Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 2 (11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 57 (sequence 11)
- Language
- German
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Seite 57 Neben der Einstellung neuer Kräfte wird oft auch zur Auflockerung oder Auflösung eines Haushaltes gegriffen werden müssen. Hier helfen die zahlreichen schon bestehenden und neu zu gründenden Mittagstische und Pensionen. Einschneidender ist die Zusammenlegung eines Haushalts mit einem anderen, sei es mit gemeinsamer Küchenbenützung, sei es, dass ein Ehepaar, dem man Zimmer einräumt, dafür die Hausarbeit des anderen Haushalts übernimmt. Bei der Bewältigung des gesamten Problems ist es Sache der beteiligten Organisationen, aber auch jeder einzelnen Hausfrau, weitgehend den sozialen Gesichtspunkten Rechnung zu tragen. Es ist zu hoffen, daß alle Beteiligten einsichtig genug sind, um kinderreichen Haushaltungen und solchen, die durch Krankheit vor besonderen Schwierigkeiten stehen, erste Berücksichtigung zu gewähren. Die Verteilung der einzelnen Arbeiten ergibt sich aus nachstehender Tabelle. Mit Wünschen und Anfragen wolle man sich jeweils unmittelbar an die. genannte Spezialstelle wenden. u Aussprache LI Der bildende Künstler Eine der jüdischen Zeitungen brachte vor einiger Zeit die Aufforderung, jüdischen Künstlern Arbeit zu geben. Daß diese Aufforderung notwendig war, könnte man schmerzlich empfinden. War es nur die Gedankenlosigkeit des Publikums, derzufolge ein ganzer Kreis" schaff ender Menschen ausserhalb des Bereiches ihres Denkens und ihrer Wirksamkeit bleibt? Wenn aber bei unserem jüdischen Publikum ein -wirklicher Mangel an Verständnis für bildende Kunst vorhanden ist, läge der Fall schwerer. Gleichgültigkeit kann man aufrütteln; der fehlende Sinn muß erst geschaffen, mühsam erzogen werden. Oder sollten nur rein materielle Gründe viele davon zurückhalten, den Künstlern Aufträge zu geben oder ihre Werke zu kaufen? Vergessen wir doch nicht, daß die Welt des Auges und gleichzeitig — auch die der Hand '— das Edelstev ist, das der Mensch in dankbarer Erkenntnis und Aufnahmefreudigkeit geschaffen hat. Eine tragische Geschichte hat uns Juden Jahrhunderte hindurch den Blick auf die Pracht der „Mutter Natur" verwehrt, verengt und so auch den Geist vielfach entwöhnt, sowohl schauend zu geniessen, wie uns schöpferisch zu entfalten. In die Stille der Abgeschlossenheit drang nur der Ton, das Wort. So ist uns die Welt des Ohres, die Musik, die Wortkunst jeder Art der bevorzugte Ort geworden, zu dem unsere Seelen sich magisch hingezogen fühlen. Umso stärker müssen wir versuchen, dieser Einseitigkeit Grenzen zu ziehen, umso Jmkbarer müssen wir den Künstlern sein, die uns sehen lehren, die uns gleichsam die andere Hälfte der Welt schenken, wir müssen uns ihnen eng anschliessen, die uns so viel schenken wollen — wir müßen ihnen wenigstens unser Herz geben, unseren guten Willen, von ihnen zu nehmen, was sie zu geben haben. Ist das zu viel verlangt? Und wenn wir wirklich so reich wären an geistigen Schätzen, dass wir die entbehren könnten — stossen wir sie auch für unsere Kinder zurück? Wollen wir ihnen ein solches Paradies wirklich verschliessen, wo es doch schon genug verschlossene Paradiese gibt? Müssen sie nicht von uns lernen, sich für bildende Kunst — und Künstler! denn ohne die warmherzige Teilnahme an Menschen geht es nicht! — zu interessieren? Wollen .wir nicht mit ihnen Kunstwerke betrachten gehen, können wir ihnen niemals die hohe Freude machen, am Entstehen einer — noch so kleinen — Arbeit mitbeteiligt zu sein, in Frage und freimütiger Ausspräche mit dem Künstler über sein Werk, über Kunstdinge uns seelisch zu bereichern? Wie anders sieht ein künslerisch erzogenes Auge unsere schöne Erde! Und „zum Sehen bestellt" sind wir. Man sagt wohl ERICH WIENER GENERAL-AGENT DER „VICTORIA ZU BERLIN" BSHMERSTR. 