Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 1 (10.1935)
- Date
- 1935-10-01
- Page
- Seite 14 (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 14 HANS MARCUS TREU H'A'N D E R FACHBERATER FÜR STEUER¬ UNDDEVISE N RECH T GOETHESTR.5 TELEFON28561 Volk und Land Die neue Executive übernimmt ihr Amt mit der gesamten Arbeitslast, die sich aus der Situation ergibt. Der Aufbau Palästinas ist eine Auf gäbe, die in der Kolonisationsgeschichte der Völker einzigartig ist. Im allgemeinen kolonisieren Staaten, in unserem Falle hat eine völkerrechtlich anerkannte, aus Zionisten und Nichtzionisten gleichmässig zusammengesetzte O r— ganisation staatsähnliche Funktionen, ohne die Möglichkeit der Auswertung der Steuerpflicht ihrer Bürger. Aber beide Kongresse haben sich mit Aufrufen an die Juden gewandt und von ihnen verlangt, daß sie der Aufbauorganisation die Mittel, die nötig sind, zur Verfügung stellen. Der Keren Kajemeth allein will eine Million Pfund aufbringen und wird zu Rosch Haschana seine Arbeit beginnen. Die Aktion in Deutsehland wird einen grösseren Antrieb durch die Möglichkeit der Selbsthilfe haben, die den deutschen Juden mit dieser Aktion in die Hand gegeben ist. Bildereinrahmungen j)ann nai Glaserei Rechneierabpnstr. 10 Tel. 20141 Gegr. 1877 Clemens Kabn Man müsste alle Juden der Welt, um ihnen das Werden und die Schwere dieses Aufbaues darzutun, durch Palästina führen und die Zone der blühenden Wirtschaft neben den unerlösten, verwahrlosten Gebieten zeigen. Dann erst würde man verstehen, was es heisst, das nicht erlöste Land ohne Schädigung seiner einheimischen Insassen in den Besitz der Jüdischen Gemeinschaft zu bringen. Man müßte ihnen das herrliche Gebiet von Haifa bis zum Jordan zeigen, den Emek, wo die Siedlungen des Keren Ha^essod auf dem Boden des Keren Kajemeth liegen, und müßte sie dann nach Norden führen, über Daganiah nach Kfar Gileadi, durch das Hule-Gebiet, wo uns eine neue Chance und unserer Jugend eine neue Möglichkeit chaluzischer Bewährung gegeben ist Dann, müßte man sie in den Süden des Landes führen, wo jetzt der Keren Kajemeth eine neue Eroberung beginnt und unsere Chawerim (auch solche aus Frankfurt) beweisen, daß die heroische Epoche des Palästina-Aufbaus nicht beendet ist, vielmehr überall neu beginnt, wo ein weiterer Teil des Landes erschlossen wird. Der Luzerner Kongress kann wirtschaftlich, sozial und politisch unsere Bewegung erneuern. Wenn Bialik heute lebte, brauchte er uns nicht mehr zuzurufen: „Und wieder sah ich Euch mit ohnmächtigen Händen". Unsere Bauleute freilich haben immer nur soviel Macht, wie das jüdische Volk ihnen gibt. OQQr"' Brüfler 43233Grinimstr. 7 Rabbi Abraham Jizchak Kuk y^T Ein Gedenkblatt Von Gemeinderabbiner Dr. Jakob Hoff mann Mit dem dieser Tage verblichenen Oberrabbiner von Erez Israel ist eine der markantesten und ragendsten Gestalten der zeitgenössischen Judenheit dahingegangen. Kraft des Geistes, Reichtum des Gemüts, Adel der Gesinnung, aussergewöhnliche Gelehrsamkeit, religiöse Glut, selbstvergessene Demut und restlose Hingabe an die Sache der jüdischen Gemeinschaft, alle diese Gaben und Eigenschaften in glücklicher Mischung, in harmonischer Verbindung machten ihn zu einer Persönlichkeit einzigartiger Prägung. Als Thor a-G e 1 e h r t e r, als Gaon, erinnerte er an die grössten rabbinischen Führer vergangener Geschlechter. Sein Geist