Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 2 (11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 81 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite Öl Eine leichte Berührung weckt mich aus dem Schlaf. Ich öffne die Augen —vor mir steht der Wächter des Kamps, aus der tiefen Finsternis Leuchtet nur ab und zu seine Blendlaterne auf. „Zwo Uhr dreissig — Sie müssen raus!" — „Danke". — Beim Flackern eines Streichholzes suche ich meine Gummischuhe und Turnhose — die übliche Bekleidung bei der hiesigen Temperatur, die selbst nachts nie unter dreissig Grad sinkt.- Kurz vor drei Uhr läuft der Motor meines Wagens. Ich habe einen Geometer zu seinem Arbeitsplatz weit im Hinterland des Binnenmeeres zu bringen, wo er die gewaltigen Felder vermisst, in die später das Salzwasser zur Verdunstung eingeleitet werden soll. Mühsam suche ich mir meinen Weg. Schlaglöcher, Sand, Geröll, plötzliche Steigungen, Wasserläufe, klappernde Holzstege — zehn Kilometer, für die ich nahezu eine Stunde benötige. Dann merke ich plötzlich, wie der Wagen, rutscht. Wir befinden uns auf einem schmalen Damm, der schnurgerade durch den Salzschlamm läuft. Kein fester Punkt, alles nass und glitschig. Hochauf spritzt der Sehlamm, überdeckt uns mit einer übelriechenden. Salzkruste. Als wir schliesslich-den Arbeitsplatz der Landmesser erreicht haben und die großen Vermessungsdreiecke im ersten Morgengrauen auftauchen, da liegt hinter mir ein endloser aufgeweichter Weg, vor mir ziehen sich ungezählte Kilometer Schlammdamm in die. Ferne — und keine Möglichkeit zum Wenden. Langsam würge ich mich vorwärts und entdecke nach einer halben Stunde tatsächlich einen schmalen Seitenweg, der zum Wenden geeignet scheint. Vorsichtig lenke ich zur Seite, fahre vorwärts auf den Seitendamm und will nun auf den Hauptweg zurückstossen. Aber der Wagen will plötzlieh nicht mehr. -Ich merke, wie sich die Hinterräder-rasend im Schlamm drehen, ohne zu fassen, fühle, wie . der Wagen immer tiefer sinkt und sich rettungslos festfährt. Gas weg — ausgekuppelt — erster Gang — vielleicht kann ich ihn vorwärts rausziehen und dann mit Schwung über die Gefahrzone hinwegbringen.. Aber er rührt sich nicht. Ich stelle den Motor ab und steige aus. Bis zur Achse stecken die Hinterräder im Schlamm. . .; - > Bis zum Lager sind es 18 Kilometer, das bedeutet hier fünf Stunden Marsch. Dazwischen — bei Kilometer 10 etwa — liegt eine Telefonstation, von der aus ich mit der Lagerleitung sprechen kann. Ich mache mich also auf den Weg- Die Sonne ist aufgegangen und brennt nun unerbittlich. Nach etwa drei Stunden hebe ich den Telefonhörer ab — und lausche vergeblieh einem Lebenszeichen vom anderen Ende. Keine Verbindung. (Später erfuhr ich, daß tags zuvor beim Legen eines Wassergrabens ein Leitungsmast umgerissen und die Leitung unterbrochen worden war.) So muß ich mich also auch noch den Rest des Weges bis zum Kamp vorwärtsschwitzen. Gerade rechtzeitig zum Essen treffe ich im Lager ein. Lächelnd hört sich der Lagerleiter meinen Bericht an. „Na, da haben Sie Pech gehabt, sowas kommt bei uns öfters vor. Ich werde Ihnen heute mittag dreissig Araber rausschicken, die werden Ihnen den Karren schon aus dem Dreck ziehen." Und so geschieht es denn auch. Eine Horde singender, schreiender, lachender Araber wird mit dem Lastwagen zur Unglücksstelle gefahren. In fünf Minuten haben sie auf das anfeuernde „Ho-ruck" ihres Anführers den Wagen aus dem Schlamm gehoben. Als nun das Werk vollbracht ist, der Wagen wieder auf relativ festem Boden steht, der Motor lustig surrt, da kennt die Freude der Araber keine Grenzen mehr. Jubilierend und in den eigenartigsten Tönen singend, tanzen sie um den Wagen, betrachten ihr. Werk und wissen nicht, ob sie sich mehr auf die bevorstehende Heimfahrt im Auto oder über die verdienten zwei Piaster freuen sollen. * * Unser Kamp liegt auf einem Sandstreifen, der sich, kaum hundert Meter-breit, am Fusse der. . Felswand hinzieht, die senkrecht über das Wasser ragt. An manchen besonders heissen Nachmittagen sieht man die jungen jüdischen Arbeiter diesen Sandstreifen entlanglaufen, im Schweisse ihres Angesichtes ihre Matraze auf dem Kopf balancierend, bis sie hinter -der nächsten Felsecke verschwinden. Wenn wir ihnen folgen, öffnet