Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 3 (12.1935)
- Date
- 1935-12-01
- Page
- Seite 98 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 98 Rainer Maria Rilke Zum 4. Dezember 1935 - von Dr. Siegmund Bing ..Ich kann nicht glauben, daß der kleine Tod, dem wir doch täglich übern Seheitel schauen, uns eine Sorge bleibt und eine Not. Ich kann nicht glauben, daß er ernsthaft droht; ich lebe noch, ich habe Zeit zu bauen: mein Blut ist länger als die Rosen rot." (Das Stunden-Buch, Vom mönchischen Leben) Rainer Maria Rilke, dessen blosser Name in lyrischem Rhythmus schwingt, würde zum 4. Dezember sein sechzigstes Jahr vollenden: kurz nach dem 51. Geburtstag nahm ihn, am 29. Dezember 1926, der Tod hinweg. Nicht der kleine Alltagstpd, den die noch jugendlich hochgemuten Strophen des kaum Fünfundzwanzigjährigen fast herausfordernd anrufen und der dann, schon mit ernsthafterer Drohung, die autobiographischen „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" überschattet; nein, der grosse endgültige, welcher allem Planen ein Ziel setzt. Als ob er wüßte, was gerade diesem zukäme, liess er ihn an der Blutkrankheit der Leukämie verbleichen, gönnte ihm aber zuvor nochmals fünf und zwanzig Jahre, zu schauen, zu bauen und der Rosen Blüte zu erleben. Die letzten fünf, voll Einsamkeit und fruchttragender Fülle, barg den Dichter der trotzige Turm von M u z o t in der zauberischen Landschaft des Wallis; dort wurden ihm, nach schier einem Dezenium in München und anderwärts gefristeter Kriegs- und Naehkriegs-Brache, die unirdisch geklärten Gebilde der „So* nette um Orpheus" und der „Duineser Elegien" zuteil. Auf dem Friedhof von Sierre, seinem Turme nahe, begrub man ihn, „den Makellosen", in jener gastlichen Schweiz, wo auch Stefan George, Rilkes Antagonist und Bruder im Geiste, zu sterben kam und, im südlichen Winkel von Locarno, seine Stätte fand... Seltsam posthume Zusammengehörigkeit der beiden namhaftesten und abseitigsten deutschen Lyriker seit der Jahrhundertwende; beziehungsreiche Gemeinschaft zweier über den Alltag von jeher Erhobener, die sich im leiblichen Dasein nur ein einziges Mal begegneten. Stefan George, um sieben Jahre älter als Rilke, trotz rhein- und weinländischer Herkunft voll hohepriesterlicher Strenge, von Männern der Kunst, Kultur und Wissenschaft wie Bertram, Gundolf, Wolfskehl, Wolters schwärmend umgeben, ward dem Jüngeren zu einem Maßstab sprachbildnerischer Zucht und .Haltung. Aus der Begegnung, in Florenz um 1899, teilt Rilke den Vorwurf Georges mit: zu früh veröffentlicht zu haben. Und in der Tat lagen damals von Rilke wohl schon zehn Publikationen vor, verschollene Dramenversuche, Lyrik und Prosa, die späterhin, . gründlich gesiebt, als „Erste" und „Frühe Gedichte", als „Erzählungen und Skizzen aus der Frühzeit" ins gültige Gesamtwerk übergingen, aber bald schon durch Neues, Bleibendes, wie „Das Buch der Bilder" abgelöst worden war. Da keimte auch, in dreifacher Stufung zur Reife aufsteigend, die oft schon großartige Niederschrift des Stunde n-B u c h s, Bekenntnis und Verherrlichung der Demut und währenden Arm-Seligkeit: „Denn Armut ist ein großer Glanz aus Innen", da wurden, weltfrommen Glaubens, die, von Rom aus, Ellen Key zugeeigneten „Geschichten vom lieben Gott" ... 