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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-10-01 · 1 (10.1935) · page 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
1 (10.1935)
Date
1935-10-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich. Bezugspreis für Gemeindemitglieder rierteljährlich 45 Rpfg. (einschl. Zustellungs- und Erhebungskosten). — Preis der Einzelnummer 25 Rpfg. — Jahresbezug für Nichtmitglieder der Gemeinde RM. 3.— zuzüglich Porte. — Schriftleitung: Fahrgasse 146; Fernsprecher: Sammel-Nummer H. 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. Nr. 33521. — Anzeigenrerwaltung: Annoncen-Expedition M. Isaae * G».» Rayensteinstraße 11, I., Fernsprecher 44868 und 44888. — Anzeigen nach Tarif. — AazeigentdüuB fttr nächste Nummer: 22. Okt. — Die Schrift* leitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblattes nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdrude nur mit Erlaubnis der Schriftleitung gestattet. 14. Jahrgang Frankfurt a. M., Oktober 1935 Nr. 1 Rausch Haschono 5696 von Kabbiner Dr. Alexander Altmann, Berlin Rausch Haschono ist für uns kein bloßer Jahreswechsel, kein bloß astronomischer Wendepunkt, sondern der Tag eines grossen Geschehens, das durch uns und über uns vollzogen werden soll. Es gibt nicht nur das letzte, große „jüngste" Gericht über die Menschen und, Völker, das einmal „am Ende der Tage" sein wird. Nicht bloß am Ende, sondern mitten in der Zeit schon hält Gott seinen Gerichtstag. Was bedeutet, jüdisch gesehen, dieses Gerichthalten Gottes? Erschöpft sich die Wirklichkeit des Rausch Häschono in diesem Begriff "des Gerichtes? Wie bliebe dann dem Menschen an diesem Tage anderes zu tun übrig, als zitternd dazustehen und Leben oder Tod als seinen gerechten Spruch entgegenzunehmen? Wir aber, wissen: Rausch Haschono ist nicht nur der ' T ag der bebenden Erwartung, des hilflosen Gespanntseins, sondern, wie der Midrasch dieses Mehr als Gerichtstag-Sein ausmalt, zugleich der Tag der Zuversicht und der Erhebung, Neubeginn und Erneuerung. Dieses Kontrasterlebnis von Spannung und Lösung, von Zerknirschung und Vertrauen, von Gericht und Gnade drückt sich in besonders konzentrierter und zusammengeballter Form etwa in der Selichaus-Stimnrang des Erew Rausch Haschono aus. Bevor der die Seiichaus abschliessende Pismon ertönt, der mit den Worten „Richter der ganzen Erde" anhebt, wird jene erschütternde Zwiesprache laut, die, sich die Verse aus dem biblischen Schrifttum mit gewaltigem Griff herausholend, Gottes Gericht zugleich beschwört und zugleich abwehrt: „Nicht komm ins Gericht mit uns, denn nicht ist gerecht vor Dir alles Lebendige". Aber doch, „von Dir geh unser Rechtsspruch aus". Denn „fern se^ es von Dir, daß Du solches tätest, zu töten den Gerechten mit dem Bösen, daß der Gerechte sei wie der Böse, fern seij es von Dir, sollte der Richter der ganzen Erde nicht Gerechtigkeit üben?" All dies Überstürzende der Fragen ist möglich, weil vor ihnen die eine grosse Antwort steht, um die hier wie um eine Achse alle diese Fragen kreisen:,, Denn Gott ist unser Richter, Gott ist unser Gesetzgeber, Gott unser König, Er wird uns helfen". Gott ist unser Richter. „Die Bücher der Lebenden und der Toten liegen vor ihm aufgeschlagen." Jede Tat des Menschen hat ihre Handschrift darin verzeichnet. Nichts geht verloren. Über nichts „geht die Weltgeschichte hinweg". Es gibt ein Gericht. Dieses Gericht ist nicht die dunkle Moira der Griechen, die als Schicksal auch noch über dem Göttlichen waltet, kein Fatum, das zwingend den Gang der Dinge vorausbestimmt, kein Zufall, der leicht geschürzt die Ereignisse des Lebens aneinanderbiiidet, aber auch kein Zorneswüten und kein blosses Gnadenwunder-eines willkürhaften Gottes, sondern das Gericht der Gerechtigkeit, das Gericht des "Gottes der Bibel. So dunkel manches" Mal der Sinn eines Geschehens ist, so sicher ist sein Sinn. „Nicht sind meine Gedanken eure Gedanken", aber es gibt eine Gerechtigkeit, die die Welt durchwaltet, auch wenn die Knotungen der Dinge bisweilen unentwirrbar erscheinen. „Maß für Maß" vergilt Gott dem Menschen für sein Tun. Die Propheten, diese grossen Deuter der Geschichte, gebrauchen, um diese Logik der Gerechtigkeitzu bezeichnen, ein kleines Binde-Wort. Es heisst: J^ h. „darum". Das ist der Kausalsatz des biblischen Denkens. Er entmythologisiert da.s Schicksal und lässt es zum Sinn und zur Lehre werden. Jeder einzelne Mensch wird so vor Gottes Richterauge hingestellt. „Alle Bewohner der Welt ziehen an Ihm vorbei wie die Schafe der Musterung." Einzeln in der ganzen Einsamkeit ihres persönlichen Seins, p«-^ j-pjj mbj?£3 > »wie im Stufengang von Bet Maron", der so schmal war, das man nur einzeln über ihn gehen konnte. Keiner kann in der Masse untertauchen, keiner sich auf den andern berufen, im Kollektiven Schutz suchen. Die Lehre von der Gerechtigkeit Gottes ist zugleich der grosse Protest gegen die Lehre von der „Masse Mensch", von der in erster Reihe gesellschaftlich gebundenen Individualität, ist der Protest gegen die Auflösung des Gerichts in die Anonymität der Geschichte. Nicht die Geschichte ist das Weltgericht, sondern in der Geschichte geschieht Gottes Weltgericht. Müssten wir Juden nicht eigentlich abgestumpft sein gegenüber dieser Rausch-Haschono-Idee des Gerichts? Ist es nicht unser dauerndes Schicksal, das Volk der Gerichteten und Verurteilten zu sein? Wie also soll der Jude bangen vor seinem Urteil, das ihm am Rausch Haschono wird? Aber nein, an diesem Tage geht es ja um anderes. Nicht Menschen richten uns heute, Gott richtet uns. Darum ist uns das Gericht des Rausch Haschono zugleich Beglückung und Erhebung. Dieses Gericht wünschen wir uns, denn es macht uns rein und frei. Es stellt uns vor die Schranken nicht der Zeitlichkeit, sondern der Ewigkeit. Es ruft uns zu: Gott ist unser Richter. Gott ist unser Gesetzgeber. Der Gedanke des Gerichts ist nur sinnvoll, wenn er unsere Beziehung zu einem Gesetz unter Gericht stellt. Am Rausch Haschono geht es um das Gericht Gottes, also auch um das Gesetz Gottes. Die Kraft dieses Gerichtstages strömt nur aus einem Wissen um die Sünde. Was ist Sünde? Sünde ist ein religiöser Begriff. Von Sünde kann nur da gesprochen werden, wo der Mensch sich vor Gott weiß. Der Sünder steht nicht vor dem Tribunal seines Gewissens oder einer weltlichen Macht, sondern vor dem Richterstuhl Gottes. Die Sünde umfasst daher alles das, was im Widerspruch zu Gott geschieht, mögen die Menschen auch die Fläche des Gesetzes in Felder abteilen und das eine als dasi Ethische, das andere als das Kultische ~~b^zefthn"eff.1Dle" Tora "ist" ein unzerreissbares Ganzes. Sie-ruft-den

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