Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 1 (10.1935)
- Date
- 1935-10-01
- Page
- Seite 13 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 13 zu brechen und von neuem zu zeigen, wie stark und offensichtlich das Funktional Verhältnis zwischen unserer realen kolonisatorischen Kraft und unseren jeweiligen politischen Möglichkeiten ist. Dieser Kongress trat zu dem Zeitpunkt zusammen, wo der Jischuw, ■vergrössert durch die wirtschaftlichen Kräfte, die ihm aus der Abstossungskraft der Galuth zufliessen, anders dasteht, als vor fünf Jahren. Und mit der Wandlung unserer wirtschaftlichen Situation hat sich die politische Lage geändert. Der Stand des Aufbaus Der Kongress hat in mehreren grundlegenden Referaten die verschiedenen Seiten dieser Entwicklung geschildert. Die Referate von R u p p i n, von Kaplan, haben das Ausmaß unserer sozialen Ausdehnung, die Sanierung unserer Finanzwirtschaft dargestellt. Sie haben die Vorteile dieser Lage geschildert, die vergrösserte Aufnahmefähigkeit des Landes, die Entwicklung von Handel und Industrie und den Stand unserer landwirtschaftlichen Siedlung. Die Probleme der nationalen auf den öffentlichen Fonds basierenden Kolonisation wurden in großen Tätigkeitsberichten von Ussischkin und Leib Jaf f e erörtert. Diese Berichte waren Bilanzen und Aufrufe zugleich. Die Nachteile der Expansion wurden nicht verschwiegen, nicht verschwiegen wurde die Tatsache, daß die Ausdehnung der landwirtschaftlichen Zone mit derjenigen der Städte nicht schrittgehalten hat und daß dem Aufbauwerke ernste Gefahren drohen, wenn es nicht gelingt, diese Entwicklung für die Zukunft entscheidend zu beeinflussen. Die neue Executive wird es sich angelegen sein lassen, in dieser Hinsicht eine konstruktive Wirtschaftspolitik zu treiben, die den zionistischen Postulaten entspricht. Sie wird, ausgestattet mit neuer Atitorität, ausgestattet freilich auch mit dem Prestige, das ihrer bisherigen Leistung entspricht, gestützt auf Mittel, die teils aus der Anleihe stammen, zum wesentlichen Teil allerdings auch vom jüdischen Volk aufgebracht werden müssen, sich bemühen, mehrere tausend Familien auf dem Lande anzusiedeln. Das kolonisatorische Budget ist dementsprechend vergrössert, vergrössert ist damit auch die Verpflichtung des jüdischen Volkes, sich freiwillig für den Aufbau des Landes besteuern zu lassen, zu einem Zeitpunkt, wo mit Klarheit die Bedeutung dieses Aufbaus auch für diejenigen Teile des jüdischen Volkes offensichtlich ist, die bis vor kurzem ihre eigene Lage nicht verstanden haben. Die Arbeit der deutschen Abteihing der Jewish Agency wird fortgesetzt werden, aber es liegt in der Hand der deutschen Juden, diese Arbeit zu ermöglichen. Überhaupt ist es der Vorzug dieses Kongresses, daß er die Notwendigkeit, auf die Lage der Juden mit Aufbau und weniger mit Demonstrationen zu reagieren, verstanden hat. Er hat auch in der Transferfrage eine Entscheidung gefällt, die dem Lebensinteresse des auswanderungsbedürftigen Teiles der deutschen Juden entgegenkommt. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang auch die Jugend-Siedlung, die den Namen von Frau Henriette S z o 1 d tragen soll, im Süden des Landes, eine Ehrling, für eine hochverdiente zionistische Frau, durch die Besiedlung des Teiles des Landes, in dem bisher nur wenige aus der alten Rothschild-Epoche stammende Kolonien liegen. Über diese nächsten Aufgaben hinaus hat David Ben Gurion, in einem umfassenden Referat die letzten nationalen und ökonomischen Entwicklungsmöglichkeiten des Aufbauwerks visionär dargestellt. Die Mandatarraacht und der arabische Faktor Die