Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 3 (12.1935)
- Date
- 1935-12-01
- Page
- Seite 103 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 103 Ist Witz — Humor? Studie von Alfred Auerbach Es war an einem mittleren Platz. Ich war aufgefordert, über das Thema: „Jüdischer Humor" zu sprechen. Ich tat es, aber in der Art, dass ich praktische Proben von allerlei Humor gab, aus allen Eegionen der Menschenseele, bis zu den Stockwerken des Witzes, vom unbewußten Humor der lächelnden und begreifenden Güte bis zum, Humorwitz der geschärften Abwehr. Ich zeigte, wie wir für alle diese Tonarten dichterische Kräfte hatten "und haben. Ein Hörer fiel mir auf, er sah mich mit gesenktem Kopf immerzu nachdenklich an, er hatte sympathisches Aussehen, war noch jung. Als ich geendet hatte, kam er langsam herbei. „Ich heisse Lilienstein," „ „Sie haben mir besonders aufmerksam zugehört."" „Ja, ich überlege mir, was Humor ist. Ich glaube, zum Humor gehört viel Verstand." „ „Nein, zum Witz wohl, aber nicht zum Humor."" „Aha, Sie meinen also, der Witz sei kein Humor?" „ „Nein, ich behaupte nur, daß der Witz eine besondere Art von Humor sei."" „Aha, soso, das haben Sie gemeint." Der nachdenkliche junge Mann ging schwerfällig davon. Spät am Abend, als ich mich zur Kuhe begeben wollte, suchte mich der junge Mann wieder auf: „Verzeihung, wenn ich noch einmal störe, aber ich verstehe immer noch nicht, was der Unterschied zwischen Humor und Witz ist." „ „Der Witz ist dem Verstände näher Herr Lilienstein."" „So, dann ist der Witz also kein Humor." „ „Doch schon, aber eine besondere Art von Humor, Herr Lilienstein." " „Ach so — ich danke ihnen — gute Nacht." Am andern Morgen, kurz vor meiner Abreise, steht Herr Lilienstein da: „Verzeihung, aber ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht, was Sie unter Witz verstehen und ob der Witz Humor ist. Der Witz ist also Ihrer Meinung nach kein richtiger Humor —? Ich wollte Sie, bevor Sie wegfahren, doch noch einmal fragen, ob ich recht verstanden habe." Jch sass gerade beim Frühstück und antwortete: „ „Junger Mann, ich kann Ihnen nur noch einmal praktisch zeigen, was Humor ist ... wenn ich nämlich keinen Humor hätte, würden Sie mich jetzt in heller Verzweiflung sehen, denn mein Zug geht in wenigen Minuten und Sie lassen mich nicht einmal meinen Kaffee in Kuhe trinken . .Ich lächele aber friedlieh und mache nicht einmal einen Witz — und bitte Sie, nach mir meinen Platz einzunehmen und für mich weiter zu frühstücken, damit Sie mir ja nicht auch noch auf dem Bahnhof nachfolgen. Sehen Sie, diese Seelengelassenheit ist Humor . . " Damit entfloh ich, der junge Mann setzte sich nachdenklich an meinem Platz und liess den Kaffee kalt werden..... Li Aussprache LI Liernt zeichnen! Die Abteilung für bildende Kunst des Jüdischen Kulturbundes hat, wie bereits früher mitgeteilt wurde, seit einiger Zeit ein Studio in der Neckarstr. 