Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 4 (1.1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 156 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Feldbergstr. 31 Fanny Lewald zum Gedächtnis (1611-1889) Neulich wollte ich mit den Teilnehmerinnen meiner Arbeitsgemeinschaft im Jüdischen Lelirhaus ein Stück aus den Lebenserinnerungen der Fanny Lewald lesen und fragte vorsichtshalber, oh denn irgendjemand mit dem Namen eine Vorstellung verbinde? Und erhielt zur Antwort: „Gartenlaube!" So lebt also diese gescheite und energische Vorkämpferin der Frauenbewegung nur in der Erinnerung an ihre Tendenzromane fort, in denen sie — mit vielen Konzessionen an den sentimentalen Zeitgeschmack — die Ideen verbreitete, zu denen sie sich selber einsam und schwer durchgekämpft. Das ist ungerecht gegen eine bedeutende Frau, und so soll denn hier von ihr, die vor bald 125 Jahren in Königsberg geboren wurde und als eine der berühmtesten Schriftstellerinnen ihrer Zeit 1889 gestorben ist, noch ein wenig mehr erzählt werden. Wir haben es leicht von Fanny Lewald zu erzählen, weil sie neben vielen verstaubten altmodischen Romanen auch mancherlei Persönliches geschrieben hat, was auch heute, ja gerade heute, lesenswert ist. Vor allem die Schilderung der Kindheit in ihrer eigenen Lebensgeschichte, die uns das Heranwachsen des aufgeweckten und ehrgeizigen kleinen jüdischen Mädels in einem kinderreichen ehrbaren Kaufmannshause erzählt. Beide Eltern sind typisch für jene ersten Jahre der Emanzipation: bemüht, alles altgewohnte möglichst abzulegen, um ganz in der geliebten und bewunderten Welt der deutschen Klassiker heimisch zu werden. Dabei lebt man fast ohne Zusammenhang mit der Umwelt, ganz auf den häuslichen Kreis beschränkt,-den freilich das sehr rege Bildungsstreben des ernsten und strengen Vaters nie zu einem engspiessbürgerlichen werden liess. Was ihm der sehr schwere Existenzkampf an karger Freizeit übrig ließ, gehörte der Beschäftigung mit seinen Kindern, besonders mit seinem Liebling, der ältesten, begabten Tochter, Fanny, die ihm sehr ähnlich war und noch ähnlicher zu werden strebte — wobei sie sich nach Art geistig-interessierter Mädchen nur für Bücher und nicht für das, was ihre zarte und wenig selbständige Mutter den ganzen Tag beschäftigte, interessierte: der grosse und lebhafte Haushalt, Küche, Vorratskammer und Kinderstube. Schon das kleine ernsthafte und überaus ehrgeizige Schulmädel war der Mutter geistig über den .Kopf gewachsen und kannte nur einen sehnlichen Wünsch: ein Junge zu sein, studieren zu dürfen. Nach langen, - zähen Kämpfen erreichte sie eine für diese Zeit und Umgebung unerhörte Selbständigkeit, ging allein auf Reisen, lebte für sich, als freie Schriftstellerin in Berlin, freilich nicht ohne einen sonderbaren und von ihr später schonungslos analysierten Umweg über eine höchst triviale Liebesgeschichte mit einem jungen Theologiestudenten, um derentwillen sie zum Protestantismus übertrat. Wenn wir über die vielen damaligen Taufen bedeutender Menschen durch sie selber recht wenig wissen, so hat Fanny Lewald mit der ihr eigenen Ehrlichkeit die innere Unwahrhaftigkeit dieses Schrittes nicht beschönigt. Sie empfand so stark als Jüdin, daß sie dies Problem der Taufe in einem ihrer Romane behandelte. Sie erzwang sich dann auch ihre Ehe; ihr Mann war bereits unglücklich verheiratet und liess sich ihretwegen scheiden. Sie ist eine sehr gute Hausfrau und energische Vorkämpferin der Frauenbildung geworden und ^gerade von dieser Verbindung etwas zu hören, wird heute vielleicht unsere Leserinnen interessieren. Ich will nun nicht ihre Lebenserinnerungen zitieren, weil ich hoffe, daß vielleicht die eine oder andere angeregt werden wird, diese selbst zu lesen (erschienen sind sie 1861 bei Janke in Berlin .und meines Wissens nie mehr neu gedruckt), sondern ein kleines 1863 geschriebenes Buch, in