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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-12-01 · 3 (12.1935) · p. Seite 94

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
3 (12.1935)
Date
1935-12-01
Page
Seite 94 (sequence 8)
Language
German
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Seife 94 nach fünfundzwanzig Jahren, wie er die Kinder in der Synagoge lachen machte, als er zur Illustration des Thoragehotes: „Du sollst Dich nicht zum Bösen nach der Mehrheit richten!" vom Nachäffen redete und dies Wort mit einem Besuch des Affenkäfigs im Zoologischen Garten veranschaulichte. (Welche Pädagogik liegt in diesem Lachenmaehen der andächtigen kleinen Zuhörer!) Und Jedes Jahr wieder, wenn er am Simchas Thoraabend, die Arme verschränkt, in behaglichem Ton, ein väterliches oder großväterliches Lächeln um die Lippen, den Kleinsten ein von ihm gedichtetes Märchen von der Thorä-Braut erzählt, und sie begeistert an seinem Munde hängen, spürt man, wie in ihm selbst das Kind noch lebt, das einstens nicht satt wurde, den Geschichten seiner Tante Lenchen zu lauschen. Darf ich verraten,, daß er noch jüngst in den Wochen seiner Krankheit sich aus Grimms Märchen vorlesen ließ? Hier wird das Wort des Dichters wahr: , „Das Alter macht nicht kindisch, wie man spricht, es findet uns nur noch als wahre Kinder". Weil er erfüllt ist „von jener Jugend", die uns nie entfliegt, darum ist er zu keiner Zeit in seiner geistigen Entwicklung stehen geblieben, hat vielmehr — nicht aus Opportunität oder Unsicherheit, sondern aus Beweglichkeit und Aufgeschlossenheit — in voller Überzeugung mit der Zeit Schritt gehalten. Von unwandelbarer Treue gegen seine religiös-liberale Grundhaltung ist er doch nicht derradikale Reformer. geblieben, als der er im Beginn seiner Laufbahn manchen erscheinen mochte, und hat, früher ein Vorkämpfer gegen die starre Orthodoxie, doch später, ohne sich je zu ihr zu „bekehren", mehr das allem Jüdischen Gemeinsame betont und der Tradition auch im jüdischen Leben einen breiten Raum zugestanden. Ein Patriot, der mit zehn Jahren den deutsch-französischen Krieg erlebt, der als Soldat dann seinem Vaterland in Friedenszeiten gedient hat und gern als Feldrabbiner den Weltkrieg mitgemacht hätte, ein Deutscher, dem die Schönheit deutscher Landschaft die Seele weitet, der die Werke deutscher Dichter und Denker kennt und liebt wie wenige, ist er doch in reiferen Jahren auch der jüdisch-nationalen Bewegung gerecht geworden. Mit seinen eigenen Kindern ist er die neuen Wege neuer Zeiten gegangen und hat so an sich erfahren, daß einer solange jung bleibt, solange er die Fähigkeit hat, sich zu wandeln. Am schönsten! /offenbart sich Seligmanns reine Menschlichkeit im eigenen Heime, etwa am Freitag Abend, wenn er an der Spitze der sabbatlich gedeckten Tafel sitzt und sein Auge mit berechtigtem Stolz auf seinem Weibe, der feinsinnigen, zartfühlenden Frau, auf Kindern und Enkeln ruht. Da ist er der gemütliehe und gemütvolle treue Hausvater, der baal habbajis, der heiter plaudernd seinen Enkeltöchtern phahtasievoll ausgesponnene lustigsernste Geschichten erzählt, oder dem zärtlich gelieljten Enkelsöhnchen-Kosenamen #uruft,jbis es 'dem guten Großvater strahlend zujauchzt. Was er in seinem Elternhaus tiutreh den frühen Tod der immer kränklichen Mutter und durch den herben Ernst eines vom , Schicksal hart geprüften Vaters an seelischer -Wärme hat