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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-10-01 · 1 (10.1935) · p. Seite 38

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
1 (10.1935)
Date
1935-10-01
Page
Seite 38 (sequence 40)
Language
German
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Der RJF. Sportschulungskurs in Ettlingen Seite 39 Anfang Mai heisst es auf einmal: 13er Sjjortbund des R. J. F. macht ein eigenes Sportsehulungslager in Ettlingen. Ein, zwei Tage warten wir, bis die Bundesleitung in Berlin die Auswahl getroffen hat Zwei von uns werden ausgewählt. Ich gehöre dazu. Überglücklich sind wir beide. Uns tun zwar die andern leid, die nicht mitkönnen, aber unsere Freude ist viel zu groß, als daß wir richtig darauf achten. Zwei Wochen Vorbereitung: Das Sportzeug in Ordnung bringen macht doch viel Arbeit und Sorge. Alle Gespräche dieser Wochen drehen sich um Ettlingen. Endlich der Reisteag mit ein bischen Reisefieber, wenn man es auch nicht eingesteht. Auf der Fahrt schon lernt man Sportkameraden kennen. In Karlsruhe holen uns Kameraden aus allen Gegenden Deutschlands ab. Berlin, Köln, Breslau, Oppeln usw. Man stellt sich vor. Zum Teil sind es neue Namen, zum Teil bekannte. Namen, die nur in Verbindung mit einem 100 m - Lauf in 11 Sek. oder mit einem Weitsprung über 6 m ein Begriff waren, wenn man sie in der Zeitung las< nahmen jetzt Gestalt an. „So sieht also mein Konkurrent aus, der neulich diese prima Zeit gelaufen ist", dachte wohl mancher. Oder, „das ist der gute Hochspringer. Sieht gar nicht nach Hochsprung aus". So gab es ein Abtasten und ein Anschauen. Alle Namen aus den Sportberichten haben plötzlich ein Gesicht, stehen vor einem und sind keine Druckerschwärze mehr. In Karlsruhe werden wir dann offiziell begrüsst und ermahnt, oben in Ettlingen immer daran zu denken, dass wir die deutsch-jüdische Sportjugend vertreten. Sportlehrer Edwin Halle, Wiesbaden, genannt Onkel Ed., und Dr. Hans Götzel, Mannheim, genannt Onkel Hans, geben uns noch die letzten Instruktionen; denn sie kennen sich schon da oben aus. Und dann geht es endlich ab. Ein vom RJF Karlsruhe „gespendetes"Postauto bringt uns nach Ettlingen. Im Auto schon merkt man: Wir kennen uns zwar noch nicht richtig, aber doch sind wir schon eine Gemeinschaft. Die Erwartung und die Freude auf die gemeinsamen 8 Tage machen aus uns schön eine grosse Familie. Marschlieder und Scherzlieder werden gesungen, begleitet von Mundharmonika und Ziehharmonika. Und ehe wir uns versehen, zeigt uns Onkel Hans Haus „Wilhelmshöhe". Dass er sich geirrt hatte, wie sich später herausstellte, stört uns weiter nicht. Oben in „Wilhelmshöhe" wird erst alles bestaunt, besonders Gretel Bergmann, die schon 8 Tage zu einem Olympiaspezialkurs oben ist. Mancher mag wohl denken: „Mit der Grösse und den Beinen kann man wohl hochspringen". Und dann freut man sich, daß es eine von uns ist, die zu den besten deutschen Hochspringerinnen gehört Zimmer werden verteilt Die einzelnen Gegenden bleiben zusammen. Wir sind noch nicht richtig eingezogen, da geht es schon los: Trainingsanzug anziehen und zum Essen! Und wie wir nun unten sitzen im Sportdress, da ist der grosse Kreis geschlossen, der uns 8 Tage nun nicht mehr loslassen soll. Anschliessend wird alles angesehen. Hier sollen wir nun eine Woche lang „arbeiten". Die Sprunggrube wird ausprobiert, man lernt schnell die Umgebung von Wilhelmshöhe kennen. Und dann sitzen wir auf der Terrasse noch zusammen, singen und spielen und' lernen uns richtig kennen. Am nächsten Morgen fängt der Betrieb an. Kurt, der Assistent der Sportschule, macht mit uns „leichte Gymnastik. Seilspringen, Medizinball und Spiele wechseln ab; mit dem Erfolg, daß man am Abend oder am nächsten Tag schon einige die Treppe hinaufgeben sieht, langsam, nicht mehr mit dem Schwung und dem Tempo des ersten Abends. Als dann am nächsten Tag der Trainer und Kursleiter Sportlehrer Rüssmann-Duisburg kommt, beginnt der richtig geregelte Tagesplan, der uns — leider nur — für eine Woche einspannt: Um 7 Uhr weckt Kurt mit einem „Auf geht's!" in seinem bayerischen Dialekt, und schon sausen die ersten zum Waschen. 8 Uhr Kaffeetrinken. 