dem sie den Hausfrauen ihrer Zeit, die sich dauernd über ihre Mädchen beschwerten, sehr ernst ins Gewissen redete und Vorschläge zur besseren Berufsausbildung gab, die z. T. in Berlin durch ihre Kameradinnen Lette und Morgenstern verwirklicht wurden. Sehr beweglich gibt sie da die Klagen der geplagten Hausfrauen wieder, die ihre „Sisyphusarbeit" auf's neue beginnen, und verzweifelnd eignen sie sich dann den Ausspruch der Goethe'schen Iphigenie zu, der allerdings nicht auf sie und ihre Leiden gemeint ist: „Der Frauen Schicksal ist beklagenswert!" ,,Ja freilich ist der Frauen Schicksal beklagenswert — nur nicht das Ihre, meine Damen! sondern das Schicksal der hunderttausende von Frauen der Armen! .. Halten Sie ein meine Damen! und gönnen Sie mir und sich einige Augenblicke zur Verwunderung Zeit! Denn die Tatsache, die Sie behaupten, ist auffallend, äusserst auffallend! Es steht nämlich unwiderleglich fest, daß unter männlichen Arbeitern Geschicklichkeit, Fleiss, Gesittung, Bildungslust gewachsen und im fortdauernden Wachsen begriffen sind; woher kommt es also, daß die weiblichen Arbeiter *) mit den männlichen nicht gleichen Schritt in ihrer Veredlung halten, daß jene sich erheben, während diese sinken sollen? Jedes Ding muß doch seine Ursache haben. Haben Sie sich denn jemals ernsthaft gefragt: woran liegt es, daß wir schlechte Dienerinnen haben? Woran liegt es, daß sie ihre Arbeit nicht verstehen? Daß sie uns nicht lieben?, nicht vertrauen?, daß sie wie Fremde, oft sogar wie Feinde in unserin Hause leben? — woher sind sie, wie sie sind? und was soll aus den Kindern des Volkes werden, wenn diejenigen, die uns so einfältig, unbrauchbar und herzlos erscheinen, deren Mütter und Erzieherinnen werden? — Denn eine grosse Zahl der künftigen Frauen und Mütter geht ja als Dienende und Arbeitende durch Ihre Häuser, meine Damen! Haben Sie sich jemals ernstlich gefragt: Sind wir denn ohne Schuld gegen die, welche uns dienen? Sind wir vollkommen das, was wir sein sollten? Sind wir. unserm Posten so gewachsen, daß wir fordern können, unsere Diener sollen ihren Pflichten und Aufgaben ebenso gewachsen sein? Sind wir tüchtige Hausfrauen? sind wir fleissig? können wir die Arbeit machen, über die wir urteilen? Sind wir.. durchgebildete, zum Erziehen geeignete Gebieterinnen, so daß wir begehren können, gehorsame, willige Schülerinnen in unsern Untergebenen zu finden?. Nur eines möchte ich mit Ihnen noch festzustellen versuchen, daß nämlich überall ein förderliches Zusammenwirken von Menschen nur auf Gegenseitigkeit der Leistungen begründet werden kann, sei es, daß man diese kontraktlich feststellt, — wie es unter Fremden geschieht — oder stillschweigend als selbstverständlich übernimmt, wie das bei allen engen geistigen und Familienverbindungen der Fall ist. Unser Verhältnis zu den Mädchen ist nun aber auf;'ene beiden Voraussetzungen gegründet____Wodurch sind wir nun berechtigt, die der Familienliebe angehörenden Leistungen von ihnen zu heischen? wodurch werden sie befähigt, denselben zu genügen? .. und — was bieten wir ihnen dafür, ausser dem kontraktlich festgestellten Lohne als Ersatz?" Die Frauenrechtlerin, die so fragte, durfte es, denn s i e war wirklich eine allseitig tüchtige Frau, die still für sich ihr fünfzigjähriges Hausfrauenjubiläum beging, in der Erinnerung daran, wie der Vater der Fünfzehnjährigen aus der Wochenstube der Mutter den Schlüsselkorb holte, und ihr damit eine grosse und schwere Verantwortung übertrug, woran sie voll Stolz als alte Frau noch dachte! Eine ihr geistig in manchem verwandte Vorkämpferin der Frauenbildung, die Leipziger Rabbinersfrau Henriette Goldschmidt, hat Fanny Lewalds Leben und Werk beschrieben. Am Schluss sagt sie: „Sie kann nicht als schöpferischer Geist betrachtet werden.. wir verdanken ihr keine Offenbarungen. Aber sie ist ein Kind jenes Stammes, der die „Lehre" gebracht. Ohne