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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-12-01 · 3 (12.1935) · p. Seite 97

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
3 (12.1935)
Date
1935-12-01
Page
Seite 97 (sequence 11)
Language
German
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Seite 97 Siegmund Nauheim s. A. Vor Jahresfrist wurde an dieser Stelle den Gefühlen der Freude zum 60. Geburtstag, den Siegmund Nauheim am 18. Dezember 1934 beging, Ausdruck gegeben. Zu den Worten der Freundschaft und Verehrung fügte sich der Wunsch, daß es dem Jubilar vergönnt sein möge, sich noch ungezählte Jahre der Früchte seines arbeitsreichen Lebens zu erfreuen und von der treuen Anhänglichkeit seiner Freunde umgeben zu sein. — Mit tiefer Wehmut haben ihn seine Freunde am Vortage des Eoschhaschonoh-Festes " zu Grabe getragen. Der Tod hat ihn am 25. September 1935 abgerufen und damit einem Leben ein Ende gesetzt, dessen Schwere von der leuchtenden Güte, mit der dieser edle Mann sein Schicksal meisterte, überstrahlt war. Es war ein schweres Schicksal, das dieses Leben bestimmte. Frühzeitig seinen Eltern nachtrauernd, wurde Siegmund Nauheim — im Jahre 1874 in Zwingenberg geboren —in der Israelitischen Waisenanstalt in Frankfurt erzogen. Das Kind zeichnete sich dort durch Eigenschaften des Charakters und des Herzens in solcher Weise aus, dass ein Freund der Waisenanstalt den Knaben, als er der Sehulausbildung entwachsen war, zur beruflichen Ausbildung zu sich nahm. Nach den ersten Jahren erfolgreicher geschäftlicher Betätigung erkrans te Siegmund Nauheim. Die Folgen dieser Erkrankung, eine starke Lähmung der Beine, ha* ben ihn nicht mehr verlassen. Ja, sie haben sich mit den Jahren vergrössert und verschlimmert und die körperliche Existenz des Mannes in unvorstellbarem Masse erschwert. In gleicher Weise aber wuchsen der Wille, die körperlichen Widerstände zu überwinden, und das Bedürfnis, durch geistige Betätigung Ausgleich zu finden für das viele, was das Leben dem jungen Menschen versagte. Siegmund Nauheim führte den Vorsatz, seine berufliche Tätigkeit für die Firma M. Schwabacher & Co., der er in Treue sich verbunden fühlte und die ihm diese Treue erwiderte, auch weis ter auszuüben, mit bewundernswerter, man darf sagen, beispiels hafter Energie durch. Um den Auslandsreisen entsprechen zu können, vertiefte er sich in das Studium fremder Sprachen. Ob er in Skandinavien beruflich tätig war oder in Spanien und Portugal seine Firma repräsentierte, ob er in Italien seine Geschäftsfreunde besuchte oder in Westeuropa unermüdlich für das Wachstum des Unternehmens sich bemühte, immer konnte er in der Sprache des Landes sich verständigen. Nicht in jenem Sinne, der eine blosse Mitteilung ermöglicht, sondern in der Art, die allein auf echter. Bildung beruht: auf dem Erfassen des Geistes einer Spra* che,, ihrer Sonderart, ihrer Hintergründe, ihrer Geschichte. Die Beherrschung der Sprachen war eine der sichtbar werdenden Funktionen der Arbeit Nauheims an sich selbst. Kastlos und in des Wortes ursprünglichstem Sinn, unermüdlich vervollkommnete er die grossen Anlagen des Geistes und Gemüts, die in ihn gelegt waren. So konnte es nicht ausbleiben, dass das Rüstzeug seiner beruflichen Tätigkeit, das ihn zum erfolgreichen Mitarbeiter seiner Firma machte, auch da wirksam wurde, wo das persönliche