vorbereitung für diesen oder jenen Beruf dienen, aber sie muß heute mehr denn je Vorbereitung für das praktische Leben sein. Wir sollten die Vermittlung von überflüssigem, für die Kinder unbrauchbarem Wissensstoff in der heutigen Zeit ablehnen, um Zeit zu gewinnen für den Aasbau jenes Unterrichts, der ihnen Grundlage sein soll für den späteren Beruf, der ihnen Sinn und Wert einer heute noch gar zu oft schief angesehenen Arbeit erschliessen soll. Im Rahmen neu zu schaffender Pläne für die jüdische Volksschule darf diese Notwendigkeit nicht übersehen werden, und ich möchte nicht versäumen, auch an dieser Stelle nachdrücklichst darauf hingewiesen zu haben. Fanni Baer Zeitglossen .......aber die Mütter! Spätnachmittag im September. Nordosten Frankfurts. Ich stehe vor einem Gebäude und warte auf jemanden. Da öffnen sich die Pforten eines benachbarten Hauses und Scharen von Kindern im nichtschulpflichtigen oder gerade erst schulpflichtigen Alter strömen auf die Strasse. Ein Blick auf das Schild am Toreingang belehrt mich: Ich stehe vor einem jüdischen Kindergarten. Lärmend und plappernd tauschen die Kinder ihre kleinen Erlebnisse aus oder berichten das Gehörte und Erlebte freudestrahlend ihren Müttern, die sie draussen in Empfang nehmen. Ob es diese Freude und die Erregung sind, oder die erst kürzlich zu Ende gegangene Ferienzeit mit ihrer besonderen Erholung, kurz, es fällt auf, wie frisch und lebendig, wie rotbäckig und wohlgepflegt all diese kleinen Buben und Mädels aussehen. Es fällt auf aus einem besonderen Grunde: Die Frauen, die sich da draussen in Erwartung ihrer Kinder zu festgesetzter Zeit einfanden, sehen so ganz anders aus als die muntere Kinderschar. Überwiegend junge Frauen, aber abgearbeitet und in ärmlicher Kleidung, verhärmt, abgezehrt und früh gealtert,--Proletarierfrauen. Dieser Gegensatz zwischen Müttern und Kindern überkommt einen jäh als Zeitschicksal und als Typus zugleich. Da sind junge jüdische Frauen, die durch die Zeiten in Elend und schwere körperliche Arbeit hinabgezwungen sind; Frauen, denen ihr Geschick innerlich und ausser lieh seinen Stempel aufgedrückt hat. All ihre Mühe, Verzweiflung und Not stehen lebendig vor Augen, wenn man sie nur anschaut,--das Gesicht der Zeit, unserer jüdischen Gegenwart Und auf der anderen Seite ihre strahlenden, blühenden, wohl bewahrten Kinder. Ist es nicht typisch jüdisch, typisch sogar noch für jene Aermsten, dass sie ihren Kindern das Leben schön und behaglich zu machen suchen? Dass sie trotz eigener Not noch ihr Letztes an das Wohlbefinden und Wohlergehen ihrer Kinder hängen, im innerlichen und äusserlichen Sinne verstanden? Drückt sich in dieser Opferhereitschaft und in diesem Totaleinsatz der eigenen Kräfte für die Kinder, die kommende Generation, nicht die ganze Zukunftshoffnung, der ganze Zukunftsglaube der jüdischen Welt aus?! Jene {jüdischen Frauen, jene jüdischen Mütter sind deshalb vielleicht — heute wie zu allen Zeiten— das Symbol und die innere Kraft unserer Gemeinschaft; denn sie verkörpern und vereinen in sich Gegenwartsstärke und Zukunftsglaube.

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