1903 sah ein für Rilkes Entwicklung wesentliches Monographien-Paar entstehen. Aus der Freundschaft zu Paula Modersohn-Becker (der er schon 1909 das Requiem sehreiben mußte) erwuchs der stille, einfühlsame Band über Worpswede, die niederdeutsche Künstlerkolonie; im Verkehr mit Rodin die Analyse einer mächtigen gestaltenden Persönlichkeit, an der Rilke seine eigenen Mittel in Ton und Stoff der Worte festigte, Zierat und nur-klangliche Erbauung bescheis den lernte. „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke", Entzückung jugendlicher Jahrgänge, war alsbald nicht mehr die seine: durch eine sehr selbstkritische Briefäusserung gestand er dieser „so mangelhaften Leistung" nur noch den Umstand zu, daß sie „aus einem Moment tiefen und starken Jungseins" in einer Nacht emporgeschossen sei... Wer Rilke ehrt, muß tiefer gründen! Nach einer schweigsamen Fermate von fast vier Jahren erschliesst sich sein episch-lyrisches Hauptstück von Malte Laurids ' Brigge, Seelenmusik voll Traum, Ahnung und jenseitiger Entrückung, trotz dänischer Verkleidung und Pariser Schauplatz kaum gehehltes Abbild des dunklen Knaben Rene (wie er damals hiess); im Geheimnis der uralten Stadt Prag aufgewachsen und vorzeitig, aus Misskenntnis, einer Militärschule überantwortet, — ein absonderlicher Kadett, dem der Almherr Christoph nur noch eine romantisch verwehende Fahne und Fanfare zuflüchtiger Stunde eingeben mochte. — „Singende Spiegel" nennt Stefan Zweig in seiner Rede „Abschied von Rilke" dessen Gedichte: aber solche Spiegelschrift ist nicht für jedermann. Die briefliche Mitteilung, ebenso wichtig als Ausstrahlung und Bestandteil der schöpferischen Persönlichkeit, wird, von Tochter und Schwiegersohn betreut, bald in sechs starken Bänden eingesammelt sein; sie bietet auch dem Laien eine unversiegliche Erkenntnisquelle. Die Briefe aus Muzot im besonderh führen ins Lustrum der Schaffenskrönung und des Endes; ihre Sprache haftet umso eindringlicher als sie in Ewigkeit mündet. Und, bei kristallener Schönheit der Gedanken und Formgebung: welche menschliche Bereitschaft aus hoher Sicht! Rilkes „Turm" gleicht nicht der „tour d'ivoire" selbstherrlicher Aestheten: er unterhält freundliche Beziehung zu Umwelt und Zeitgenossen. Bleibt er herrschenden einheimischen Meinungen fern, so erklärt er dies in einem der „Briefe an eine junge Frau": „Die vielfältige und weite Erziehung meines Blutes gewährt mir eine eigentümliche Distanz..." Und zwei Jahre später, an einen polnischen Edelmann: „ .. .meinem eigenen Gefühl entspricht es ja, mehr als ich sagen kann, zu vermuten, daß die slavische Strömung nicht die geringste sein möchte in den Vielfältigkeiten meines Bluts." Nicht nur in dieseln Punkt besteht, wie mir scheint, Verwandtschaft mit einem anderen grossen Epistolar, Dichter-Denker deutschen Schrifttums, mit Friedrich Nietzsche, der sich ja, Sachse von Geburt, polnische Abkunft nachgesagt hat, — während Rilkes Geschlecht, kärntnerischen Ursprungs und sogar Uradels, sich ins Sächsisch-Böhmische verzweigte, sodaß Prag ihm zur Wiege und Kindheitstätte wurde. Die Briefprosa der beiden, voll universaler Kulturprägung, jeglicher Abstimmung fähig, ist in Verantwortungsbewusstsein und Ehrfurcht vor dem deutschen Laut erwachsen, hat aber auch im Umgang bedeutender Landschaft, eine denkwürdige, wie in Bergluft, gekühlte, transparente Klarheit überkommen; die Klarheit der einsamen, selten behausten Weltwanderer, denen, vielleicht seltsamer noch, eine aussterbende Herzenshöflichkeit und Urbanität der Sitten in aller Einsiedelei verblieb. Und schliesslich war es dieselbe Lou Salome (-Andreas), die in jungen Semestern auf den scheuen Professor Eindruck machte, um, eine Generation.: später, Rilkes vertraute und ausdauernde Helferin zu werden. Sie, die geborene Russin, lehrte ihn in Russland kennen, dessen Sprache Preiswerte Wollstoffe, Seidenstoffe, Samte für den OlacJjmittag und abend, in reifer auswart: öcbals, Qarniiuren, Qüriel, Wunten, Spitm* moderne Krawatten und Krawattenstoffe. S Rossmarkt 13, gegr. 1767