Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 2 (11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 80 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt _Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. 2. November 1935 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der » Verfasser, die Schriftleitung der'Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Ver- _antwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Sehriftleitungder Beilage, Fahrgasse 146, zu richten. Drei Wochen am heissesten Punkt Palästinas Man fühlt sich etwas benommen, wenn man so plötzlieh aus achthundert Meter Höhe über dem Meeresspiegel auf vierhundert Meter unter dem Meeresniveau hinabtaucht In kaum einer Stunde sind wir die steile, kurvenreiche Strasse von Jerusalem zum Toten Meer hinuntergerast, immer in Gefahr, von den polternden Proviantkisten herabzufallen, die unser schwerer Lastwagen für die Arbeiter der Potash-Gesellschaft, die dort unten dem Salzwasser kostbare Mineralien abgewinnen, mit sich führt. Und jetzt stehen wir am Bande der tiefblauen Wasserfläche, die in unendlicher Ferne mit dem, genau so Hauen Himmel verschmilzt, fühlen die heisse, salzklebrige Luft und sehen flimmernd die Mittagsglut vom Sand aufsteigen. Vor wenigen Jahren noch glaubte man, daß kein Mensch, der nicht in dieses Klima hineingeboren ist, dort unten am Südende des Toten Meeres, dem heissesten Punkt des Landes, leben oder gar arbeiten könne. Heute entsteht dort das Südwerk der „Palestine Potash Company", Dämme werden durch den Salzschlamm gezogen, Pumpstationen werden errichtet, Dieselmotore montiert — und unter den fünfhundert arabischen Tagelöhnern der Gesellschaft arbeiten vierzig Juden aus Rußland, Polen, Ungarn, Deutschland täglich ihre acht Stunden, schwitzen, lassen sich die Haut von dem scharfen Meerwasser zerfressen, in dem sie bei der Arbeit bis zu den Knöcheln stehen, und das alle Gegenstände mit einer weissen, glitzernden Kristallsehicht überzieht, werden wohl auch von Moskitos gestochen und bekommen Fieber — aber halten durch. Für einen Monat habe ich mich der „Teufelsinsel Palästinas" als Chauffeur verschrieben. Ein Werkmonat — das bedeutet drei Wochen Arbeit und eine Woche Urlaub in Jerusalem. Wäre nicht diese regelmässige Atempause, kein Europäer würde auf die Dauer dort leben können, wo einst Sodom und Gemorra stand. Die Menschen würden zusammenbrechen vor Hitze und Anstrengung. Langsam stampft die „Massada" durch die Flut. Unten, im Bauch des Schiffes, sitzen die russischen Ingenieure der Kompanie, die von ihrem Urlaub zurückkehren und spielen unermüdlich Karten. Der arabische Kapitän, den von seinen wenigen Untergebenen keine anderen Bangabzeichen unterscheiden als sein schneeweisser kleiner Spitzbart, späht mit zusammengekniffenen Augen nach dem Ziele und tut bald einen tiefen Zug aus seiner Messingpfeife, bald nimmt er einen kräftigen Sehluck aus dem geräumigen Tonkrug, der neben dem Steuerrad steht und sein Trinkwasser kühl hält Schroff und kahl fallen die rotbraunen Felswände ins Meer ab. Nur an einer Stelle sieht man spärliches Grün — dort, wo der Arnon in enger, finsterer Schlucht in den Salzsee mündet. Und dann taucht ein flaches, von steilen Wänden begrenztes Felsplateau auf, uralte, verlassene Ruinen liegen in der brütenden Sonne, die Feste, nach der unser Schiff seinenNamen trägt— Massada. Ä ■ Jerusalem ist gefallen, der Tempel zerstört, römische Legionen hausen im Land. Eine einzige, letzte Stadt ist noch in jüdischer Hand, Massada, hoch auf steilen Felsen am Ufer des Salzmeeres gelegen, unzugänglich, uneinnehmhar, hält es dem Ansturm der Feinde nun schon ein Jahr lang stand. Nur von der Ostseite führt ein schmaler, gewundener Weg in die Höhe, „SchlangeHpfad" genannt, schon in ruhigen Zeiten nur mit Gefahr zu erklimmen, jetzt, mit kochendem Wasser und mächtigen Felsbrocken verteidigt, fast unbeschreitbaT für die römischen Angreifer. Und doch arbeiten sich die Meister der Belagerung Meter um Meter vorwärts, nähern sich immer mehr der äussersten Stadtmauer. Die Juden ahnen den Tag, an dem die riesigen Widder gegen die Steinquadern anstürmen werden, an dem die Mauer fallen muß. Und so bauen sie einen dritten Schutzwall, aus Sand aufgeworfen und-festgestampft, zu beiden Seiten von Balkenwänden gehalten, zwischen innerer und äusserer Stadtmauer. Den können selbst die römischen Sturmböcke nicht'nehmen, an der hemmenden Sandwand muß sich die Kraft der Widder erschöpfen. Ohne Furcht erwarten die Verteidiger den Tag, da der Feind die erste Mauer erstürmt 'hat Aber es' ist kein Tag, der ihr Schicksal entscheidet — es ist eine Nacht, eine grausige Nacht. Prasselnde Flammen lodern zum Himmel, werfen ihren Schein in die aufgestörte Stadt. Die Römer haben die Balken' angezündet, die dem Sandwall Halt gaben, zwischen dem verkohlten Holz rieselt das Erdreich, formt sich zu einem flachen Damm, über den die Legionen ungehindert stürmen. Beim Morgengrauen lagern sie am Fuss der innersten Mauer, bereit, das letzte Hindernis zu nehmen, das auf dem Weg zum Siege liegt. ■ - - Massada hätte damals wohl tausend Einwohner. Und diese tausend Menschen entschliessen sich, freiwillig ihrem Leben ein Ende zu maeheu, um nicht im Triumphzug durch die Strassen Roms geführt zu werden, um die Römer sich ihres Sieges nicht freuen zu lassen. Man bestimmt zehn Männer durch das Los, die alle übrigen Bewohner der Stadt dem Tode zu übergeben haben. Von diesen-zehn ein letzter wieder tötet seine neun Brüder und stürzt sich dann-in sein eignes Schwert. So erstürmen die Römer am nächsten Morgen eine tote Stadt. Wohl fühlen die Eroberer, daß man ihnen den Sieg geraubt hat. Und ihr Zorn kennt keine Grenzen. Irgend ein enttäuschter Offizier mag hohnlachend die Frage gestellt haben, wielange wohl Menschengebeine auf dem Salzwasser schwimmen — und nun schauen grinsende Legionäre von den roten Felsen aufs Wasser hinunter, wo die verstümmelten Körper der Freien unaufhörlich von Welle zu Welle schaukeln und nicht untergehen wollen, bis sie sich, verwest und vom Salzwasser zerfressen, auflösen.— Das war das Ende von Massada. — Über uns wölbt sich jetzt ein tiefblauer Himmel, unzählbare Sterne strahlen in nie gesehener Klarheit und ein hellgelber Vollmond wirft seinen Schein über das Wasser. Am Ufer flam-- raen Lichter auf, werden größer und größer. Rasselnd fällt der Anker. Ein kleines, flinkes Motorboot löst sich vom Ufer, huscht schattengleich über das dunkie Wasser und legt längsseit bei. Schalomgrüsse fliegen freudig hinüber und herüber — wir sind am Ziel. .Photo -Abteilung bei ist für Leica spezialisiert