Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 3 (12.1935)
- Date
- 1935-12-01
- Page
- Seite 92 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 92 mit niedergedrückt, aber wenn jener Tag kommt, von dem es heisst (Jeschajahu 52,2) „schüttele den Staub ab, erhebe dich, Gefangene Jerusalem", in dieser Stunde wird auch Wahrheit (Secharj. 2,17) „still alles Fleisch vor Gott, denn er erhebt sich von seiner heiligen Wohnung." Was ist der Sinn? Der Midrasch begreift hier unter dem Bilde des Zusammentreffens von Jaakob vn<l Esau Israels, des Volkes, Schicksal, und indem er so den Urvater Jaakob mit Israel in seiner Geschichte gleichsetzt, gibt er dem Leser Trost und Aufrichtung. Aber über diese Verknüpfung hinaus gibt er dem Ganzen einen Zug ins Grosse, ins Soziale hinein, wenn er Gott nur eingreifen lässt, sobald Unterdrückung und Unrecht am Wehrlosen Ausdruck einer Zeit ist. Das Ganze hat seine besondere Beziehung zu den eben bevorstehenden Wochen des religiösen Jahres, denn der Satz, mit dem diese Deutung abschloss, ist ein Satz aus dem Phrophetenabschnitt des S c h a b b a t Clianukkah. Eine andere Deutung zu dem gleichen Verse: „Jaakob schickte Boten": das ists was geschrieben steht (Ps. 140,19), gewähre nicht, Gott, die Wünsche des Frevlers, seinen Plan lass nicht gelingen." Jaakob sprach vor Gott, Herr der Welt, gewähre Esau dem Bösewicht nicht die Wünsche seines Herzens. (Plan heißt hier im Hebräischen Dieselbon Buchstaben bilden aber einen andcren Stamm £-£7der heißt Nasenring; darauf geht die nächste Deutung zurück). Was heist das „gewähre ihm nicht seinen Plan? Er sprach: Herr der Welt, lege Esau dem Bösewicht einen Nasenring an, an dem er festgehalten ist, damit er keine volle Befriedigung finde. Was ist das für ein Haltering, den der Heilige, gelobt sei er, Esau dem Bösewicht anlegte? Es sagte Rabbi Chana bar Chanina, das sind die Leute aus der Berberei, vor denen die Edomiten in Furcht erzittern." Hier ist unter dem Bilde Esaus und Edom, wie oft, das kaiserliche Rom verstanden, und im Spiegel dieser Deutung erfahren wir ein Stück damaliger Zeitgeschichte, der Völkerwanderung, und die Völker der Völkers Wanderung sind dem Sprecher die Vollstrecker von Gottes Willen an Rom. Zu dem gleichen Vers: „Boten? Das waren Mensehen von Fleisch und Blut. Andere sagen, das waren wirkliche Engel. Es sagte Rabbi Chana bar Chananja: Hagar war nur die Mo^d Sarais, und fünf Engel gesellten sich ihr zu, sollten sich da nicht ihm, dem Vertrauten des Hauses, erst recht wirkliche Engel gesellt haben? Elieser war nur Knecht im Hause Abrahams, und es begleiteten ihn Engel — als Abraham gebetet hatte, Gott schicke seinen Boten vor ihm her, bestimmte der Heilige,gelobt sei er, ihm zwei Engel, einen Riwka ihm zuzuführen, einen Elieser zu geleiten — erst recht doch dem, der der Vertraute des Hauses war. Rabbi Jose sagte, Josef war der jüngste der Stämme, und es gesellten sich ihm drei Engel — denn so heisst es (IM 37) „es traf ihn ein Mann, es fragte ihn ein Mann, da sprach der Mann" —ihm, der aller Vater war, um wieviel mehr?" Was ist der Sinn? Die Frage, ob es irdische Boten oder himmlische Engel waren, ist ja nicht wörtlich zu nehmen, sie ist nur der Anlaß, um den Gedanken zu entwickeln, daß alle Helfer, die dem Menschen begegnen, von Gott gesandt sind, dass alle H i 1 fe und Rettung, die einem Menschen zu teil wird, jede Lösung aus Gefahr und Not, jegliches Geleit auf umdrohtem Wege gottgefügt sind. So wird auch diese Deutung, scheinbar auf Jaakob be* zogen, zur Tröstung von jedermann in seinem Schicksal. Es heisst im Bibeltext „und er befahl ihnen, so sollt ihr sprechen zu meinem Herrn Esau." Dazu die folgende Bemerkung: „Rabbi Jehuda hanassi gab Rabbi Aphas den Auftrag: schreib in meinem Namen einen Brief an unseren Herrn den Kaiser Antoninus. Er schrieb: von Jehuda dem Fürsten an unseren Herrn den Kaiser Antoninus. Jehuda nahm den Brief, las ihn und zeriß ihn und sagte zu ihm, schreib: von deinem Knecht Jehuda an unseren Herrn den Kaiser Antoninus. Sagte Aphas zu ihm: Rabbi, warum missachtest du deine eigene Würde? Er erwiderte ihm: bin ich besser als mein Ahn? Hat er nicht auch gesagt „so spricht dein Knecht Jaakob?" Der Sinn? Nicht das soll damit gesagt sein, dass man höflich, sein sbll und im Verkehr mit den Mächtigen die