Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 1 (10.1935)
- Date
- 1935-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 Mensehen auf, dureh seine Tat das Gottesreich auf Erden zu schaffen. Diese Tat geschieht durch die ganze Wirklichkeit und Konkretheit der jüdischen Lehensgestaltung. Die Liebe zum Nächsten gehört dazu ebenso wie die Erfüllung jedes anderen der 613 Gesetze der Tora. Das Judentum kennt keine Selbstgenügsamkeit der blossen „Ethik", sondern fordert die Gestaltung einer alle Bereiche des Lebens läuternden Wirklichkeit. Sünde ist das "Versagen des Menschen vor dieser seiner Aufgabe. Sünde ist daher nicht nur das Nicht tun, sondern schon das Weg sehen von dieser Aufgabe, das Sichverkaufen an die Diesseitigkeit, das Aufgehen in irdischen Bindungen, das, was unsere alten Lehrer als Epikuräertum bezeichnet haben. Sünde ist der Widerspruch gegen Gott als den Gesetzgeber. Haben wir in unserer heutigen geschichtlichen Situation noch den frevlerischen Mut, in diesem Widerspruch zu verharren? Hat auch der aufrüttelnde Mahnruf des Schaufor noch immer keine Kraft, unser Leben der Sünde zu entwinden? Und sagt nicht die Sprache des Schaufor die paradoxe Wahrheit, daß der Gebundene frei wird und der Freie sich verstrickt? Der Ton des Schaufor beschwört die ewig "symbolische Szene auf dem Berg Moria: der zum Opfer gebundene Jizchak wird frei, wird mit Leben begnadet, und der frei im Wald herumlaufende Widder verfängt sich schliesslich im Gestrüpp, um als Opfer zu bluten. Darauf deutet der, Text mit seinem exegetisch schwierigen „achar" (Ber. 22,13): schliesslich wird er das Opfer. Der Mensch kann nur leben in der festen Ordnung der göttlichen Bindung. Der jüdische Mensch zumal mit seinem Überschuß an geistiger'Kraft braucht die Bindung. Israel wird mit dem Weinstock verglichen, der nur gedeiht, wenn er aufgebunden wird. Es wird Zeit, daß wir wieder die Feinheit der Empfindung für das -bekommen, was Sünde ist und was nicht. Unser ganzes Lebenssystem war falsch. Wir müssen Gott wieder als unseren Gesetzgeber entdecken. Nur so kann uns geholfen werden. Gott ist unser König, Er wird uns helfen. Der Gedanke des jüdischen Gottkönigtums hat das Schicksal, daß er immer wieder durch Krisen neu geboren werden muß. Daß Gott nicht, nur Richter und Gesetzgeber,, sondern auch der mächtige Weltenkönig ist, auf den allein Israel bauen und vertrauen kann, das muß erst durch den Zusammenbruch aller sonstigen selbstgebauten Stützen immer wieder neu erfahren werden. Man sieht nicht, daß Gott und nur Gott König ist, wenn man selbst in könig-, licher Geste seine eigenen Sicherungen der Existenz baut. Wir haben auch hier umzulernen. Vielleicht haben wir hier schon umgelernt. Denn die harte, unerbittliche Not lässt sich ja nicht so leicht wegdiskutieren wie geistige Probleme. „Aus den Tiefen rufe ich Dich, Gott." Wodurch kann Israel bestehen, da es so klein ist? „Israel wird nur durch Gott geholfen in ewiger Hilfe." Nur der, der uns schlug, wird uns heilen. Gewiß tut das jüdische Volk der Gegenwart recht daran, seine schöpferischen Kräfte zusammenzureißen. Gewiß ist es zu;begrüssen, daß das jüdische Volk sich, wie in früheren Zeiten seiner Geschichte, wieder zu einem zielbewussten Aktivismus aufgeschwungen hat. Aber wehe, wenn dieser neue Weg in die Geschichte und in die Sichtbarkeit der Volksexistenz nichts anderes wäre als ein Bauen auf zeitliche Mächte oder auf die eigene Kraft. Dieser Versuch wäre nichts anderes denn eine große Versuchung Gottes. Unser Volk hat zu viel erlebt und ist zu reif geworden, als daß es seine Existenz auf einen anderen Grund bauen dürfte als auf den Felsen der Ewigkeit, auf den ewigen Schirmherrn der Gnade und des Bundes. Er allein garantiert unsern Bestand. Er, unser König, wird uns helfen. Das ist die letzte Gewissheit des Rausch Haschono. Unsere Weisen sagen, daß der Satan, der Ankläger Israels, erbleichen muß, wenn der Hall des Schaufor ertönt. Wenn Israel sich