Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 3 (12.1935)
- Date
- 1935-12-01
- Page
- Seite 93 (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 93 Es heisst weiter: „er sprach, wenn Esau an das eine Lager kommt und es schlägt, kann doch das übriggebliebene Lager sich retten." Unter Esau wird, so ward schon oben ausgeführt, später das Rom der Kaiserzeit verstanden. Darauf fusst die folgende Deutung: „wenn Esau an das eine Lager kommt und es schlägt — damit sind gemeint unsere Brüder im Süden von Erez Israel; kann das andere sich retten — damit sind gemeint unsere Brüder in der Galuth." Das ist eine der Stimmen, die es neben den Stimmen der Galuth-Verneinung auch gibt, die sagt, daß in manchen Epochen der Geschichte Israels, wenn die Juden inErez Israel zum Untergang verurteilt waren, die Galuth die Rettung war und Gnade von Gott war. Im Fortgang der biblischen. Erzählung wirft dann berichtet, daß Jaakob ein großes Geschenk von Ziegen, Schafen, Kamelen, Kühen, Eselinnen, jungen Eseln an Esau sandte, in Herden eingeteilt und seinen Knechten befahl, „lasset einen Raum zwischen einer Herde und der anderen", wohl damit der Habgier Esaus das Geschenk grösser erscheine. Der Midrasch: „was bedeutet: lasset einen Raum? Jaakob sprach vor dem Heiligen, gelobt sei er: Herr der Welt, wenn. Leiden über meine Kinder kommen, lass sie nicht eins dicht aufs andere folgen, laß ihnen Raum in ihren Nöten." Wieder hier im Bilde Jaakobs dieGeschichteganzIsraels. Aber wie tief nmss des Sprechers Einsicht in die ewige Wiederkehr in der Geschichte Israels gewesen sein, wenn er dem Bibelwort diese Deutung geben konnte? Wenn er in dieser Deutung die Aktualität und Dauer des Bibelwortes empfand? Rabbiner Dr. Cäsar Seligmann zum 75. Geburtstage von Rabbiner Dr. Georg Salzberger Jifl Am 14. Dezember werden es fünf Jahre, daß wir seinen siebzigsten Geburtstag feierten. Es waren für ihn wie für uns Jahre, gedrängter und gewichtigter an j.ußerem und innerem Ertebeu als Jahrzehnte sonst. Umso mehr Grund für uns, Gott zu danken, daß Er den Fünfundsiebzigjährigen nach langer Krankheit uns in alter Rüstigkeit wiedergeschenkt hat. Was Cäsar Seligmann als Prediger und Lehrer, als Schöpfer seines Gebetbuchs wie als Denker, Forscher und Führer des jüdisch-religiöspn Liberalismus bedeutet — wollten wir es sagen, wir könnten nur wiederholen, was längst gesagt und weit über die Grenzen des deutschen Judentums hinaus anerkannt ist. Aber nur zu leicht tritt hinter einem großen Werk der Mensch zurück, der es gewirkt hat. Und mag bei anderen, beim Handwerker und Kaufmann, auch beim Arzt und Richter, ja selbst beim Künstler der Mensch sich trennen lassen von seinem Beruf — beim Rabbiner geht es nicht an. Zwar wäre es töricht, von ihm zu ' fordern, daß er das Ideal des Menschentums in sich verkörpere. Gesetzt, er könnte es, so würde er eben dadurch sich wenig zu dem Vorbild eignen, dem andere nachzueifern sich fähig und gedrungen fühlen. Geflissentlich zeigt unsere Bibel auch unsere Stammväter und Propheten als irrende, fehlende Menschen, und Menschen nicht Engeln ist nach einem Wort des Midrasch die Thora als Weisung zu gottwohlgefälligem Wandel gegeben worden. Aber das freilich darf man vom Rabbiner erwarten, daß er nichts predigt und nichts lehrt, von dessen Wahrheit er nicht überzeugt ist und das im eigenen Tun immer wieder zu bewähren er nicht nach Kräften sich bemüht. Unser Cäsar Seligmann blickt auf eine Reihe bedeutender Ahnherr zurück. Unter ihnen sind grosse Talmudgelehrte und Rabbinen, und auch einen König weist sein Stammbaum auf, Schaul Wahl, der eine Nacht dies hohe Amt in Polen innehatte. Und da er selber das Beste seiner reichen Geistesgaben von solchen Vorfahren geerbt hat, hätte er allen Grund zum Stolz. Daß er dabei der einfache, unpathetische, gar nicht prätentiöse Mensch geblieben ist, bringt ihn uns allen so nahe. Er nennt sich gern einen O p ti m i s t en. Das ist er. Nicht in dem Sinne, als ob er blind wäre für die Realitäten des Lebens und über romantischen Illusionen den festen Boden unter den Füßen verlöre. Bei allem für seinen Beruf notwendigen Idealismus ist er doch eine praktische Natur. „Thora