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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-10-01 · 1 (10.1935) · p. Seite 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
1 (10.1935)
Date
1935-10-01
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
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Seite 3 Salzberger fühlte schon in frühester Kindheit den heiligen Drang zum Rabbinerberuf. Sein liebstes Kinderspiel war „predigen" — und hoher Sinn liegt oft im kindischen Spiel. Der Vaterb der die dornigen Pf ade rabbinischen Berufs, die Teilnahmlosigkeit der kühlen Welt, die Abhängigkeit von Gunst, die äusseren und die inneren Kämpfe, die des Rabbiners — zumal des liberalen — harren, nur allzu gut kannte, riet dem Sohne ab. Aber wen der Herr gerufen, wer könnte widerstehen? So ging er seinen gottgewiesenen Weg. Und ein gottbegnadeter Rabbiner, eine Zierde seines Standes, ist er, geworden — das darf ihm an seinem Ehrentage bezeugt werden. Vieles brachte er mit, was als Geschenk der Gnade Gott ihm in die Wiege gelegt: tiefe Herzensfrömmigkeit, ein für alle Schönheit und Anmut empfängliches Gemüt, einfühlsame Sensibilität, die sich in des anderen Seele hineinzuversetzen weiss und mit jeder leisen Regung mitschwingt. Von der Mutter fiel ein Strahl der Dichtersonne auf ihn, und vom Vater wohl hatte er des Lebens ernstes Führen, das starke' Pflichtgefühl, den Ernst und-die Würde als heiliges Erbgut empfangen. Aber nichts Grosses und Dauerndes ist blosses Erbgut und Gnade. „Nur dem Ernst, den keine Mühe bleichet, rauscht der Wahrheit tief versteckter Born". Unser Jubilar gehört zu den Erlesenen, die es sich nie haben leicht werden lassen. Er hat selbst einmal das „klassische" Wort des großen Predigers M. Joel -zitiert: „was man aus dem Ärmel schüttelt, ist nur Staub". Seine Predigten sind Meisterwerke architektonischen . Aufbaus, schön und klar gegliedert, erfüllt von reichem jüdischen Wissen und der ganzen universellen Bildung der Zeit, getragen vom beschwingten Ethos prophetischer Religiosität, immer ausgehend vom heiligen Schriftwort und immer bezogen auf die lebendige Gegenwart. Seine Rede schreitet einher in rythmischem Schwünge, im edlen Glänze herzenswarmer Sprache. Ihm ist die Kanzel wie auch die Rednertribüne ein Heiligtum, das er mit Ehrfurcht betritt. Nie entweiht ein profanes, nie ein banales Wort die Stätte, wo er steht. Seine Rede zu hören, ist nicht nur eine Erhebung der Seele, sondern auch ein ästhetischer Genuss. Auch in höchster Steigerung bleibt seine Rede besonnen und massvoll und trägt so die Hörer aus der Enge und Dürre beschränkten Eigenlebens zu den Gefilden ewiger Wahrheit und Schönheit, so das Wort des Dichters erfüllend „Schönres find ich nicht, so lang ich wähle, als in der schönen Form die schöne Seele". Von besonderem Reiz sind seine aus liebevoller Beobachtung und eindringlicher Menschenkenntnis geschöpften herzenswarmen Gelegenheitsansprachen, sei es bei synagogalen Einsegnungen, sei es am Traualtar oder an der Bahre. Wie in seiner Rede, so ist Salzberger in seinem Leben eine warme, herzgewinnende Persönlichkeit, vom Sturm wie von der Stille gleichweit entfernt, eine Verkörperung des von Maimonides gepriesenen, auf Aristoteles zurückgehenden ethischen Ideal des Maßes und der Sammlung. Er ist keine Kämpfernatur, was nicht bedeutet, daß es ihm an Festigkeit und Kraft gebräche. Keine Partei darf ihn ganz in Anspruch nehmen, weil sein Sinn aufs Ganze gerichtet ist. Jeder, der je in Beziehung zu ihm getreten ist, empfindet den Reiz seiner liebenswürdigen Persönlichkeit, die die Kraft hat, Menschen anzuziehen und festzuhalten. So hat er als Prediger und Seelsorger, als Lehrer und Jugendführer, als Vorsitzender der Gesellschaft für jüdische Volksbildung und der Arnold Lazarus - Toynbeehalle große Teile der Frankfurter Gemeinde seelisch beeinflusst. Bewundernswert und von kommandierenden Generalen biszum einfachen Soldaten dankbar anerkannt, war seine von hohem Verantwortungsgefühl, von warmer Menschenliebe und edlem Takt geübte Tätigkeit als Feldgeistlicher. Über die Herzen der Kinder, die schwärmerisch an ihm hangen, gewann er sich auch die ihreri Eltern in dankbarem Vertrauen. Der leuchtenden Reihe begnadeter Zeugen, mit