Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 13 (9.1935)
- Date
- 1935-09-01
- Page
- Seite 490 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 490 Die nachstehenden statistischen Feststellungen beziehen sich .auf den Regierungsbezirk Wiesbaden und die obengenannten 3 Vorsteherämter. In diesem Gebiet leben die Juden in vier Grossgemeinden (Frankfurt, Wiesbaden, Hanau und Fulda) und 141 Mittel- und Kleingemeinden. Letztere verteilten sich im Jahre 1932 folgendermassen auf die verschiedenen Klassen von Wohnsiedlungen: . Wohnsiedlung . Einwohnerzahl Anzahl der jüd. Gemeinden Mittelstädte . . . 100.000 — 20.000 3 Kleinstädte . . . 20.000 - 10.000 6 V 10.000 — 5.000 7 Landstädte . 5.000 - 2.000 39 Ländl. Gemeinden 2.000 — 1.0C0 39 » 1.000 — 500 33 500 — — 14 141 Die jüdische Gemeinde entspricht nicht der Ortsgemeinde, sondern oft schliessen sich Juden aus mehreren Ortschaften zu einer jüdischen Gemeinde zusammen. So umfassen die 86 jüdischen Gemeinden in „Ländlichen Gemeinden" Juden aus weiteren 120 Orten unter 2000 Einwohnern. Die Grösse der einzelnen Gemeinden bewegt sich zwischen 9 und 400 Mitgliedern; die folgende Uebersicht zeigt die Entwicklung seit dem Jahr 1932: Anzahl der Juden Anzahl der jüdischen Gemeinden 1932 | 1934 | 1935 f— 49 64 75 77 50—99 44 46 45 100 — 149 21 10 8 150 — 199 3 4 5 200 — 249 3 2 2 250 — 299 1 3 1 300 - 349 2 _ — 350 — 400 3 — — 141 140 138 Fünf Gemeinden (Bad Homburg, Hersfeld, Schlüchtern, Limburg und Marburg), die 1932 noch über 300 Mitglieder hatten, sind schon 1934 restlos zu Gemeinden unter 300 herabgesunken, 1935 gruppieren sie sich bereits alle um 200 (Limburg 250, Schlüchtern 241, Bad Homburg 232, die anderen unter 200). 1934 ist eine Gemeinde aufgelöst, 1935 drei; bei manchen steht die - Auflösung bevor. Die Zunahme der Zwerggemeinden von 1-100 Mitgliedern (108, 121, 122) zeigt deutlich die fortschreitende Schrumpfung aller Gemeinden- Natürlich entspricht der Verminderung der Gemeinden ein starker Rückgang derjuden insgesamt.Es wurden gezählt imi Jahr Juden insgesamt v. H. 1932 7369 100 1934 6214 84,3 1935 5855 79,4 Seit 1932 haben also die gezählten Gemeinden um 1514 Personen, d.h. um 20,6% ihres Bestandes abgenommen. Von der Gesamtabnahme entfällt fast ein Viertel auf das letzte Jahr. Diese Tatsache bestätigt die bereits 1934 gemachte Beobachtung, daß die Abnahme zunächst in den grösseren Gemeinden einsetzte und ei'st langsam auf die kleineren Gemeinden übergriff, nun aber dort verstärkt voranschreitet. Zumeist ist das Vermögen der Gemeindemitglieder in Land- und Grundbesitz oder bei den besonderen Handelsbeziehungen in dem Warenkredit, den man zu geben gezwungen ist, festgelegt. Unter diesen Umständen ist es schwierig, das Kapital für eine Aus- oder Abwanderung sofort freizumachen, sodaß die Auswanderung nur sehr langsam und zum Teil unter erheblichen Verlusten möglich ist. Hinzu kommt die besondere Bodenständigkeit dieser Menschen, die sich nur im alleräussersten Notfall dazu entschliessen, den Heimatort zu verlassen. Schwierig ist für jede Umsiedlung oder Auswanderung auch die berufliche. Gliederung. Ein großer Teil der Kinder dieser