Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 1 (10.1935)
- Date
- 1935-10-01
- Page
- Seite 39 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt _Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr. i OKTOBER 1935 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage, Fahrgasse 146, tu richten. Noch einmal, der Einzelne und die Gemeinschaft Zeiten eines politischen Umbruchs sind immer auch Krisen Zeiten für das, was man gemeinhin „Geist" nennt. Alle Mächte, die einmal zum Bau einer geistigen Gestalt beigetragen haben, geraten in die Krisis, weil sich ein neues Lebensgefühl vom Elementaren her durchzusetzen sucht, und das Ueberkommene von einem neuen Sinnzentrum aus in Frage stellt. So ist es kennzeichnend für das heutige Geschehen, daß alle humanitären und zivilisatorischen Verdeckugen beseitigt werden und als das eigentlich Tragende aller Politik das Volkstum unmittelbar und direkt spürbar gemacht werden soll. Es ist eine bewusste Hervorhebung und Unterstreichung dessen, was Gemeinschaft stiftet und Verbundenheit schafft, was die Vereinzelung überwindet. Mit ungeahnter Mächtigkeit bricht daher für uns heute die Kernfrage der Jugendbewegung wieder auf: Wie verhält sich der. Einzelne zur Gemeinschaft, wie steht die Persönlichkeit in dem Kreis ihrer Mitmenschen? Was ist es um die echte Zwiesprache? Ist diese nur in der reinen Dialogform, in der Rede des Ich zum Du möglich, oder passiert diese nicht auch so, daß „ein Zusammenleben erwächst, das die Besonderheiten der Einzelnen nicht aufhebt, sondern diese alle über sich hinausführt, sie ausfüllt und gerade so die Besonderheiten Jedes Einzelnen zu restloser Auswirkung bringt"? Der Schwierigkeit der Beantwortung dieser Frage bin ich mir bewusst. Ich will "trotzdem versuchen, kurz das zu skizzieren, was wir unter „Gemeinschaft" verstehen, was sie uns ist (besonders in Anlehnung an die Schriften M. Bubers.) Grundsätzlich muß ich vorausschicken: Von Gemeinschaft lässt sich nicht so reden, es sei denn, sie geschehe, daß ich in ihrem Geschehen meine Existenz habe. Es hat keinen Sinn von Gemeinschaft als objektivem Wert zu sprechen und darüber zu reden, wenn sie mir nicht schon einmal widerfahren ist. Kennzeichnend für das, was wir Gemeinschaft nennen, ist das Zusammenleben von Menschen in Gebundenheit und Unmittelbarkeit. Der Mensch muß offen sein dem Anruf des Ueberpersönlichen, der „Sache", in deren Dienst wir gestellt sind. Es geht um ein Zurückdrängen der privaten Fragen und Sorgen. Der Einzelne weiss um die Geschöpflichkeit seines Seins, und daß er hier lebt und schafft im Auftrage des Höheren, das verpflichtend auE ihm und auf uns allen liegt. Unmittelbarkeit meint das rechte Einander-Hören und Zu- Einander-Sprechen, nicht ein Eeden nur von sich und seinen Sorgen, sondern offenhalten für den anderen, da sein für ihn, auch gerade in der Not. Gemeinschaft ist etwas anderes als Freundschaft. Diese entsteht, bildhaft gesprochen, wenn zwei Menschen sich die Hände reichen, Gemeinschaft, wenn ein Mittelpunkt, mag er den Namen haben oder auch das Namenlose sein, Strahlen zum Rande hin aussendet. Dann werden die so Nebeneinanderstehenden, vom selben Lichte berührten, sich allerdings auch die Hände reichen. Doch ein Freundeskreis ist nicht ohne weiteres Gemeinschaft. Ebensowenig ist es eine Gruppe Menschen, von gleicher politischer, künstlerischer oder weltanschaulicher Einstellung. Gleichheit der Einstellung ist zwar wesentlich, aber das, worum es hier geht, bezieht sich nicht nur auf einen Teil des Lebens, sondern es ist die Ganzheit desMenschen. Letztlich ist unser Wollen und Streben nach der Gemeinschaft von dem Wissen um den Tod, und um das Sterben-Müssen bestimmt. Es geht hier um die Bewahrung des Lebens, um das Standhalten diesem Unabänderlichen gegenüber, um Ueberwindung dieser Vernichtung des Selbst. Dies aber können wir nur, wenn wir unser Leben hier, in dieser Wirklichkeit, an das Ewige binden, in dessen Dienst die wahre Gemeinschaft, der BUND steht. Wir wissen wohl, daß heute dieses Unsichtbare und Unnennbare von vielen nicht mehr geglaubt wird, man hält sich an die gegebenen „Wirklichkeiten", „Realitäten des Lebens" oder lebt einem mythischen Glauben an die dem Menschen und der Gemeinschaft innewohnende Macht des Blutes. Aber gehört zur Wirklichkeit nicht auch dieses Stück Wahrheit, das den Menschen mit Gott verbindet? Jedenfalls lehrt es unser jüdischer Glaube, daß dieses Unsichtbare offenbart wurde und ist, und daß der Mensch nur hierdurch existieren kann. Das Gesetz, das uns auferlegt wurde als Aufgabe, sagt, was der, Mensch ist und wie er sein soll, wie er mit seinem Nachbar zu leben hat. Auch wenn wir es vielleicht heute nicht mehr verstehen, ist uns doch noch übrig geblieben, nach diesen Dingen, nach der Wahrheit zu fragen, und von hier aus die Gemeinschaft, der es ja um diesei Frage geht, zu konstituieren. Die Frage selbst muss allerdings immer aufs Neue von dem Einzelnen in eigener Verantwortung und in seiner freien Entscheidung bewährt werden. Und wir glauben, dass diese Bewährung nur in der Gemeinschaft erfüllt werden kann. „Es gibt Gemeinschaftsgeist, d. h. etwas in uns, das schenken und empfangen will, etwas das einigt und zusammenschliesst, etwas was ganz und gar nicht festgelegt werden kann, etwas das immer fliessen und strömen kann. Fliessen und strömen können aber immer nur lebendige Persönlichkeiten. Es strahlt aus diesem Menschen heraus wie eine Wärme und Kraft seines Innern. Es gehört also Kraft dazu, höchste Kraft, geradezu ein Genie und ein Charisma. Darum muss der Gemeinschaftsmensch immer auch zugleich ein schöpferischer Mensch sein. Und ein wirklich schöpferischer Mensch wird auf der Höhe seines Könnens immer auch ein gemeinschaftsbildender Mensch sein. Der schöpferische Mensch im höchsten Sinne ist nämlich der liebende Mensch, der genial liebende Mensch, der ein DU schafft, die Gemeinschaft von Ich und Du, das ist der Anfang und die Wurzel aller Gemeinschaft____ Und so wird Gemeinschaft: Wenn die Beziehung und Sehnsucht zum Einswerden aufgenommen und erfüllt werden von der Kraft, die in einem Auserwählten ist, und von einem schöpferischen Ausfliessen über die Vielen." (P. Lippert S. J. in Stimmen der Zeit, März 1935) Franz Rosenthal AUSLAND-, spez. 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