im derech erez", nach dem ursprünglichen Sinn der Worte die Verbindung von Gelehrsamkeit mit manueller Betätigung, wie sie unsere alten Weisen lehrten und darstellten, pflegt auch er auf seine Art. „Meister Hämmerlein" nannte den Knaben schon, halb spottend, der Vater, der doch selber geschickt mit dem Werkzeug zu hantieren verstand. Und gewiß hätte er seine Freude daran, sähe er, wie der Sohn, der ihm in der Treue des Gedächtnisses, in Umfang und Tiefe eines immer paraten allgemeinen und jüdischen Wissens wahrlich nicht nachsteht, den Handwerker im Hause ersetzt und mit einer Geduld und einer Genauigkeit, einem Geschick und einem Verständnis, die einem Fachmann Ehre machen würden, Bücher einbindet oder Uhren repariert. Wenn der ehrwürdige Raw vergangener Zeiten es sich leisten durfte, Tag für Tag ganz in der abgeschlossenen Welt seines Studierzimmers zu leben, der Rabbiner unserer Tage darf es nicht, und je sauberer er die vielen Blätter des Buchs des Lebens in einen Band zu ordnen, das komplizierte und empfindliche Räderwerk der großen Welt zu entwirren, in Gang zu halten versteht, desto besser für ihn und seine Gemeinde. Sein Amt erschöpft sich ja längst nicht mehr im Auslegen und Entscheiden religionsgesetzlicher Fragen, auch nicht im Predigen und Unterrichten, überall muss er mitraten und mittaten, wo es die materiellen oder ideellen Bedürfnisse des einzelnen oder der Gemeinschaft zu befriedigen gilt. Schon hieraus folgt, daß unser Optimist nicht blind sein kann für die Schwächen und Fehler der Menschen. Sein Urteil überrascht bisweilen durch den Scharfblick, mit dem er durch äusseres Gehaben und Gebahren von Mann und Weib bis auf den Grund ihres Herzens dringt, Echtes und Falsches treffsicher unterscheidend. Der Philosoph des Pessimismus Arthur Schopenhauer spricht vom „ruchlosen Optimismus" des Judentums. In Wahrheit ist der jüdische Optimismus — das hat Seligmann in einem seiner hinreissenden Vorträge über Judentum und moderne Weltanschauung ausgeführt — ein tapfer frohes „Und dennoch!", das der Jude den Mängeln der Welt und den Rätseln des Lobens entgegensetzt. An dem Sabbat, an dem unser Jubilar sein 75. Lebensjahr vollendet, lesen wir die alte Erzählung vom Kampf unseres Stammvaters Jakob mit dem Gottesboten. „Ich lasse dich nicht, du habest denn mich gesegnet" — das ist die Losung seiner echten Nachfahren geblieben. Den Kampf mit Leid und Sorge, Zweifel und Enttäuschung nicht suchen, aber ihn auch nicht fliehen, ihn aufnehmen, wo es sein muß, und durchkämpfen in der Gewißheit, auch er ist von Gott gesandt und trägt den Segen Gottes in sich, ist wahres Heldentum und Frömmigkeit zugleich. Es spricht daraus nicht'-nur ein starkes Vertrauen zur eigenen Kraft und ein Glaube an das Gute in allem Schicksal, sondern auch eine tiefe eigene Güte. Nur ein guter Mensch hält trotz allen entgegenstehenden Beobachtungen und Erfahrungen daran fest, daß auch die andern im Grunde gut sein müssen. Dass Seligmann einer dieser unbeirrbaren Gläubigen ist, er, der zu den hundert drückenden Nöten der Zeit, die auf jedem jüdischen Seelsorger lasten, noch genug der persönlichen Sorgen zu tragen hat, macht jedes Zusammensein, macht ganz besonders das Zusammenwirken mit ihm beglückend. Gut reden ist eine Kunst, gut zuhören eine kaum geringere und heutzutage weit seltenere: zu ihr gehört Charakter. Es ist eine Freude, Seligmann zuhören zu sehen, wenn andere reden. Die angespannte Aufmerksamkeit in seinen Zügen, das leuchtende Wohlwollen in seinen Augen, die neidlose Anerkennung, die er den Leistungen anderer, oft weit über Verdienst hinaus, zollt, kennzeichnen die im Tiefsten bescheidene, vornehm gesinnte, liebevolle Persönlichkeit. Nichts an ihm ist, bei aller Würdigkeit, angenommene Würde. Der urwüchsig kräftige, fröhliche Pfälzer, der seit seinen Kinderjahren in Landau und Kaiserslautern sich an der reinen, unverdorbenen Natur freut, der ehemals ein tüchtiger Schwimmer und kühner Bergsteiger war und noch heute stundenlang ohne zu ermüden durch Wälder und Felder wandert, hat eine innige Liebe zu Kindern. Die erste Predigt, die ich von ihm hörte, war eine Jugendgottesdienstpredigt. Ich weiß noch heute,