umspannte das gesamte talmudisch-rabbinische Schrifttum bis in seine fernsten Verästelungen und verborgensten Winkel hinein und durchleuchtete es mit Scharfsinn und logischer Klarheit. An die Behandlung der, religiösen und religionsgesetzlichen Probleme, die ihm das Leben im neuerstehenden Erez Israel in grosser Zahl aufgab, ging er mit grossen Gesichtspunkten und gedankenschöpferischer Kraft heran. Als Halachist war. seine Tätigkeit nicht auf Erez Israel beschränkt. Aus allen Ländern wurde er in schwierigen Fragen um Belehrung und halachische Entscheidung angegangen. (Ein druckfähig vorliegender Kommentar zum ganzen Talmud — eine Eeihe seiner halachischen Schriften ist bereits im Drucke erschienen — soll in nächster Zeit durch Freunde und Verehrer dem Druck übergeben werden. ) Ein Mann von asketischer Frömmigkeit und religiöser Inbrunst, ging er weit über die landläufige Thora-Erfüllüng hinaus. Seine Frömmigkeit, wie sein Denken, hatte einen Zug ins Mystische, Kabbalistische. Er schuf eine Synthese zwischen der Frömmigkeit, die auf verstandesmässiger Begründung und umfassender Kenntnis der Halacha beruht, und der Frömmigkeit, die genährt wird von der unstillbaren' Sehnsucht nach dem Uner- ■ gründlichen, Geheimnisvollen, Uebersinnlichen, Irrationalen. Die gewöhnliche Gottesfurcht, so meint er in einer seiner Schriften, ist nur ein schwacher Reflex der tieferen, edleren und sittlich geläuterten Gottesfurcht, die nur erreicht wird durch die stetige Versenkung in die Sifre Mussar Wejirah — moralphilosophische und religiös-ethische Werke, die das Geistige und Ethische des Judentums herausarbeiten und den Menschen zutiefst mit Gott und dem .Göttlichen verknüpfen. Auch als Denker ragte der heimgegangene Meister hervor. In tiefschürfenden religionsphilosophischen Schriften, die von glutvoller Gläubigkeit beseelt sind, legte er seine originellen Gedanken über Judentum, das jüdische Schicksal, Erez Israel und das Verhältnis des jüdischen Menschen zum jüdischen Lande nieder. Er war kein Systematiker. Seine Gedanken, denen zuweilen die straffe Linie und die letzte Klarheit fehlt, verbinden sich nicht zu einem abgeschlossenen, abgerundeten System. Aber in allem, was er sehrieb und sprach, waren wirkliche Gedanken, schöpferische Gedanken in verschwenderischer Fülle ausgestreut. Jeder echte Denker hat seine eigene Sprache, seine eigene Ausdrucksform, seinen eigenen Stil. Raw Kuk war nicht nur. ein Meister^ des hebräischen Stils., er war auch Sprachbildner, Sprachschöpfer. ' Der Lichtquell seines Wesens war die seelenvolle Liebe. Er liebte die jüdische Gemeinschaft und jeden jüdischen Menschen mit einer unerschöpflichen und zu allen Opfern bereiten Liebe. Diese Liebe verklärte sein Leben undj half ihm über Enttäuschungen hinweg. Ein treuer Jünger Hilleis, friedfertig, sanftmütig, alle Menschen liebend, so wollte er die Menschen anziehen und der Thora näher bringen. Man rühmte oft seine grosse Toloranz. Allein, was sein herzliches Verhältnis zu allen Gliedern des Jischuw, auch zu den der Thora und Tradition mehr oder weniger entfremdeten, bestimmte, war nicht Toloranz im landläufigen Sinne des Wortes. Es war ein anderes, tieferes. Es war nicht so, dass er in bewusster Distanzierung von den Andern die andersgerichtete Weltanschauung oder die andersgeartete Lebensform als solche tolerierte. Es war vielmehr so, daß er in jedem