Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 13 (9.1935)
- Date
- 1935-09-01
- Page
- Seite 511 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt _Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr. 13 SEPTEMBER 1935 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Ver- . antwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage, Fahrgasse 146, tu richten. Problematik der Es ist ein offenes Geheimnis, daß der „Bund" heute an die Seite von Schule und Elternhaus als dritter Erziehungsfaktor getreten ist. Deshalb müssen alle Erzieher mit ihm rechnen —die städtischen, weil ihre Jugend eine großenteils und jedenfalls bestenteils bündische ist, und die ländlichen, weil sie sich bemühen müssen, die ihnen anvertrauten und heute oft so unheilvoll isolierten jungen Menschen so zu führen, wie wenn sie hündisch wären oder es werden sollten. Kurz gesagt, die „Bünde" sind eine legitime Erscheinungsform des jüdischen Lebens geworden. Die Zeit der oppositionellen Jugendbewegung" ist vorüber, und. umrissenere Formen jugendlicher Lebensgestaltung beginnen sich herauszubilden. Der Weg von Pfadfinderschaft und Wandervogel zu den heutigen nichtjüdischen Organisationen ist eindeutig; die jüdische Jugendbewegung — .mag sie in ihren Anfängen „Blau-Weiss" oder „Kameraden" geheissen haben — ist ein Kind der deutschen und, wenn es in ihr und durch sie so etwas wie den Anflug einer „jüdischen Erneuerung" in unseren Tagen wirklich geben sollte, so wäre sie aus den Gnaden des deutschen Geistes entstanden. Wie die deutsche Bewegung, aus der sie geboren ist, hat auch die jüdische Jugendbewegung das unverbindlich Schweifende, das zugleich romantisch Sehnende und trotzig Negierende ihrer Frühzeit verloren. Nicht staatlich zwar hat sie sich gefestigt, wie die deutsche Jugendbewegung, und nicht sich weithin geeint, es sei denn, man fasse die äußerlich-organisatorische Zusammenfassung in den Dachgebilden der Ortsringe, der Landesjugendausschüsse und des Reichsausschusses der jüdischen Jugendbünde wenigstens als den möglichen Ansatzpunkt einer solchen Einigung auf: der deutsche Staat von heute" hat sie nicht gerufen, und der jüdische Staat ist nicht existent. Gleichwohl ist auch sie, die jüdische Jugend in ihren vielen Bünden, nach beiden Seiten hin, nach außen und nach innen, aus ihrer Fahrt ins Blaue eingekehrt in die kantigen Bereiche der Verantwortung. Nach aussen sind es die Fragen der Berufswahl und nach innen sind es die Fragen des „Lernen s", an denen sich die Problematik jüdischer bündischer Jugend von heute entzündet. Die Frage der Berufswahl steht unter dem Zeichen der Chaluziut. Das soll heissen, daß die soziale Umschichtung, die von Jahr zu Jahr deutlicher in Erscheinung tritt, sich vollzieht in der Ausrichtung auf das Gemeinschaftsempfinden, in der Idee des Vorkämpf ertums. Dies aber bedeutet für das Berufsethos, das im jüdischen jungen Menschen herangebildet wird, eine Umwälzung, die man sich gar nicht radikal genug vorstellen kann. Das Zeitalter des Frühkapitalismus war der seit Jahrhunderten gezüchteten Veranlagung der Juden, ihre Geschäfte unter eigener Verantwortung, und zu eigenem Vorteil oder Nachteil zu führen, weit entgegengekommen; der wagende Kaufmann, der unternehmungslustige Kopf war der Mann der Epoche. Je mehr man dann in den letzten Jahrzehnten von der freien zur gebundenen Wirtschaft mit: ihren Massenorganisationen überging, je mehr der Typ des emsigen Wirtschaftsbürokraten, der allgemein gefordert wurde, desto mehr wurde der hoch hinaus strebende jüdische Individualismus aus einer förderlichen zu einer lästigen Eigenschaft." Es bleibt das Verdienst des zionistischen Flügels der jüdischen