Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 13 (9.1935)
- Date
- 1935-09-01
- Page
- Seite 491 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 491 eine Existenz im Ausland finden, später in der Lage sein werden, ihre Eltern und Angehörigen, die heute zum Teil von öffentlichen jüdischen Geldern unterstützt werden, nachkommen lassen oder selbst unterstützen können. In den meisten Fällen können die jungen Menschen ihre Angehörigen nicht gleich mitnehmen, sodaß das Problem der Altersversorgung von ständig wachsender Schwere ist. Besonders gilt dies, weil die Plätze in den jüdischen, Altersheimen sehr beschränkt sind und die Mittel fehlen, um die verhältnismässig hohen Pensionskosten aufzubringen, sodaß die auswandernden Kinder sich schweren Herzens entschliessen müssen, ihre alten Eltern hier zu anderen Familien in Pflege zu geben, was meist einer Unterbringung im Altersheim nicht ohne weiteres gleichzuwerten ist. Vielfach scheitert jedoch die Auswanderung daran, daß die Kinder sich nicht entschliessen können, ihre Angehörigen unter diesen Verhältnissen zurückzulassen, auch wenn eine Auswanderungsmöglichkeit ihnen durch Altersbegrenzung etc. für die Zukunft nicht mehr gegeben ist. Damit fallen auch diese an sich auswanderungsfähigen Menschen der Wohlfahrtspflege zur Last. Wie sieht es nun mit dem vorhandenen Nachwuchs aus? Die Gesamtzahl der jüdischen Kinder in den von uns erfassten Gemeinden betrug am 1 .April 1935 im Alter von j Knaben Mädchen zusammen 0-6 Jahren 177 184 361 6 —14 Jahren j 407 386 793 Von Jahr zu Jahr kommen wesentlich weniger Kinder zur Einschulung. Von den 22 öffentlichen jüdischen Volksschulen des Jahres 1933 dieses Bezirks sind heute nur noch 6 erhalten. Von den hier untersuchten 115 Gemeinden haben heute 23 Gemeinden noch über 10 schulpflichtige Kinder. Von diesen 23 Gemeinden haben nur noch 7 einen Nachwuchs von über 10 Kindern zwischen 0-6 Jahren. Zwei Orte z. B., die heute noch 16 bezw. 17 schulpflichtige Kinder haben, melden einen Nachwuchs von 1 bezw. 2 Kindern zwischen 0-6 Jahren. Wichtiger als je ist nun die Aufgabe der jüdischen Gemeinschaft, diesen Kindern, die isoliert in Kleingemeinden leben müssen, die Möglichkeit nicht nur eines Religionsunterrichtes, sondern einer Erziehung in jüdischem Baum zu geben. Es wird versucht, Kinder, die vollkommen allein in einzelnen Gemeinden leben, wenigstens zu den Feiertagen oder zu anderen Ferien in eine Grossgemeinde zu bringen, damit sie hier jüdisches Leben, jüdischen Gottesdienst, jüdische Gemeinschaft kennen lernen. Es wird weiter versucht, eine Anzahl von Kindern, bei deren Schulbesuch örtliche Schwierigkeiten bestehen, den Besuch einer jüdischen Schule durch Bereitstellung entsprechender Mittel zu ermöglichen. - Neben den Gruppen, die auf Grund allgemeiner Umstände (Altersaufbau, Berufsumschichtung etc.) Hilfe in Anspruch nehmen müssen, bedürfen diejenigen Menschen, die auf Grund besonderer individueller Notstände nicht in der Lage sind, sich selbst ihren Lebensunterhalt zu verdienen, der Betreuung. Vor allem handelt es sich um Menschen, die auf Grund körperlicher oder geistiger Schwäche oder starker geschäftlicher Bindungen nicht beweglich genug sind, eine neue Existenz im In- oder Ausland aufzubauen. Hier müssen in jedem einzelnen Fall neben der materiellen Unterstützung immer von neuem produktive Massnahmen überlegt werden. Besonders in Anspruch genommen wird der Verband auch von kranken und erholungsbedürftigen Menschen,denen wir ärztliche und zahnärztliche Behandlung vermitteln, für die wir Kosten für Medikamente übernehmen, soweit die öffentliche Fürsorge hierfür nicht zuständig ist. Bei der grossen und verschämten Not haben wir leider viele Anträge auf Erholungsverschickung, die auf Grund von Unterernährung notwendig ist. Vielfach gilt es, durch derartige Verschickungen, Beschaffung von Arzneimitteln, Vermittlung von Krankenhausaufenthalt, Beschaffung