sich plötzlich die Wand vor uns und — gleich Alibaba — stehen wir vor einer Schlucht, die ins Innere des Berges führt. Das ist das Kühlhaus des Lagers. Das Thermometer mag draussen so hoch klettern, wie es will — hier drinnen liegt die Temperatur immer bei etwa 15 Grad. Niemand weiss, wie dieses Wunder zu erklären ist, aber jeder nützt es aus. Hier-schlafen die ermüdeten Arbeiter von Mittags, wenn die Sonne fast senkrecht über den Holzhäusern des Lagers steht, bis zum Abend, wenn die Berge ihre Schatten über das Kamp werfen, unbelästigt von der quälenden Hitze, nicht gestört von summenden Fliegen. Man kann fa3t eine Stunde lang in den Berg hineinwandern. Dann öffnet sich plötzlich die Grotte zu einer weiten Höhle, durch einen trichterförmigen Schacht blickt der blaue Himmel, und die Augen schmerzen von der plötzlichen Helligkeit. An den Wänden schimmert glasklares, weiss durchsetztes Gestein — reines Salz. Irgend ein Araber hat diese Reichtümer entdeckt — jetzt kommt er mehrmals in der Woche mit seinem Eselchen hierhergeritten, schlägt wohi einen halben Zentner des weissen Kristalls von den Wänden und bringt ihn nach dem nächsten Dorf zum Verkauf. Sonst hat man bis jetzt nicht mehr Interesse an dem kostbaren Mineral, als daß jeder Lagerbewohner ein Stück Salz, das er selbst gebrochen hat, zum Andenken in seinem Spind liegen hat. Man kann nicht immer in der kühlen Berghöhle sein. Und wo man sonst ist, da sinkt die Temperatur tagsüber nicht unter 40 Grad. Wohl aber steigt sie bis auf 50. In den heissen Chamsintagen zu Beginn des Sommers ist mancher junge Neuling, aber auch mancher alte Kämpe, der schon Jahre in diesem Klima lebt, zusammengebrochen. Daß man schwitzt, in Strömen und ohne Unterbrechung, daran gewöhnt man sich und ist froh darüber. Denn man empfindet es als Ausgleich der inneren Hitze, wenn der Schweiss aus allen Poren bricht und wahrscheinlich ist er auch das beste Mittel gegen Sonnenbrand (der natürlich nur in der ersten Zeit eine Gefahr bildet). Unangenehmer ist der immerwährende Durst. Jeder Mann nimmt seinen Wassersack, der mehrere Liter fasst, zum Arbeitsplatz mit. Und das Wasser ist gut. Eine reine Süss wasserquelle entspringt nicht weit vom Lager. Eis stellt der große Motor her, der auch den Dynamo zur Lichterzeugung treibt. So steht bei jeder Mahlzeit ein großes Gefäss mit Eiswasser in der Mitte des Tisches, und es wird ihm eifriger zugesprochen als der Suppe oder dem Fleisch. In der unerwartetsten Weise kann die Hitze in das Leben der Menschen eingreifen.— Eines Morgens wachte ich mit starken Kopfschmerzen auf. Der erste Gedanke — Malaria. So ging ich zum Lagerarzt und liess mir ein Fieberthermometer geben. Ich nehme das Thermometer aus der Blechhülse — die Quecksilbersäule steht auf 42 Grad. Ich schüttle mit aller Macht — sie sinkt auf 38, um im nächsten Augenblick wieder auf 42 Grad zu stehen. Ich habe jeden Versuch aufgegeben, meine Temperatur zu messen und mich mit einer starken Dosis Chinin begnügt. Und wie die Menschen unter der Hitze leiden, so tun's die Maschinen. — Ich besuchte einen deutschen Monteur, der in der Dieselstation arbeitet, als er gerade auf einem der beiden großen Motore saß, die die Wasserpumpen treiben und erst seit wenigen Wochen montiert sind, und eine gebrochene Ölleitung reparierte. Als er mich sah, blickte er von seiner Arbeit auf, kratzte sich nachdenklich auf dem Kopf und sagte dann kopfschüttelnd: „Mehr als ein Jahr geh* ich denen auch nicht". „Warum", fragte ich, „die Motore werden doch nicht überanstrengt und schliesslich hängt es doch von Ihrer Pflege ab, wie lange sie halten?" — „Sicher", gab er zur Antwort, „das macht auch was aus, aber ich will Ihnen mal was sagen — wenn das Kühlwasser hier mit 40 Grad reinläuft, wo's doch eigentlich mit 35 schon wieder rauslaufen sollte, da kann das doch auf die Dauer nicht gut gehen!" * Heute morgen bin ich zum letzten Mal gefahren. Man hatte uns besonders früh geweckt und kein heller Schimmer kündigte wie sonst den nahenden Tag an, als ich meinen Wagen aus dem schlafenden Kamp führte. Ich bin ziemlich rücksichtslos gefahren, glaube ich. Weder meine schimpfenden Mitfahrer noch der krachende Wagen konnten mich rühren. Ich hatte nur einen Gedanken — „nach mir die Sintflut".