denen der Allgütige von altersher unser Frankfurt gesegnet hat, reiht sich sein Name ebenbürtig an. So darf unser Jubilar, umgeben von einer verstehenden, hilfreichen Gattin und hochbegabten Kindern, an seinem fünfundzwanzigjährigen Jubeltage sich sagen, daß dieser Tag für ihn ein reicher Erntetag ist und daß auf seiner stillen Saat der heilige Segen Gottes ruht. Dienstjubiläum Oberkanten* Fleischmann Am i. Juli 1935 konnte Herr Nikolaus Naumow-F 1 e i s c hmann auf einen 25jährige Tätigkeit als Kantor der Frankfurter Israelitischen Gemeinde zurückblicken. Im Jahre 1881 in Kurland geboren, wurde er. schon in jungen Jahren Schüler des Kantors Rosowsky in Riga. Frühzeitig kam er nach Deutschland und bildete sieh hier bei namhaften Gesangspädagogen aus. In Frankfurt am Main wurde er Schüler von Bellwidt an Dr. Hoch's Konservatorium. Als Fleischmann im Jahre 1910 an die Synagoge in der Königsteinerstrasse berufen wurde, hatte der damals 27jährige Sänger bereits eine erfolgreiche musikalische Laufbahn hinter sich. Die Bekanntschaft mit Humperdinck, Schumann, Ochs und anderen Musikern brachte ihm anerkennende Kritik und Förderung. Eine Reihe von Konzerten in großen Städton Deutschlands sicherten ihm die Begeisterung und Anhänglichkeit des Publikums. Zu solchen musikalischen Voraussetzungen gesellten sich seine Kenntnisse des Jüdischen, insbesondere des jüdischen Schrifttums, und so hat Nikolaus Naümow-Fleischmann in den 25 Jahren, in denen er für die Gemeinde an der Westendsyagoge wirkt, musikalischen Genuss und religiöse Erbauung Vermittelt. 1920 wurde Naumow-Fleischmann der Titel einw Oberkantors verliehen. Damit ist zum Ausdruck gebracht worden, daß die Gemeindekörperschaften seine Tätigkeit ebenso begrüssen und schätzen wie die Besucher der Gottesdienste in der Westendsynügoge. Naumow-Fleischmanns Tätigkeit hat in den Jahren seiner hiesigen Wirksamkeit über unsere Gemeinde hinausgegriffen. Bedeutende Kantoren, wie Oberkantor Rosenblüth in Stockholm und sein Bruder Hermann Fleischmann in Köln, sind unter seinen Schülern. In einer Reihe von Konzerten, die er teils solistisch, teils gemeinsam mit Berufsgenossen ausführte, hat Fleischmann in den letzten Jahren im künstlerischen Leben der deutschen Juden eine beachtete und anerkannte Tätigkeit entwickelt. Wir wünschen dem Jubilar, dass er noch viele Jahre mit gleicher Hingabe an seine Aufgabe, im vollen Besitz seiner stimmlichen und musikalischen Begabung zu seiner Befriedigung und zur Freude unserer Gemeinde wirken möge: Zur 25 jährigen Erinnerung an die Weihe der Westend-Synagoge in Frankfurt Von Gemeinderabbiner Dr. C. Seligmann Es ist keine Zeit für uns deutsche Juden, Feste zu feiern. Aber des historisch bedeutungsvollen Tages, an dem die Westendsynagogei vor fünfundzwanzig Jahren ihrer Bestimmung übergeben wurde, zu gedenken, ist unabweisliche Pflicht der Pietät und Bedürfnis des Herzens derer, die jenen Tag miterlebt haben. Einer der heimgegangenen Zeugen jenes Tages, der herzenswarme und tief religiöse Dr. J. Benario, schrieb damals: „Der 28. September 1910 — der Tag der Einweihung der neuen Synagoge in Frankfurt a. M. — wird nicht nur einen steten Gedenktag für. die altehrwürdige Gemeinde bilden, er wird einen Mark- und Wendepunkt, in dem religiösen Leben bedeuten, nicht nur für die liberal gesinnten Juden Frankfurts, sondern auch für die Bestrebungen der Gesamtheit liberaler Glaubensgenossen." . Zu Weihe hatten sich, neben der. den letzten Platz und die Gänge füllenden Menge der Beter, die Behörden der Stadt, an ihrer Spitze der Oberbürgermeister A dick es, eingefunden. Justizrat Dr. Blau, der Vorsitzende des Gemeindevorstands, übergab in gedankenvoller Ansprache die Synagoge. ihrer Bestimmung.-Er führte aus, daß echtes Judentum mit Wissenschaft und Leben nicht nur vereinbar ist, sondern vereinbart werden muß, wenn das Judentum nicht Gefahr laufen wolle, einen großen Teil seiner Bekenner, und nicht der schlechtesten, zu verlieren. Um dieses großen Teils willen, damit sie nicht nur dem Namen nach,. sondern mit ihrem ganzen Herzen und mit ihrer ganzen Seele der Gemeinschaft erhalten bleiben sollen, sei dieses Gotteshaus mit seinem neuen Kultus geschaffen worden.

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