politische Sorge des Kongresses war der nahende Legislative Council, die parlamentsähnliche Körperschaft, durch deren Gründung die englische Regierung ein den Arabern gegebenes Versprechen zu erfüllen gedenkt. Der .palästinensische Jischuw ist im grossen und ganzen einig in der entschiedenen Ablehnung und in dem Willen der Nichtbeteiligung an einer Körperschaft, durch deren Tätigkeit das Aufbauwerk möglicherweise in eine ernste Gefahrenzone rückt. Die Tatsache, daß die arabische Seite weiß, daß jede gesetzgeberische Funktion sich in den Grenzen des Mandats, also des Mandatszweckes zu halten hat, kann in der politischen Praxis nicht darüber hinwegtäuschen, daß jede arabische Gruppe bis heute' diesem Mandatszweck ablehnend gegenübersteht und ihre Macht dazu verwenden könnte, diesen Zweck zu konterkarrieren. Deshalb war der Kongress einig in dem Willen, sieh an einer Körperschaft nicht zu beteiligen, in der die Juden in entscheidenden Fragen majorisiert werden könnten, und es ist kein Zweifel, daß jeder jüdische Bürger Palästinas diese Parole befolgen wird. Nun scheint allerdings die Macht, die die neue Körperschaft haben wird, nicht allzugross zu sein. Aber es ist verständlich, daß der Jischuw, in dem Gefühl mit eigener Kraft und derjenigen des mit ihm solidarischen Galuth-Judentums die Entwicklung des Landes bestimmt zu haben, sich nicht durch Kräfte majorisieren lassen will, die wesentliche aufbauende Fähigkeiten nicht gezeigt haben, allerdings eine um so grössere politische Aktivität entfalten konnten. Dabei wird es Aufgabe einer politischen Erziehung sein, diese Opposition in jenen Grenzen zu halten, die geboten sind, durch die realpolitisehe Erkenntnis des Angewiesenseins auf die Zusammenarbeit mit der Mandatarmacht. Man kann in der Debatte mit ihr das Argument in die Wagschale werfen, daß jüdisches Kapital und jüdische Menschen und nichts sonst den Aufbauerfolg bewirkt haben, ganz so wie die kluge englische Diplomatie es uns bei der Ratifizierung des Mandates angeraten hat. Damals war diese Mitteilung eine Art Enttäuschung, im Augenblick ist der Rückblick auf diese 15 Jahre der Arbeit mit eigenen Mitteln ein eminentes politisches Argument. Das Gesamtbild des Kongresses Der Kongress der Zionisten zeichnet sich heute noch dadurch aus, daß auf ihm das ideologische Spiel der freien Kräfte ungebrochen ist. Auf ihm sitzen also der organisationstreue Teil der Revisionisten (Judenstaatspartei) auf der einen Seite und die machtvoll angewachsene nationale Arbeiterschaft auf der anderen, die freilich in weiser Beschränkung von ihrer Macht keinen Gebrauch machte, sondern nach einer Regierung strebte, die von ihr selbst über den progressiven Teil der allg'emeinen Zionisten bis zum Misrachi und der Gruppe B der Allgemeinen Zionisten reicht. Die Tatsache vieler Meinungsverschiedenheiten, besonders in sozialen Fragen, im Verhältnis zum Misrachi auch in religiöskulturellen Fragen, hat das Zustandekommen dieser Arbeitsgemeinschaft nicht verhindert, die geführt, wird durch den Mann, der in Wahrheit niemals aufgehört hat, der Führer der Bewegung zu sein. Dr. Chaim Weizmann, der Präsident der Zionistischen Organisation, ist zugleich der Präsident der gemischten Jewish Agency, die im Anschluss an den Kongress in Luzern tagte, und die nach einer Periode des Niedergangs offenbar vor einem neuen Aufstieg steht. Die Jewish Agency, die drei Tage lang im Anschluss an den Kongress versammelt war, hat die Beschlüsse des Kongresses bestätigt, und seine Vertreter in die Executive entsandt. Sie hat den scheidenden Präsidenten Nahum Sokolow zum Ehrenpräsidenten gewählt.