von Brillen, orthopädischen Ersatzstücken etc. Menschen wieder voll oder wenigstens bis zu einem weitmöglichsten Umfang erwerbsfähig zu machen und ihr Leiden zu lindern. Es ist nicht möglich, im Rahmen dieses Aufsatzes alle Aufgabengebiete des Verbandes aufzuzählen. Jeder aber, der die Situation der jüdischen Bevölkerung auf dem Lande kennt, weiss, daß eine große Anzahl von Familien heute nicht mehr in der Lage ist, den allernotwendigsten und bescheidensten Lebensbedarf zu verdienen, sodaß der Verband nicht nur mit Rat, sondern mit finanzieller Hilfe ständig eingreifen muß. Bekannt ist aber auch, daß die Kreise, die früher in der Lage waren, diese Arbeit zu finanzieren, heute durch die Not selbst in Mitleidenschaft gezogen sind und, wie wir eingangs erwähnten, nicht selten Empfänger statt Geber wurden. In heutiger Zeit, in der neben der materiellen Not die innere Vereinsamung der jüdischen Menschen auf dem Lande immer größer, ihre Situation immer schwieriger wird, sollte es Aufgabe derjenigen Menschen sein, die mit Stolz bekennen, dass sie vom Lande stammen, die Verständnis haben für die Tradition und Eigenart der Menschen draussen, materielle Hilfe zu leisten. Besonders zu den nahenden Feiertagen sind die an uns gestellten Anforderungen gewaltig, sodaß wir sie mit den uns zur Verfügung stehenden beschränkten Mitteln nicht erfüllen können. Wir sind daher auf Geld- und Sachspenden — auch Kleider und Bettwäsche — angewiesen. Damit erst wird uns die Möglichkeit gegeben, einsame, arme und alte Menschen auf dem Land vor der dringendsten Not zu schützen, sie vor Hunger und Obdachlosigkeit zu bewahren und ihnen das Gefühl zu geben, daß in der Grossgemeinde Menschen an ihrem Schicksal Anteil nehmen und das Ihrige tun, um dieses Schicksal zu erleichtern. (Ueberweisungen erbitten wir auf das Postscheckkonto Landesverband für jüdische Wohlfahrtspflege in Hessen-Nassau Nr. 44602, Frankfurt a/M.) Ida Heincmann - ihr Leben und Wirken Zum achzigsten Geburtstag von J. B. Levy Zu dem ochriftverse des 1. B. M. Kap. 23,1: „Des Lebens Saras wurden 100 Jahre und 20 Jahre und 7 Jahre — das sind die Jahre des Lebens Saras" sagt der Midrasch rabba: „Gott kennt die Tage ganzer Menschen, ihr Erbe bleibt für immer" (Ps. 37,18); so wie sie selbst ganz sind, so füllen sie auch ihre Jahre ganz aus: So war auch unsere Stammutter Sara mit 20 Jahren so schön wie mit 7, mit 100 so rein wie mit 20. Jahren — darum also die Einzelaufzählung ihrer Lebensjahre. Und Raschi fügt zu den Schlussworten des Verses hinzu: „sie alle waren einander, gleich bezüglich ihres guten Inhalts". An diese Kommentare werden wir erinnert, wenn wir die rüstige Dame vor uns sehen, der diese Zeilen eine Huldigung darbringen sollen. Wie vor 40 Jahren steht sie vor uns: schön an Körper und an Geist, stark an Güte und an Willen! — ein „ganzer Mensch". Ida Heinemann ist in Mainz geboren, wo ihr Vater Jonathan Mayer die dortige „Religionsgesellschaft" Begründen half. Als Kind kam sie nach Frankfurt, besuchte die Mädchenschule der Israelitischen Religionsgesellschaft und, da man ihre ausgezeichnete Begabung früh erkannte, das Lehrerinnenseminar der „Englischen Fräulein", nach dessen Absolvierung sie die Lehrerinnenprüfung ablegte. Mit grossem Sprachtalent begabt, trieb sie Zeit ihres Lebens mit Vorliebe Französisch. Durch einen längeren Aufenthalt in Paris besonders gerüstet, fand sie bald eine Anstellung an der im Jahre 1869 von Dorothea Japhet, der Tochten des 1 ehrers und Musikers J. M. Japhet, gegründeten und geleiteten Töchterschule. Bald heiratete die Schulleiterin den unvergesslichen Dr. Heinrich Heinemann, der 1872 die Leitung der Schule übernahm, aber schon nach kurzem Eheglück, zwei Söhne und eine Tochter waren dem Paar beschieden, verstarb die Gattin (1880). Dr. Heinemann gab im Jahre 1881 seinem Hause und sei- EHRENFELD zeü i«4 entwickelt o.verordfiert Ihre Ferien-Photos vorzüoiicb