ehrerbietige Form nicht vernachlässigen darf, das Gewicht liegt darauf, dass Rabbi Jehuda den Urvater Jaakob als richtunggebend für sein Tun hinstellt, d. h. dass er die biblische Gestalt so lebendig macht, dass sie über die Ferne der Jahrhunderte hinweg in ihm lebt Vergangenheit wird hier aufgelöst, die Menschen der Vorzeit rücken ins Bewusstsein der heute Lebenden in ihre Reihen ein, leben mit ihnen. Das ist das erzieherische Ziel dieser Erklärung. Zu dem gleichen Verse: „Jaakob sagte den Boten, sprechet also zu Esau, kommst du in friedlicher Absicht, so bin ich bereit, dir in gleicher Weise zu begegnen; willst du Krieg, so bin ich aueli dazu gerüstet, und ich habe Helden, Männer der Stärke und des Armes, wenn sie ein Wort vor Gott sprechen, so tut er nach ihrem Willen, denn so heisst es (Ps. 145,19) „den Willen derer, die ihn fürchten, tut er." Wir fragen nach dem Sinn. Der Deutende wollte ein Doppeltes; er wollte Jaakob in seiner Festigkeit zeichnen, zwar friedlich gesinnt und zum Frieden bereit, aber ebenso bereit, alles zu «einer Selbstbehauptung zu tun. Aber in demselben Atemzuge, in dem er Jaakob von seinen ihn begleitenden Helden reden lässt, zeichnet er diese Helden sofort nicht nur als ivlänner der Kraft und des Armes, sondern er lässt ihre Stärke gegründet sein in ihrer Frömmigkeit, die sie Gott nahe sein lässt. Und zugleich ist darin auch ausgesprochen, wie viel es auf den Menschen selbst ankommt in der Meisterung des Lebens und seiner Gefahren, dass man sich zu einem Menschen erziehen muss, der dessen gewiß ist, dass Gott auf ihn hört. Die Bibel fährt fort: „Jaakob ängstete sich sehr und es ward ihm bange." Warum zweimal ein Wort für die gleiche Empfindung? Hätte eines, nicht genügt? Ist sich ängsten und bange sein nicht das Gleiche? „Rabbi Jehuda ben Hai sagte, es ist nicht das Gleiche. Er ängstete sich —dass er erschlagen werden könnte, es ward ihm bange — daß er andere erschlagen könnte. Er sagte, wenn er Herr wird über mich, erschlägt er mich, wenn ich Herr werde über ihn, könnte ich dazu kommen, ihn zu erschlagen. Er sagte, alle die Jahre sass er im Lande Israel, vielleicht kommt er über mich ausgerüstet mit der Kraft, die das Wohnen im Lande Israel verleiht. All die Jahre konnte er in der Nähe der Eltern weilen und die Pflichten der Elternehrung erfüllen, vielleicht kommt er über mich ausgerüstet mit der Kraft, die aus dem erfüllten Gebot der Elternehrung einem zufliesst." Zwei Elemente gesellten sich zueinander in dieser Ausspinnung des biblischen Textes. Das eine das Vertrauen auf die stärkende Kraft erfüllter Pflicht, das nicht so verstanden wird, als sei auf die Tat eine Belohnung gesetzt, sondern das richtig dahin verstanden wird, daß jedem Menschen aus der erfüllten Pflicht innere Kräfte zuwachsen. Und die Furcht, von der die Rede ist, ist nicht die Furcht des Getötetwerdens, sondern die Furcht, dass er fern von den Möglichkeiten der Pflichterfüllung nicht .genug innere Kraft haben könnte. Zu diesen stärkenden Handlungen zählt der Sprecher hier das Wohnen im heiligen Lande; gerade in jener Zeit begann die freiwillige Abwanderung aus Erez Israel, der er auf diesem Wege entgegentreten will. Der Erklärer ist hier wieder Erzieher. Das andere Element — die eigentümliche Seelenhaltung, die den Menschen noch mehr davor zittern lässt, dass er, und sei es selbst in der Notwehr, jemand töten könnte, als dass er selbst getötet werden könnte. Obgleich immer wieder der Satz gesprochen wird: wenn einer dich töten will, so darfst du ihm zuvorkommen und ihn töten, bleibt das unbesiegbare Widerstrebengegen jedeeigene gewalttätige Handlung. Auch hier stete Erziehung! Es heisst im Bibeltext „er teilte das Volk, das er bei sich hatte, und die Schafe und Rinder und Kamele in zwei Lager." Dazu der Midrasch: „die Thora lehrt dich hier ein richtiges Handeln, nämlich, daß der Mensch nicht all sein Hab und Gut an einer Stelle verwahren, darf; von wem kann man da lernen? von Jaakob, er teilte in zwei Hälften." Man sage nicht, das ist eine Profanierung des Bibeltextes, ihn so ins Materielle zu deuten. Der alte Fromme kennt nicht den Unterschied von Religiös und Weltlich, ihm ist alles eine Einheit lind auch das Erwerbsleben ist unter das Gesetz der Heiligung gestellt, und man darf und muß dafür aus dem Bibelwört lernen können.