entbehren müssen, das gibt er aus seinem sonnigen Herzen nun doppelt den Seinen. Der Talmud mahnt, einem Menschen nicht mehr als die Hälfte des verdienten Lobes ins Gesicht zu sagen. Wir möchten uns dieser Malmung zu edler Scham nicht verschliessen. Aber guten Wünschen ist kein Maß gesetzt. Sie begleiten unseren hochverehrten Führer und geliebten väterlichen Freund auf seinem gottgesegneten Lebensgange wie bisher , und womöglich noch inniger als bisher. Er stammt von Vaters Seite aus einem langlebigen kraftvollen Geschlecht. Wir würden sagen, er ist unter einem glücklichen Stern geboren, klänge es nicht ein wenig heidnisch. Aber im Zeichen von Sabbatkerzen und Chanukka-Lichtern stand seine Geburt, und das ist ein gutes Omen: siegreicher Kampf für den Glauben der Väter und als Ziel der Sabbatfriede für alle Völker, alle Menschen. Möge in diesem Zeichen ihn der Allgütige uns noch lange rüstig voranschreiten lassen, den Prediger und Lehrer, den Mensehen vor allem, der die reife Weisheit des Alters mit der Hoffnungsfreudigkeit der Jugend wunderbar in sich vereinigt. Von einer Palästina-Reise Naturwissenschaftliches und Aerztlich-Hygienisches von Obermedizinalrat Dr. Dreyfuss, Mainz II. Der Arzt, der von einer Palästinareise zurückkehrt — bekanntlich ist ja so mancher, der die Reise zur Information unternahm, dortgeblieben —, steht bei seinen Freunden und Bekannten ungemein häufig der Frage gegenüber: „W ie sind dort die gesundheitlichen Verhältnisse?" Bei der grossen Zahl von Interessenten für die Auswanderung ist diese Frage in aller Munde, zumal die allgemeinen Kenntnisse eine gewisse gesundheitliche Furcht vor dem Orient hervorrufen. Deshalb hat man auch vor Kurzem in Berlin ärztliche Vorbereitungskurse für Auswanderer nach Palästina ins Leben gerufen, und eine Gesellschaft von Berliner jüdischen Ärzten, die sich speziell für die palästinensischen Verhältnisse interessieren, wird künftig den gegenseitigen Austausch von Kenntnissen und Erfahrungen ärztlicher Art zwischen Palästina und Mitteleuropa fördern. Wer nach Art meines Kollegen Joh. Chr. Kundmann, der im Jahrel737 in Breslau eine Schrift über Todesursachen herausbrachte, hohe Sterblichkeitsziffern auf weichliche Lebensart und besonders auf den Müssiggang zurückführt und darauf hinweist, daß die Todesziffern in den schlesischen Dörfern, wo die Menschen hart arbeiten müssen, niedriger sind als in Breslau, der wird von vornherein einen günstigen Gesundheitszustand erwarten. Denn weichliche Lebensart und Müssiggang sind in unserem Lande nicht zu Hause. Und in der Tat ist bei unsern jungen Leuten in den Siedlungen, wie auch bei den Familien in den Städten, der Gesundheitszustand bei" weitem bess e r als man gemeinhin sich vorstellt. Sicher zum grossen Teil deshalb, weil „da drüben" bei unsern Leuten die Lebensauffassung „heroischer" ist als sie ihnen hier eigen war und weil sie •sich nicht so leicht unterkriegen lassen. Trotzdem werden die •zahlreichen Aerzte, die seit der deutschen Alijah ins Land ge- DEUTSCHE EFFECTEN-UND WECHSEL,BANK Konstabier Wache Allerhelllgenstratse 99 Osthafen Hanauerlandstrasse 125 Bockenheim Lalpzlgerstrasse- 50 vormals L. A. Hahn — gegründet 1821 — Akt.-Ges. seit 1872 FRANKFURT AM MAIN Kaisersfrasse 30 Individuelle Beratung Auch in den Städten; Höchst a. M. Dalbergstraste 3 Offenbach a. M. Frankfurtersfrasse 54

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