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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-11-01 · 2 (11.1935) · p. Seite 55

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
2 (11.1935)
Date
1935-11-01
Page
Seite 55 (sequence 9)
Language
German
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Uraufführungen Frankfurter [Komponisten Seite $5v Der J ü d i s c hc Kammerchor und das Kulturb u n d-Orchester, unter Leitung von Dr. N. E Ii r e n r e i c h, bringen in ihrem Konzert am 7. November im Vereinshaus . u. a. Kompositionen von Frau Kosy Geige r-K u 11 m a n n, Herbert Fromm und Erich Itor Kahn zur Aufführung. Wir haben Frau Geiger-Kulimann und Herrn Fromm gebeten, über den Weg rzu schreiben, der zur Entstehung ihrer Werke geführt hat, und Herrn Dr. Ehrenreich ersucht, uns über das Werk von Erich Itor Kahn zu berichten. Wir bringen im Folgenden die uns zugegangenen Antworten und hoffen, damit dem Verständnis moderner jüdischer Musik und dem Schaffen unserer jüdischen Komponisten zu dienen. Zyklus jüdischer Volkslieder Die Redaktion des Frankfurter Israelitischen Gemeindeblattes bat mich, ihr zu sagen, wie ich zum jüdischen Volksliede kam. Schon als Kind hatte ich eine ausgesprochene Vorliebe für Volkslieder aller Art und aller Nationen, spielte und sang sie selbst und komponierte bereits damals Volkslieder. Von den Volksliedern ging auch später, als ich mich dem kompositorischen Studium ganz widmete, mein erstes Wirken aus. Von deutschen Volks- und Minneliedern aus des Knaben Wunderhorn, führte mich der Weg über Lenau, Eichendorff, Geibel, Dehmel und neuere Dichter zur ausländischen Lyrik, insbesondere zur Vertonung chinesischer und indischer Gedichte (chinesische Flöte, Tagore-Lieder u. a.). Nachdem ich dann an größere Aufgaben herangegangen war 'und neben orchestralen Liederzyklen aucli umfangreichere Instrumentalwerke, darunter Opern geschaffen hatte, trieb es mich nunmehr, vor bereits sieben Jahren, z. T. unter dem Einflüsse schweren und eindrucksvollen Erlebens, zum Schaffen von religiöser Musik, besonders zur Vertonung jüdischer Stoffe. Nach langem Studium in der heiligen Schrift suchte und bildete ich mir meinen Text aus den Büchern Mose. Ich wählte unter anderem, neben dem eigentlichen Zehnwort, noch 10 weitere Gebote, die dem Menschen zeigen müssen, welche tiefen, ethischen Werte in unserer Bibel ruhen. Der 1. Teil meines Oratoriums M o s e umfasst die Gebote, die die Stimme des Ewigen Mose verkündet, der sie auf die steinernen Tafeln niederschreibt. Der 2. Teil schildert das Wandern und Irren in der Wüste, den Tanz ums goldene Kalb und die Strafen: Hunger, Durst, Schlangen, dann die erlösenden Wunder durch Mose und endigt mit: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist einzig". Der 3. Teil bringt Moses Aufstieg auf den Berg Nebo, mit dem Blick auf das gelobte Land, das er nicht betreten, nur erschauen darf, weil er an Gott verzagt hat. Der Schluß bringt Moses Ted und Begräbnis durch Gott und einen Mose preisenden und erlösend-aufstrahlenden Schlusschor. Dieses Oratorium sollte 1933 uraufgeführt werden, jedoch kam es leider nicht mehr dazu. Nur die 3 Schlußchöre mit den Soli wurden in den Weihestunden der Westendsynagoge liebevoll uraufgeführt. Einen weiteren biblischen Stoff brachte mir sodann Alfred Auerbach mit seiner Dichtung Ruth und Boas. Dieses ergreifende und innige Herbst- und Lie\ esidyll vertonte ich als Solo k antäte für Sopran, Alt und Bariton mit Klavier oder Orgel (eder Orchester) -Begleitung. Schon vorher, im Mai 1933, war mir der Auftrag geworden, für ein Konzert des neu gegründeten Ehrenreich'schen Kammerchors einen Zyklus jüdischer Volkslieder zu komponieren. Schon beim ersten Durchlesen der mir zur Verfügung stehenden Sammlung jüdischer Volkslieder gefielen mir die schlichten Volksweisen. Ich ging auf meine eigene Weise an die Arbeit, indem ich manche mir nicht am Platze erscheinende Monotonie durch Änderung der Melodie abbog. Dies war für eine farbige, polyphone Ausdrucksweise notwendig. Auch komponierte ich kleine Vor- und Nachspiele hinzu, um geschlossene Formen zu erzielen und änderte auch z. T. jiddische in; deutsche Worte um. So entstand