erschüttert weiss von dem Erleben des großen Gerichts und sich heimwärts tastet zu seinem Gott, dann muß der Ankläger verstummen. Dann spürt er, seine Zeit ist abgelaufen. Das Böse hat eine Grenze an der messianischen Zeit. Mit diesem Blick auf die Ewigkeit wollen wir dem neuen Jahr entgegengehen. Zum 25 jährigen Amtsjubiläum des Gemeinderabbiners Dr. Georg Salzberger von Gemeinderabbiner Dr. C. Seligmann Fünfundzwanzig Jahre sind im Berufsleben eines Menschen eine Wegstrecke, die zu besinnlichem Stillestehen und freundlicher Rückschau einlädt. Man steht an der Grenze, die aus der Saatzeit des Lebens in das Alter der Ernte führt. Und so ist dieser. Zeitpunkt eine Lebensprobe, die zu der Frage drängt: was habe ich gesät und was habe ich geerntet? Handelt es sich bei dem fünfundzwanzigjährigen Jubiläum um einen Mann, der der Öffentlichkeit angehört und Mittelpunkt und Führer eines großen Kreises ist, so hat die Gemeinschaft, der er sein Leben und Wirken weiht, die Antwort auf diese Frage zu geben. Und wer gehörte mehr der Gemeinschaft an, wer wäre nachdrücklicher darauf hingewiesen, Spuren seines Daseins und Wirkens zu hinterlassen und Zeugnis zu fordern, daß seine Arbeit keine vergebliche gewesen, als der Rabbiner, der Vertrauensmann seiner Gemeinde, der Berater, Tröster und Helfer in seelischen Nöten. An der Kraft seines starken Glaubens und seiner reichen Liebe wollen sich Tausende aufrichten. Sein teilnahmvolles Herz und seine hilfreiche Hand nehmen unaufhörlich Zahllose in Anspruch. Sein Wort soll wie ein Feuer sein, das die Geister entzündet und doch mild und friedlich wie freundlicher Abendsonnenschein. Selbstlos und selbstverständlich, nur der Stimme der Pflicht gehorchend, geht er im Dienst auf, „l'Schem Schomajim", wie wir Juden es nennen, nur der Sache dienend, der gebietenden Stimme des Herzens. Freilich, wer in diesem Geiste seines Rabbineramtes waltet, der muß ein Berufener und' nicht nur ein Rabbiner von Beruf sein. Solch ein Berufener ist Rabbiner Dr. Georg Salzberger. Als Spross eines Rabbinerhauses wurde er am 23. Dezember 1882 zu Culm in Westpreussen geboren. Sein Vater, Dr. Moritz Salzberger, wurde von dort als Rabbiner nach Erfurt berufen, wo der Sohn seine Jugend verlebte und nach abgelegtem Abiturientenexamen die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin besuchte. Er hörte die theologischen Vorlesungen der Prof essoren und Dozenten Baneth, Elbogen, Maybaum undTahuda und wurde 1909 mit dem Rabbinatszeugnis und der Hattarat Horaa entlassen. Zu gleicher Zeit widmete er sich an der Berliner Universität philosophischen und philologischen Studien und erlangte, mit der Dissertation „Die Salomon-Sage" in der semitischen Literatur. Ein Beitrag zur vergleichenden Sagenkunde"*) die Doktorwürde. In den letzten Studiensemestern erteilte er fruchtbaren Religionsunterricht an einer Berliner Gemeinde-Religionsschule und erhielt im Juni 1910, vor fünfundzwanzig Jahren, den Ruf als Rabbiner und Religionslehrer an die Frankfurter Gemeinde, wo ihm am 14. Oktober 1918 der Amtstitel „Gemeinderabbiner" verliehen wurde. Bei Ausbruch des Krieges meldete er sich als.. Feldgeistlicher zum Heere und wurde vom Kriegsministerium zum Armeerabbiner der 5. Armee ernannt. Er stand von September 1914 bis Ende 1918 im Felde. Einen ehrenvollen Ruf als Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin, der im Jahre 1924 an ihn erging, lehnte er ab und blieb seiner Frankfurter, Gemeinde treu. Seit Juli 1932 leitet er als Referent des Vorstandes der Frankfurter Gemeinde den jüdischen Religionsunterricht. *)Sonstige selbständige Veröffentlichungen (ausser zahlreichen Aufsätzen in Zeitschriften) sind: 1.) Salomos Tempelbau und Thron in der semitischen Sagenliteratur. 2.) Aus meinem Kriegstagebuch. 3.) Die göttliche Sendung „denn um euch am Leben zu erhalten, hat Gott micn vor euch hergesandt" (1. Mose 45,5). 4.) Deutsche Übersetzung des Hohenlieds in der neuesten Bibelübersetzung von Törczyner. "