9/3, in dem Unterricht für Malen, Zeichnen und Gebrauchsgraphik erteilt wird. Die Schüler haben meist einen Hauptberuf und entwickeln als Er* gänzung ihre künstlerischen Fähigkeiten. Bis jetzt läuft ein Kurs Montag 5-7 für Aktzeichnen, an dem auch jüdische Küntsler (ohne Korrektur) teilnehmen. Ferner Diens« tag 4-6 ein Kurs für Kopfzeichnen und Donnerstag 10-12 für gegenständliches Zeichnen und Malen. Ausserdem sind Montag 3-5 und Freitag 3-7 freie Arbeitskurse, in denen die zweimal wöchentlich Eingeschriebenen sich betätigen können. (Leitung Maler Hers mann Lismann). Auswanderer! Wir erledigen für Sie: Pass- und Visa-Angelegenheiten Reichsfluchtsfeuer, Devisengenehmigungen Vermögenstransfer, Gesellschaftsumwandlungen Inkassi und Liquidationen, Haus und Vermögensverwaltungen Hans Schönfeld Dr. jur. Jos. Cahn Steueru. Wirtschaftsberater Landgerichtsrat i. R. Kaiserstrasse 54 Frankfurt 8. M. Telefon 32302 Donnerstag 4-6 ist graphisches Zeichnen und Schrift. (Max Hecht, Fichardstrasse 63) ebenfalls im Studio Neckarstrasse 9. Einzelnen Nachfragen nach einem späten A(b:en,d kulP^ (nach 8 Uhr) wurde bis jetzt noch nicht entsprochen, da im Allgemeinen die den ganzen Tag mit Arbeit Belasteten um diese vorgerückte Stunde kaum mehr im Stande sind, die nötig© Elastizität zu intensivem Studium aufzubringen. Bei genügend Interessenten würde jedoch ein solcher Kurs durchgeführt werden. Auch an einen zweiten Aktkurs wird gedacht. Wir treten hierdurch an alle jüdischen Menschen, auch aus der Umgebung Frankfurts heran, an die, die Liebe und Begabung zur Biklkunst in sich fühlen, an die, welche das Zeichne n z u ihrem Berufe notwendig erlernen müssen, aber auch an die, welche zur Vervollkommnung ihrer manuellen und technischen Fertigkeiten, zur Abrundung ihrer kulturellen Ausbildung lernen sollen, sieh im Zeichnen zu üben. Wir können heute nicht genug lernen und in uns aufnehmen, um im .Falle der Not möglichst vielseitig für die Ausübung einer beruflichen Tätigkeit gerüstet zu sein. H—n—n Bett-Kautsche, , , kaufen Sie HEINE & Co. Inh.H.Seligmann . '"nd sehr vorteil- Metall-Kautsche i>aft bei 12 a Grüneburg weg 12« Telefon 5.'62l Lasst Jugend musizieren! Es sind erst dreiviertel Jahre verflossen seit zum ersten Mal eine Veranstaltung „Jugend musiziert" mit Erfolg durchgeführt werden konnte. Gut musizieren gibt dem Menschen Kraft, der sich allen äusseren Geschehnissen für kurze Zeit entzieht, sich ein Musikwerk vornimmt, „den großen Gedanken des Schöpfers noch einmal denkt", sich müht, sich quillt bis er sieht, daß es gut wird. Keine Arbeit des Alltags ist damit zu vergleichen. Und doch ist richtig studieren an einem Musikwerk eine Erziehung auch für die Dinge des Alltags. Eltern sei es gesagt, dass eine gute Musikerziehung eine gute Lebenserziehung ist. Welche Selbstbeherrschung und Zucht ist notwendig für einen jungen noch nicht fertigen Menschen, im edlen Wettstreit mit anderen zu zeigen, was er kann! Welche Glücksgefühle durch« strömen ihn, wenn er's geschafft hat! Mit neuer Lust und Freude wird nun das neue Werk studiert— die Größe eines Johann Sebastian Bach etwa in jeder Nachahmung eines kleinen Themas geahnt. Das kann nur Gutes im Menschen erwecken, wenn er sich mit Gutem und Grossem und Zeitlosem beschäftigt, um dann erfrischt die Arbeit des Tages zu tun, sie genau so klar und schön durchzuarbeiten, wie er es am Klavier, bei der Violine, der Blockflöte, beim Gesang gelernt hat. Eltern gebt euren Kindern die Musik, die durch nichts ersetzt werden kann, gebt ihnen durch die Kunst Erziehung für das Leben. Hedwig Bergmann Kollee ■ Tee - Mao Wittum Uaccan Weine-LeDensmiltel nlliWCnUMUil in bekannter Güte Filialen in allen Stadtteilen