9 Uhr Trainingsbeginn. Jeden Tag etwas anderes. Starts und Laufübungen wechseln mit Sprung- und Wurfübungen. Und dann immer wieder laufen. Allmählich merken wir, daß wir noch garnichts können. Vollkommen von vorne müssen wir anfangen. Immer wieder laufen und laufen. Erst Laufgefühl haben, dann kann man an die anderen Sachen herangehen, ist das erste, was wir lernen. Und richtig laufen ist doch verdammt schwer. Dieselbe Erfahrung machen wir bei allen anderen Uebungen. Staunend steht man zuerst vor den „Grössen", die sich dann schliesslich auch sagen lassen müssen, daß noch viel bei ihnen fehlt 12 Uhr mittags ist das Morgentraining beendet. Schneller als man es nach so scharfem Training hätte erwarten können, stürzt alles zu den Brausen. Hier ist unser sportlicher Ehrgeiz auch noch nicht ermüdet. Rekorde im Wettrutschen auf dem weissgekachelten Boden gehören zum täglichen Brauseprogramm. Um 1 Uhr wird gegessen. So gut war es, daß fast alle trotz der grossen „Strapazen" zugenommen haben. Bis 3 Uhr ist dann Ruhestunde, die jeder auf seine Art und Weise verbringt. Nach dem 3-Uhr Kaffee gibt es wieder bis 6 Uhr Sport. Für das Abendessen macht man sich fein, soweit das der Trainingsanzug zulässt. Mit Tischtennis, Tischfussball, Singen und Faulenzen auf der Terrasse verbringen wir die Zeit bis zum Schlafengehen. Keiner braucht um 10 Uhr dazu gezwungen zu werden. Am vierten Tag kam bei allen der „tote Punkt". Alle waren übertrainiert und schlapp, die rechte Lust fehlte. Keiner war wohl da, der nicht irgendeinen Muskel etwas gezerrt hatte. Selbst Onkel Ed hatte sich durch allzustarkes Photographieren Muskelfieber im rechten Arm und eine Erkältung geholt. Da kam jemand auf den rettenden Gedanken, eine Autotour nach Baden-Baden zu machen, und zurück dann über Herrenalb durch den Schwarzwald. Wenn es auch zu Anfang in Strömen regnete, unsere Laune war glänzend. Es war mal etwas ganz anderes. Am nächsten Tag waren unsere Leistungsprüfungen im Karlsruher Stadion, nach denen die Mannschaft für den Berliner Verbandskampf am 14. 7. gestellt werden sollte. Wenn wir unsere Trainingsarbeit der vergangenen Woche in Betracht zogen, konnten wir mit den Leistungen zufrieden sein. Wie stark uns diese 8 Tage gemeinsamer Arbeit zu einer Gemeinschaft hatten werden lassen, zeigte eine schlichte Freitagabendfeier. Alle haben sie als Feierstunde in unserem Kreis empfunden, auch wenn der eine oder andere sonst nichts von religiösen Feiern kannte. Er hat es hier aber als Feier unserer Gemeinschaft empfunden. Als wir zum Abschied rüsteten, da war uns allen nicht gerade froh zu Mut. Von allem nahm man Abschied, von allen, die zu „Wilhelmshöhe" gehörten, trennte man sich ja so schwer. Die 8 Tage, die nun schon herum waren, werden wohl nie von uns 28 Ettlingern vergesesn werden. Es war eben mehr als nur ein Sportschulungskurs gewesen. Lang dauerte es bis wir uns trennen konnten, und wenn dann zum Abschied Kurts Schlachtruf „Hiiiip-Peeh!!" noch ein paar Mal ertönte, dann wurde das unser Erkennungszeichen für später. Wo eben „Hiiip-Peeeh!" ertönte, waren bestimmt Ettlinger Leute da. Von Karlsruhe aus, von wo die Berliner schon abzweigten, fuhr dann der Rest des Kursus geschlossen nach Mainz, wo wir am nächsten Tag als „Ettlinger Kursisten" starteten. Wir mussten beweisen, daß ^ir in den 8 Tagen etwas gelernt hatten. Und wir haben es in Mainz schon bewiesen. Aber wenn wir in-3 Wochen in Berlin unsere Feuerprobe gut bestehen wollten, mußten wir noch viel an uns arbeiten. Und als dann am 14. Juli der Verbandskampf in Berlin stattfand, da trafen wir uns alle wieder, als ob wir erst gestern auseinandergegangen wären. Wir waren sofort eins, eine Mannschaft. Wir wussten, um was es ging. Wir mussten zeigen, daß wir in der kurzen Zeit des Bestehens des Sportbundes uns etwas erarbeitet hatten, was wir getrost der jahrelangen Kampferfahrung und dem jahrelangen Training der Makkabi-Mannschaft zum Vergleich stellen konnten. Und haben wir den Kampf auch verloren, so sind wir doch stolz auf den knappen Vorspung, den der Makkabi uns voraus war. Wir haben bewiesen, daß unsere Arbeit der letzten zwei Jahre, und besonders in Ettlingen, nicht umsonst war. Nicht nur sportlich hat uns Ettlingen weitergebracht. Wer unsere RJF-Mannschaft in Berlin gesehen hat, der hat sich gefreut darüber, daß ein Wille, ein Geist hinter uns stand, der uns zu einem Ganzen gemacht hat. Das ist der Geist von Ettlingen, der dem ganzen Sportbund sein Gepräge geben soll. Herbert Abt

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