der jüdische Volkslieder zyklus für 4stimmigen a cappella Chor, aus dem der Ehrenreich'sche Kammerchor 4 Lieder, die er schon in anderen Städten uraufgeführt und mehrfach gebracht hat, in seinem nächsten Chorkonzert im Rahmen des Kulturbundes zum 1. Male in Frankfurt bringen wird. Das scherzhafte Lied „Der u n g eduldige Bräutigam", dessen cantus firmus ich bei jeder Strophe, der Vielfältigkeit des Ausdruckes wegen, in eine andere Stimme gelegt habe, das „W i e g e n 1 i e d", mit seinem Vor- und Nachspiel, das „Hör uns, schönes Mägdelein" und das „Tanzlied" kommen hier zur Erstaufführung. „Verlassen" und „Des Müllers Klage" kommen hier nicht zu Gehör. So kam ich von Liedern aus des Knaben Wunderhorn, über deutsche, indische, chinesische Lyrik, über Opern mit alt-englischen, französischen, spanischen und deutschen Sujets, über das jüdische Oratorium Mose, die jüdische Kantate Ruth und Boas, über Hymne und Psalm aus dem alten Testament zum jüdischen Volkslied. Rosy Geiger-Kullmann Zur Uraufführung meiner Kantate „In Ewigkeit" Zur Uraufführung der Kantate „In Ewigkeit" möchte ich den Weg aufzeigen, der mich von der ersten Berührung mit der jüdischen Volksmusik bis zu diesem selbständig geformten Werk geführt hat. Von der musikalischen Jugendbewegung her beschäftige ich mich seit etwa fünf Jahren mit der Volksmusik aller Länder. Philologisches oder ethnographisches Forschen waren dabei nur von untergeordneter Bedeutung. Wesentlich ging es mir darum, Anregung und Vorbild für das eigene Schaffen in der gesammelten Klarheit der volkstümlichen Form zu finden. 1931 entstand so auf Anregung von Prof. Fritz Jöde-Berlin der zweistimmige Satz dreissig deutscher Volkslieder, 1932 die Sammlung von dreissig Liedern fremder Völker für Singstimme und Klavier. Seit 1933 beschäftige ich mich mit den Volksliedern der Juden Osteuropas und Palästinas, die stofflich und zum Teil auch musikalisch ein lauterer Spiegel volklicher Eigenart sind. (Die neuen palästinensischen Lieder müssen als ausserordentliches Phänomen in unerer modernen Welt gewertet werden, denn hier entstehen neben vielen nachgeahmten und sogar schlechten Erzeugnissen einzelne Gebilde von vollendeter Echtheit des Inhalts, naiver -Lebensnähe und beispielhaft geprägter Klarheit der Form.) Der im westlichen Kulturkreis aufgewachsene Jude wird das Volksgut des Ostens auf seine eigene Art aufnehmen und schöpferisch verwandeln. Es soll hier keine weitläufige Diskussion über Stilfragen eingeleitet werden. Entscheidend ist, daß die alle Juden verbindende Substanz des Inhalts gewahrt bleibt, und das Werk als solches lebendig und charaktervoll geformt ist. Als künstlerischer Niederschlag des Studiums jüdischer Musik entstand 1934 mein „Opus Judaicum", ein abendfüllendes Werk, das eine große Zahl jüdischer Volksmelodien, teils in strenger, teils in nur motivischer Anlehnung, verarbeitet und in den verschiedensten Besetzungsmöglichkeiten zur Aufführung, wie zum häuslichen Musizieren bereitstellt. Die Arbeit an der jüdischen Volksmusik weckte den Drang nach freiem, von der Volksmusik abgelösten jüdischen Kunstschaffen. Schon das „Opus Judaicum" enthält völlig selbständig erfundene Stücke, doch bot sich erst in den von Franz Rosenzweig übersetzten Hymnen des Jehuda Halevy breiterer Stoff für meine Absichten. Der Text baut sich durch freie Zusammenstellung an sieh getrennter Gedichte und Einschiebung des 22. Psalms in der Übersetzung von Martin Buber als durchgehende innere Handlung auf. 1. Satz (Chor-Hymne): Von der Unvergänglichkeit der jüdischen Gemeinschaft. 2. Satz (Bariton-Solo): Klage um den Leidensweg der Juden. 3. Satz (Chor und Solostimmen): Besinnung auf die Kraft des Herzens und die Geborgenheit in Gott. 4. Satz (Sopransolo und Chor): Trost im Glauben an das unumschränkte Wirken göttlicher Macht. 5. Satz (Baritonsolo und Chorfuge): Herabflehen des Segens und Bitte um Erlösung. Eine Spreehstimme versinnbildlicht die göttliche Verheissung; dann folgt als Abschluß und Bestätigung der neu er- J\TERVOTIF____ ± V das8utschmeadÄ Nerven-BeruhiQunQS- und Schlsfmltlel Adler-Apotheke ^JSSSs^s aus der Frankfu't-M. I". 25262

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