Lebenv des rastlosen Mannes in Erscheinung trat. •Von dem gespendeten und empfangenen Reichtum dieses Lebens kann nur der sich ein Bild machen, der je dem Mann gegenüber stehen durfte, dessen schönes Haupt mit dem gütigen Auge und der geklärten Stirn wie ein Triumph über die Widrig* keiten seines Alltags erschien. Die Zuge, geformt von dem Reinen, das dieser Geist dachte, die Haltung, gestrafft von dem Willen, der in diesem Körper wohnte, so bleibt Siegmund Nauheim im Gedächtnis seiner Freunde. Ihre Zahl war gross. Nicht nur die wurden hier wie Freunde aufgenommen, dieRat und Hilfe brauchten, nicht nur jene fühl« ten sich bei einem Freunde ge* borgen, die kamen, hier ihr Herz zu öffnen, auch all die vie* len erfuhren an Siegmund Naus heim Freundestreue und -liebe, die seine Interessen mit ihm teilten. Der Kreis dieser Ins ter essen war weit umspannend. Und doch konzentrierte er sich auf einige Gebiete, die er auch in seinem räumlichen Umkreis wirksam werden Hess: Judens tum und Kunst. Erziehung und Anlage wirkten zusammen, um aus Nauheim einen Menschen werden zu lassen, in dem das Judens tum zur geliebten Verpflichtung wurde. Echte ehrliche Religio* sität, Aufgeschlossenheit gegen: über allen Fragen und Nöten des Judentums, Opferbereitschaft für alle jüdischen Aufs gaben, Freude an der Verwirkiis chung jüdischer Hoffnungen erfüllten ihn. Palästina kennen zu lernen, was ihm schon vor Jahrren ein inniger Wunsch, es gesehen zu haben, eine Beglükkung. Die Not jüdischer Menschen zu lindern, verstand er mit der Einfühlsamkeit und demTakt, die er zu einer goldenen Reife entwickelt hatte. Weil alles Geistige ihm nahe und weil seine Seele allem Schö* nen erschlossen war, befasste er sich zu einer Zeit mit der Erforschung und dem Sammeln jüdischer Kultgegenstände, als diese Neigung noch vereinzelt war. Jüdisches und Kunst zugleich fand er in den schönen Gegenständen jüdischen Gebrauchs, die er mit der wahren Beglücktheit des Sammlers von seinen Reisen mitbrachte, oft als Entdeckungen seiner feinen Kennerschaft mit nach Hause führte. (Bei späterem Anlass wird von diesen seinen- Sammlungen noch zu sprechen sein.) Die Weite der Interessen Siegmund Nauheims war auch hier richtunggebend: mit der Freiheit des Gebildeten suchte er das Schöne im Kunstwerk auch da, wo es thematisch ausserhalb der jüdischen Grenzen lag. Die Freude und Bereicherung, die Siegmund Nauheims Leben für den Kreis der Menschen bedeutete, die mit ihm Umgang hatten, ist stark genug, um auch im Schmerz über seinen Tod nicht die Verpflichtung vergessen zu machen, die sein eigenes Leben bedeutete: die Pflicht zur Haltung, Beherrschung und Arbeit. Denen, die er als Trauernde zurückgelassen hat, bleibt er als Vorbild lebendig. Die Erinnerung an ihn wird jedem zur Verpflichtung sein, die Stelle auszufüllen, auf die ihn die Fügung gewiesen hat; den Glauben nicht zu verlieren, auch wenn die Prüfung lange währt; über dem Dunkel des Tages das Licht des Geistes hochzuhalten; über Enttäuschung und Entsagung Liebe und Hoffnung zu stellen. So ist das Leben und die Leistung dieses Mannes ein Geschenk für alle geworden, die ihn kannten. Sein Name wird in unserer Gemeinde nicht vergessen werden. Dr. Hermann Gundersheimer phot. Fritz Strauss Denkt an die Jüdische Winterhilfe! Postscheckkonto 66600

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