Jugendbewegung, zumal des Hechaluz, aus der Not eine Tugend gemacht und große Teile der jungen Generation zum kollektiven Herabschrauben ihrer Berufsansprüche veranlasst zu jüdischen Bünde haben. Für diese Jugend hat sich das Wort Herzls bewahrheitet, daß eine Fahne nicht ein Fetzen Tuch ist, sondern eine Realität. Die deutschjüdische Jugend hat es aus vielen Gründen sehr viel schwerer. Wer der Erhaltung des deutschen Judentums dienen will, muß wissen, daß Umschichtung in landwirtschaftliche Berufe, so, wie die Dinge heute liegen, gar nicht und in handwerkliche Berufe nur in sehr geringem Ausmass möglich sein wird. Es wird die große und dornige Aufgabe des Bundes der deutschjüdischen Jugend sein, die jungen Menschen, die seiner Parole folgen, in die kaufmännischen Beschäftigungen hineinzuführen, deren Lehrstellen heute in so verhängnisvoller Weise offen stehen. Das ist der Grund, weshalb auch für die jungen Kaufleute Formen des Gemeinschaftslebens gefunden werden müssen, die dem Gemeinschaftsdenken der jungen Generation entsprechen. Die Problematik des „Lernen s" hängt mit den Fragen der Berufsumschichtung sehr eng zusammen. Früher waren die Mitglieder der Bünde durchweg Schüler der unteren und mittleren Gymnasialklassen, die Führer Schüler der Oberklassen und Studenten — Menschen also, die ein individuelles Bildungsziel vor sich und einen sehr eigenwilligen Kopf auf hatten. Die Heimabende arteten deshalb leicht zu Diskussionsveranstaltungen aus, und wer über 20 Jahre alt war, den führt sein Weg mit Sicherheit aus Bund und Bindung hinaus. Die bürgerliche Gesellschaft nahm die zurückkehrenden Kinder auf, geprägte Köpfe zwar, aber keine geschlossene revolutionäre Phalanx. Alles dies ändert sich vor unseren Augen mit rasender Geschwindigkeit und „Generationen" folgen beinahe so rasch aufeinander wie früher die Jahrgänge. Mit 13, 14, 15 Jahren werden die Kinder — voreiligerweise, wie wir glauben, aus der Schule getan, bestenfalls in eine Berufsschule, meist aber sogleich in eine Lehre gesteckt. Es ist erstaunlich, was solche junge Menschen nach einem anstrengenden Berufstag an ihren Abenden gemeinsam geistig zu bewältigen versuchen; aber über die Kraft kann niemand. Heute noch hat die Schicht der bündischen Führer wenigstens Mittelschulbildung. In spätestens 1 oder 2 Jahren wird das vorüber sein. Man wird bezweifeln dürfen, ob dann der Bund der Werkleute noch eine Persönlichkeiten wie Hermann Gerson hervorbringen wird. Ein weiteres kommt dazu. Die Heimabende sind systematischer in der Form und jüdischer im Inhalt geworden. Das ist der doppelte Ton, der für jüdische Ohren aus dem Wort „Lernen" spricht. Man treibt Hebräisch und Geschichte, man verbindet beides in der Lektüre des „Tenach", der hebräischen Bibel. Man beschäftigt sich mit jüdischer Gegenwartskunde, palästinozentrisch bei den Zionisten, allgemeiner, aber auch ideologischer gerichtet bei der deutschjüdischen Jugend. Und die gleichen Eltern, die noch vor wenigen Jahren die eine spärliche wöchentliche Religionsstunde für eine zu starke Belastung ihres Kindes ansahen, können sich heute aus dem Gefühl eigener Unzulänglichkeit heraus nicht genug tun an einer — für andere — geforderten Jüdischkeit. Wie nötig wäre sie für die billig Fordernden selbst. Die „Anderen" aber, denen man sie freundlicherweise zuordnen will, brauchen auf den Weg zu ihr nicht erst gedrängt zu werden. Alles, was sie umgibt, äußere Umstände so gut wie innerer Antrieb, leitet sie darauf hin. Vielmehr besteht, ganz und gar umgekehrt, die Gefahr, daß die Jüngeren die Fühlung mit den Werten der allgemeinen Kultur und mit den Wachstumsvorgängen der Umwelt so gründlich verlieren, daß man eines Tages,