6, TEL. 54460 heute gern, das Soziale ginge jetzt allem Andern voran, aber man vergisst, dass auch Künstler sozial nicht vergessen werden dürfen, und man vergisst ferner, dass die ethische und die ästhethische Betrachtung wie zwei Fenster sind, durch die man die gleiche Welt in verschiedenen Farben sieht. Man darf, ja man soll durch beide Fenster schauen. Geradedas, was manche „überflüssig" nennen, trägt den Sinn des Lebens. Schöner hat das niemand gesagt, als Gottfried Keller: „trinkt, ihr Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Uberfluss der Welt". Dieser „goldene" Ueberfluss ist das Schönste, was wir uns bieten können: Ein Blick auf eine Landschaft- oder ein Bildchen an der Wand, ein schönes Menschenkind, oder ein kleines reizvolles Figiirchen, oder eine feine Silberschmiede-Arbeit. Lasst uns Freude haben, indem wir von unsern Künstlern nehmen - ihre Arbeit — und ihnen — Herz und Auftrag — geben! I. D. Winterhilfe in der Provinz Hessen-Nassau Die Durchführung der Jüdischen Winterhilfe in Hessen- Nassau ist dem Provinzialverband für Jüdische Wohlfahrtspflege, (Quinckestrasse 26) übertragen worden. Unter Leitung des Vorsitzenden, Gemeinderabbiner Dr. Horovitz, sind die organisatorischen Vorbereitungen getroffen worden, um dem Hunger und der Kälte zu steuern, die unsere Glaubensbrüder- und Schwestern, besonders auf dem Lande bedrohen. Am Sonntag, den 27. Oktober, haben in sämtlichen Gemeinden des Provinzialverbandes freiwillige Mitarbeiter durch Rede und persönlicheWerbung die Sammlungsaktion eingeleitet. Es bedarf der grösstcn Opfer jedes Einzelnen, damit das erreicht wird, was das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes den deutschen Notleidenden zugedacht hat. Wir Juden wollen unsere jüdischen Armen und Bedürftigen nicht hungern und frieren lassen. Wir dürfen es nicht um unseres jüdischen Namens und unserer jüdischen Verpflichtung willen. Die Jüdische Winterhilfe in Hessen-Nassau weiß, daß es vielen bitterschwer wird, die allgemeine Hilfsverpflichtung zu erfüllen. Sie hat ihre Arbeit mit Freude und dem Vertrauen aufgenommen, die aus dem Bewusstsein jüdischer Einsatzbereitschaft und jüdischer Solidarität entspringen. Religiöse Weihestunde In Erfüllung einer zu ihrem besonderen Aufgabenkreis gehörenden Pflicht veranstaltete die „Gesellschaft für jüdische Volksbildung" vor den Feiertagen eine Weihestunde. Kabbiner Dr. Georg Salzberger führte die Hörer in aufschlussreicher und eindringlicher Weise an den ethischen und gedanklichen Inhalt der Feiertagsgebete heran. Zugleich machte er sie mit der Struktur der Gottesdienste und dem historischen oder legendären Hintergrund vieler Abschnitte bekannt. Die bedeutsamsten kantoralen Gesänge der Eosch Haschonoh- und der Jörn Kippur-Liturgie wurden, in den Vortrag eingestreut, von dem Bassisten Janko Kauffmann mit klangvollen, gepflegten Stimmitteln und gründlicher Kenntnis der Behandlung des traditionellen Chasonus beigesteuert. Professor Dr. Werner leitete die von zahlreichen Mitgliedern besuchte Feier durch eine Ansprache ein, in der dem Vorsitzenden Dr. Salzberger der Dank der Gesellchaft für das von ihm in langen Jahren Geleistete übermittelt wurde. A. H. Die frankfurter Bank, Neue Mainzerstrafje 69 gegründet 1854 Tel. 20901 übernimmt die Ausführung aller bankmässigen Geschäfte Spareinlagen gegen Sparbuch Hinterlegungsstelle für Mündelvermögen