früher sehr kinderreichen Familien ist bereits in der Jugend in die Stadt abgewandert, und diejenigen, die auf dem Lande verblieben sind, haben meist nur wenig Erfahrungen über diesen ländlichen Lebenskreis hinaus. Von Kindheit auf sind sie im Geschäft des Vaters aufgewachsen, haben zumeist dessen Geschäft übernommen und sind heute nicht in der Lage, einen neuen Beruf zu ergreifen oder in ihrem alten Beruf in einem anderen Lande eine Existenz zu finden. Da eine Auswanderung nicht möglich ist, gilt es den Grundbesitz zu erhalten, damit wenigstens durch die Bestellung des Gartens und' Landes die Famiiienden notwendigsten Lebensunterhalt selbst verdienen können. In den letzten Jahren der Wirtschaftskrise vor dem Umbruch sind Hypotheken aufgenommen worden, deren Zinsen man heute aus Mangel an Bargeld nicht mehr zahlen kann. Zum Teil haben die Banken, die mit diesen Kauf leuten arbeiteten, Sicherheitshypotheken auf die Häuser eingetragen und verlangen heute, nachdem die geschäftlichen Beziehungen teilweise abgeschnitten sind, Rückzahlung dieser Schulden. Auch wenn die Häuser keineswegs überbelastet sind, bereitet es bei dem Mangel an Bargeld auf dem Lande selbstverständlich dae grössten Schwierigkeiten, derartige Schulden pünktlich abzulösen. Der Verband bemüht sich, soweit das bei den beschränkten Mitteln möglich ist, auch hier zu helfen. Es ist nicht möglich, dass der Verband derartige Schulden ablöst. In vielen Fällen ist es aber gelungen, drohende Zwangsversteigerungen zu verhindern und den Grundbesitz zu erhalten. ' Eine weitere Schwierigkeit für jede Umstellung ergibt sich aus der ungünstigen Altersschichtung unseres Bezirks. Aus der nachstehenden Tabelle, die in Gliederungszahlen umgerechnet ist, wird diese Überalterung offenbar: 114 jüdische Cremeinden, in Hessen-Nassau, gegliedert nach Alter und Geschlecht (Stand vom 1. April 1935): Jahre mann). weibl. insgesamt 0 — 10 11,4 10,2 10,8 10 — 20 12,1 11,1 11,3 20 — 30 13,1 11 12 30 — 40 13,2 15,1 14,3 40 - 50 13,8 14,8 " 14,3 50-60 16,2 17,1 16,7 60 — 70 12,1 11,9 12 70 ff 8,1 9,1 8,6 100 100 100 (3172) (3513) (6685) Unter den von uns gezählten 6685 Personen gab es weniger Jugendliche unter 20 Jahren. (1474) als es Alte über 60 Jahren (1381) und dazu alleinstehende Frauen der mittleren Altersklasse (284) gab. Unsere Zählung ergab 1917 Familien. Auf jede Familie entfallen also rechnerisch 1,3 Kinder und 1 Greis. Tatsächlich kann man diese Familien nur noch als Rumpffamilien bezeichnen, denn fast überall ist eine Person abgewandert. Da ein familienbildender Nachwuchs nicht vorhanden ist, müssen ständig mehr alte Leute von den vorhandenen Familien versorgt werden. Erfahrungsgemäss ist für eine A u s w a n d e r u n g das günstigste Alter zwischen 20-40 Jahren. In unserem Bezirk stehen jedoch nur 26,3% in diesem Alter. Es ist möglich, daß sich für die Menschen dieses Alters neue Auswanderungsmögliehkeiten ergeben. Diese sind aber abhängig von einer entsprechenden Beruf sumstellung. Hier werden im Verhältnis zu den sonstigen Aufgaben die grössten Mittel aufgewandt. Wir rechnen damit, dass die Menschen, die auf Grund dieser neuen beruflichen Ausbildung